Kultur

Psychoanalyse und lesbische Sexualität

Um gute Fachliteratur über lesbische Sexualität auszugraben, in der Lesben nicht stigmatisiert werden, braucht es einen gewissen archäologischen Spürsinn. Solche Bücher sind rar und oft von einer morastigen Schicht aus Vorurteilen verschüttet. Wieso?

„Man geht einfach davon aus, dass Sex nur stattfinden kann, wenn ein Mann seinen Pimmel irgendwo reinsteckt.“

Manuela Kay (Journalistin, Autorin, Verlegerin L-MAG und SIEGESSÄULE)

Dieses Zitat gehört zu meinen persönlichen Highlights aus Vom Lärm des Begehrens. Das Buch ist dieses Jahr (2021) von dem Psychologen-Trio Victoria Preis, Aaron Lahl und Patrick Henze-Lindhorst herausgegeben worden. 2020 organisierten sie ein Symposium mit Fachvorträgen zum Thema Psychoanalyse und lesbische Sexualität – die erste Tagung dieser Art in Deutschland. Der Versuch, die bisher kursierenden, teils veralteten Theorien zu hinterfragen und zu aktualisieren, habe eine extrem emotionale und kontroverse Resonanz ausgelöst.

Dieses Buch ist eine Antwort auf den bewiesenermaßen riesigen Redebedarf zwischen Lesben und Psychoanalyse. Es ist eine klug ausgewählte Sammlung von Essays mehrerer Autor*innen, die teilweise inhaltlich verschiedene Standpunkte vertreten. So kann die geneigte Leser*in sich differenzierten Input holen.

Aber lohnt sich die Lektüre überhaupt für jemanden, der nicht selbst Psychologie studiert hat?

Ich (interessierte Laiin ohne psychoanalytische Vorbildung) durfte Vom Lärmen des Begehrens lesen und danach meine Fragen an die Herausgeber stellen. Wie habe ich mich beim Lesen zurechtgefunden, was waren meine großen Aha-Momente und an welchen Stellen habe ich Stirnfalten bekommen?

Was Vom Lärmen des Begehrens uns bietet

Zum Einstieg gibt es einen historischen Abriss dessen, wie die Psychoanalyse bisher mit lesbischen „Patientinnen“ umgegangen ist, danach folgen psychoanalytische Theorien und Debatten zum Thema. Außerdem wurden Kommentare zur oben erwähnten Tagung und zwei kulturell orientierte Beiträge mit in die Auswahl aufgenommen. Das informative Spektrum ist weit.

Lesetipp: Die Geschichte der Homosexualität

„Das Buch ist an lesbische Analytikerinnen, psychoanalytisch interessierte Lesben, Aktivist_innen und alle Interessierten gerichtet. Also letztlich alle, die in diesen spannenden Diskurs eintauchen möchten – oder etwas dazu beitragen“, sagt Patrick Henze-Lindhorst.

Manche Beiträge setzen Hintergrundwissen voraus, das mir beim Lesen gefehlt hat. Es ist Jahre her, seit ich einmal angefangen habe, mich mit Sigmund Freud zu beschäftigen, und weil ich die Gedanken des alten Mannes damals nicht besonders sexy fand, hab ich es wieder gelassen. Wer aber zumindest die Grundlagen kennt und sich von der Fachsprache nicht aus dem Konzept bringen lässt, kommt gut mit. Viele Autor*innen fassen den Kern ihrer jeweiligen Ausgangsthese zusammen, bevor sie weiter darauf aufbauen.

Der Penis ist überall mit von der Partie

In einer patriarchalen Gesellschaft ist der Mann das Gravitationszentrum, um das alle psychoanalytischen Thesen kreisen. Vom Lärmen des Begehrens hinterfragt diesen Umstand kritisch, muss ihn aber natürlich in die Grundlage der Argumentation mit einbeziehen, weil er handfester Bestandteil unserer Realität war und ist. Der Phallus ist das Symbol der Macht schlechthin und die Psychoanalyse ist daran nicht ganz unschuldig, hat sie doch am defizitären, penislosen, passiven Bild der Frau ordentlich mitgebastelt.

Das weibliche Begehren wurde immer mit dem maskulinen verglichen: Der Begriff Penisneid ist viel populärer als Vaginaneid; die (zugegeben, nicht mehr ganz aktuelle) Penetrationsdebatte in der Lesbenszene legt nahe, dass Penetration als Unterdrückungswerkzeug assoziiert werden kann; Kastrationsangt scheint für viele Männer eine reale, berückende Angst zu sein, die unmittelbar mit der Furcht vor Macht- und Überlegenheitsverlust zusammenhängt.

Soweit die Theorie. In der Realität habe ich aber noch keinen Mann sagen hören, eine Frau sei ihm aus dem Grund unterlegen, weil ihr der Penis fehle.

„Ich glaube, auch wenn dir noch kein Mann begegnet ist, der das so direkt gesagt hat, würden Kay und Tomanek [zwei Autorinnen, die Beiträge für das Buch verfasst haben, Anm. der Redaktion] darin zuzustimmen, dass die Aufladung des Penis als Machtsymbol immer noch unsere Realität strukturiert und dass sie auch bei vielen Männern in direktem Zusammenhang mit einer „Geringschätzung“ gegenüber Frauen steht, wie Freud das übrigens schon festgestellt hat. Dass viele Männer die ‚phalluslose‘ lesbische Sexualität verniedlichen oder sich von ihr eingeladen wähnen, dass sie sich umgekehrt von schwuler Sexualität unmittelbar bedroht fühlen (weil das Penetriertwerden nach wie vor als kastrierender Akt aufgefasst wird), ist da ein Symptom von vielen“, schreibt Aaron Lahl auf meine Frage.

Stimmt! Hand hoch wer schon Mal unaufgefordert zu einem Dreier eingeladen wurde. Allerdings gibt es auch Männer, die sich Lesben gegenüber aggressiv verhalten.

Hat mich sprachlos gemacht: fragile masculinity

Wenn ich genauer darüber nachdenke: Sexuelle Angriffe scheinen sich generell oft gegen Frauen zu richten, die sich weigern, die patriarchale Selbstherrlichkeit zu spiegeln. Wir lesen häufig von Frauen, die attackiert wurden, weil sie es wagten, einem Mann einen Korb zu geben. Um Vergewaltigungs- und Morddrohungen zu erhalten, reicht es schon, sich mit unrasierten Beinen zu zeigen. Eine Frau, die offen signalisiert: Ich lasse mich von Dir nicht zum Sexobjekt herunterstufen! zieht Zorn auf sich, der lebensgefährlich sein kann.

In ihrem Aufsatz Die Sehnsucht der Frau nach der Frau schreibt Julia Tomanek, dass eine unabhängige Frau mit eigenständigem Begehren den Mann in eine Position bringen würde, in der er zurückgewiesen werden, versagen oder den Ansprüchen der Frau nicht genügen könnte. Das erzeuge Scham und Angst und könne „gefährliche narzisstische Wut“ hervorrufen.

Victoria Preis erklärt: „Wenn eine Gesellschaft gleichberechtig ist oder wird, ist die männliche Vormacht bedroht. Diese Veränderungen sind für manche sicherlich angstauslösend oder verunsichernd.“

Und Hanna Brögeler & Carolin Cyranski schreiben: „Die Lesbe, also genaugenommen eine Frau, die ohne Penis leben kann, repräsentiert eine spezifische Form der Bedrohung gerade durch diese Absage an die patriarchale Gesellschaft.“ Außerdem: „Die lesbische Frau zeigt sich autonom und sogar sexuell kastrierend, da sie jegliches Begehren, das sich auf den Phallus richten würde, für sich ablehnt und damit entwertet.“

Für mich war das eine enorm aufschlussreiche und zugleich verstörende Erkenntnis. Klar, die Symptome waren mir nicht neu, aber ich habe endlich über eine mögliche Diagnose für das Problem gelesen. Seitdem habe ich mich mit (heterosexuellen) Männern unterhalten, die mir diese Versagensangst bestätigten und sich wünschten, es gäbe ein Umdenken und mehr Akzeptanz von beiden Geschlechtern.

Lesetipp: Homophobie ist Futterneid (Teil1)

Freud und ich = Konfliktpotenzial

Als Laiin habe ich mich sehr darüber gewundert, wie Sigmund Freud alles im Leben eines Kindes zu sexualisieren scheint, insbesondere die Eltern-Kind-Beziehung. Irritiert frage ich nach.

„In der Psychoanalyse wird von infantiler Sexualität gesprochen, die schon zu Freuds Zeiten Skandalpotential hatte. Freud versteht die infantile Sexualität nicht als genitale, also auf die Fortpflanzung ausgerichtete Sexualität. Sie folgt keiner Funktion, außer der der Lustgewinnung“, klärt Victoria Preis mich auf. Aha, hier hätte ein bisschen Hintergrundwissen meinerseits nicht geschadet. Aber wann hat man schon einmal die Chance, Expert*innen direkt zu fragen? ;-)

Ich staune, als ich lese, dass Freud Homosexualität seinerzeit als „nicht therapiebedürftig“ bezeichnete. War der Gute am Ende doch fortschrittlicher als ich dachte?

Mir wird klar: Es ergibt keinen Sinn, der Psychoanalyse zustimmen oder sie abzulehnen zu wollen. Ebenso wenig, wie man Freud per se toll finden oder ihn für verrückt erklären kann. Wissenschaft entwickelt sich ständig weiter, sie lebt davon, dass Theorien aufgestellt und widerlegt werden.

Ich finde es sehr gut, dass Vom Lärmen des Begehrens die Altersschwächen der Psychoanalyse nicht verschweigt, sondern ansatzweise zu aktualisieren versucht oder offen zur Debatte gibt.

Psychoanalyse wirft interessante Fragen auf

Welche Faktoren in der frühkindlichen Entwicklung können beeinflussen, ob jemand hetero- oder homosexuell wird? (Darf man das überhaupt fragen?)

Welcher mögliche Zusammenhang besteht zwischen Lesbischsein und sexuellem Trauma?

Ist es sinnvoll, sexuelles Begehren in homo, hetero, bi, poly… zu kategorisieren?

Was ist das für ein Spannungsfeld zwischen Homo- und Transsexuellen? Fühlen Lesben sich etwa von Transmenschen bedroht?

Wäre es nicht besser, wenn wir uns angesichts dieser vielen theoretischen Überlegungen alle mal locker machen, die Nägel schneiden und über handfesten Sex reden würden?

Über diese und noch viel mehr spannende Fragen liest Du in Vom Lärmen des Begehrens!

Was vom Lärmen des Begehrens übrig bleibt

Für mich hat das Buch einige bislang eher unfundiert gehegte Vermutungen bestätigt, andere mit guten Argumenten widerlegt und für ein paar Momente der Erleuchtung gesorgt.

Viele Stellen habe ich mir mit dem Hintergedanken markiert, sie Bekannten oder Verwandten vorlesen zu wollen. (Ohne vorher um Erlaubnis zu fragen natürlich, hehehe…)

Manche der Beiträge nehmen aufeinander Bezug und führen Gegenargumente für die Behauptungen des jeweils anderen an. Das hilft, die Perspektiven besser abwägen und sich seine eigene Meinung bilden zu können.

Lust bekommen? Dann besuch jetzt die Seite des Psychosozialverlags und hau das Buch in Deinen Warenkorb. ISBN-13: 978-3-8379-3038-2

Oder kann Vom Lärmen des Begehrens Dir gar nichts Neues mehr beibringen, weil Du schon andere Bücher dazu gelesen hast? Wir freuen uns auf Dein Feedback und über Lese-Empfehlungen!

Wir danken Victoria Preis, Aaron Lahl und Patrick Henze-Lindhorst herzlich für ihre Zeit und Geduld mit den Fragen unserer Redakteurin und dem Psychosozialverlag für das Rezensionsexemplar.



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