Kommentar / Rezension / Kolumne

Homophobie ist Futterneid Teil 1

Sind die nur neidisch?

Wir können uns über homophobe Anfeindungen echauffieren, uns angegriffen fühlen und darüber klagen. Wir können Freundschaften dafür aufgeben. Den Hass, dem Lesben und Schwule viel zu oft ausgesetzt sind, erwidern. Bevor wir das tun, sollten wir uns aber mindestens einmal in eine ruhige Ecke begeben und uns fragen: Warum wird ein Mensch homophob? In Teil 1 nehmen wir das Modell „homophober Mann“ auseinander, um die Hintergründe schwulenfeindlichen Verhaltens kennenzulernen. Lesebrille auf und mitgedacht!

Wider die Natur

Dass niemand homophob zur Welt kommt, ist klar. Das Märchen, Homosexualität sei unnatürlich, ist inzwischen auch widerlegt. Liebe unter Geschlechtsgenossen kommt im Tierreich recht häufig vor. Schwule Giraffen, Delfine, Schwäne, Pinguine… Artübergreifend gibt es immer wieder gleichgeschlechtlichen Sex. Nicht immer handelt es sich dabei um Partnerschaften, aber es sind durchaus konkrete Fälle von Paaren bekannt, die sich über viele Jahre hinweg die Treue halten und zuweilen eine wichtige Rolle in ihrer tierischen Gemeinschaft einnehmen, indem sie zum Beispiel verwaiste Kinder anderer Artgenossen adoptieren und großziehen.

Auch wenn wir die Geschichte der Homosexualität betrachten, stellen wir fest: Lesben und Schwule gab es schon immer. Homophobie ist dagegen ein relativ neues Phänomen, für das es keine „natürliche“ Veranlagung zu geben scheint. Eigentlich könnte alles Regenbogen chic sein. In der bitteren Realität aber werden Homosexuelle in manchen Ländern noch immer verfolgt und müssen hohe Freiheitsstrafen und Gewalt befürchten, bis hin zur Exekution.

Eine internationale Übersicht über die juristischen Bestimmungen zu Homosexualität. Stand 2017

Was ich nicht haben kann…

Studien legen nahe, dass Homophobie oft durch die Unterdrückung der eigenen, gleichgeschlechtlichen Neigungen entsteht. Untersuchungen wie die der University of Rochester (2012) ergaben, dass Männer, die von ihrer eigenen Heterosexualität überzeugt waren und als schwulenfeindlich eingestuft wurden, intensiver auf homosexuelle Reize reagierten.

Besonders bemerkenswert finde ich eine Studie, die die University of Georgia 1996 durchführte.

Die Versuchspersonen waren 64 Hetero-Männer. Unter ihnen befand sich kein Einziger, der sich als bedingungslos schwulenfreundlich erwiesen hätte. Die Wissenschaftler mussten ihr Modell zur Einordnung auf dem „Index of Homophobia (IHP)“ überarbeiten, da wider Erwarten keiner der Versuchsteilnehmer Fragen wie „Würden Sie sich unbehaglich fühlen, wenn Sie sich in einer Gruppe Homosexueller aufhielten?“ mit einwandfreiem Nein beantwortete. Die Forscher stellten also zunächst die Intensität des Unbehagens und der Abneigung fest, die die Männer beim Kontakt mit Schwulen, oder dem bloßen Gedanken daran, erfasste.

Schließlich teilten sie die Gruppe in 29 nicht bzw. kaum homophobe und 35 homophobe Kandidaten ein. Sie führten ihnen erotisches Videomaterial von 1) heterosexuellen 2) lesbischen und 3) schwulen Paaren beim einvernehmlichen Liebesspiel vor. Gleichzeitig wurde der Grad der sexuellen Erregung über einen Sensor direkt am Penis der jeweiligen Versuchsperson gemessen.

…gönne ich anderen nicht.

Das Ergebnis: Sowohl homophobe als auch nicht-homophobe Männer reagierten erregt auf die ersten beiden Videosequenzen. Der signifikante Unterschied zeigte sich erst bei Clip 3. Während die Nicht-Homophoben beim Anblick schwuler Liebender völlig unbeeindruckt blieben, war bei 80% der homophoben Teilnehmer eine eindeutige sexuelle Erregung messbar.

Daraus lässt sich ableiten, dass wahrscheinlich deutlich über die Hälfte aller offen schwulenfeindlichen Männer selbst homosexuelle Neigungen haben.

Woher kommt der Hass?

Eine Antwort führt bekanntlich zur nächsten Frage. Wieso sollte jemand Schwule diskriminieren, wenn ihn die Vorstellung gleichgeschlechtlicher Liebe selbst erregt?

Eine mögliche, wunderbar schlüssig zusammengefasste Erklärung hat Richard Ryan, Professor of Psychology, Psychiatry and Education an der University of Rochester:

Wer negativ auf Homosexualität reagiert, obwohl er selbst eine Veranlagung dazu besitzt, ist sich dieser Neigung meist nicht bewusst. Vielleicht besitzt er konservative Vorstellungen von Moral, mit denen er sich selbst vorschreibt, wie er als „normaler“, wertvoller Mensch zu sein hat. Wir alle haben das Verlangen nach Anerkennung und Bestätigung von unseren Mitmenschen. Um dieses Grundbedürfnis zu stillen, neigen wir dazu, uns so zu verhalten, wie andere es von uns erwarten und unser Selbstbild an deren Vorstellungen anzupassen. Mehr dazu in meinem Artikel Schublade auf – Identität rein.

Die Sehnsucht, geliebt zu werden

Dieses Bedürfnis betrifft uns alle, Lesben, Schwule, Heteras, Inter- und Transsexuelle, jeden einzelnen Menschen, der nicht gelernt hat, sein eigener Maßstab zu sein – und das, ihr Lieben, ist ein lebenslanger Prozess für uns. Manche haben einen besseren Start, weil sie das Glück hatten, von ihren Eltern bedingungslos in ihrem Selbstwert bestärkt worden zu sein. Oft knüpfen wir aber (zumeist ebenfalls unbewusst) Bedingungen an die Liebe, die wir unseren Kindern zuteilwerden lassen. Dazu gehört eben auch die sexuelle Identität.

Ein Mensch, der fürchten muss, wegen seiner erotischen Veranlagung sein Gesicht und die Anerkennung seiner Familie zu verlieren, hat es schwerer, sich sein wahres Begehren einzugestehen. Erst recht, wenn er selbst daran glaubt, dass es in irgendeiner Weise schädlich oder verabscheuenswert sei. Außerdem kommt er auch ganz gut mit Frauen zurecht. Und je älter er wird, je länger er den ungeliebten Teil seiner Sexualität unterdrückt, desto mehr Leidensdruck staut sich in ihm an, der sich als Aggression und Feindschaft Bahn bricht, sobald ein homosexuelles Pärchen seinen Weg kreuzt.

Der Schauspieler Morgan Freeman sagte einmal:

„Ich hasse das Wort Homophobie. Es ist keine Phobie. Du bist nicht verängstigt. Du bist ein Arschloch.“

Aber stimmen wir nach dem, was wir soeben erfahren haben, noch mit Mr. Freeman überein? Hm. Möglicherweise spricht er von einem Arschloch, dass sehr viel Mitgefühl und Verständnis nötig hat…

Persönlich betroffen oder nicht?

Was ist mit den restlichen 20%?

Ein kleinerer Teil der homophoben Versuchspersonen aus der Studie von 1996 zeigte keinerlei Erregung bei der Ansicht des homoerotischen Videos, das dürfen wir nicht vergessen.

Ein anderer „Typ“ der schwulenfeindlichen Kategorie könnte grob umrissen vermutlich so aussehen: Unwissend, hat sich noch nie ernsthaft mit Homosexualität befasst. Desinteressiert, weil er sich den Sex ob seiner Hetero-Veranlagung einfach nicht vorstellen kann. Vielleicht widert es ihn sogar an. Jedenfalls betrifft es ihn nicht persönlich, er kann sich nicht in die Lage eines Schwulen versetzen und dessen Probleme nicht nachvollziehen. Möglich, dass in seinem Umfeld bereits eine bestehende Meinung zum Thema herrscht, der er sich einfach anschließt. Weil es bequem ist und er keinen Grund hat, mehr Informationen einzuholen als die, die er nur vom Hören-Sagen hat. Hinzu kommt vielleicht noch eine religiös zementierte Ansicht über Fruchtbarkeit und ein traditionelles Familienbild.

Im Gespräch wird sich dieser Typ zwar wie ein Prolet verhalten und, einmal in Fahrt, einen schwulenfeindlichen Satz nach dem nächsten ablassen. Aber Aggression und Hass kann nur derjenige entwickeln, der sich persönlich, in seinem Selbst angegriffen fühlt, und da seine Ablehnung hauptsächlich auf Unverständnis fußt, fehlt diesem Typ, den imaginären 20%, die der Anblick eines fremden Penis‘ vollkommen kalt lässt, der emotionale Aspekt.

Fazit

Homophobie resultiert zu einem Großteil aus falsch verstandener Männlichkeit und unterdrückten Gefühlen. Wenn wir schwulenfeindlichen Männern Futterneid unterstellen, liegen wir damit in mehr als der Hälfte aller Fälle richtig.

Hoppla, jetzt haben wir die ganze Zeit über Männer gesprochen… In Teil 2 werden wir die beiseite schieben und zum Modell „homophobe Frau“ wechseln – wenn es das gibt. Eine Studie provoziert mit der Frage, ob Frauen ihrer Veranlagung nach überhaupt ausschließlich hetero sein können. Wie weit reicht das sexuelle Spektrum? Und was können wir tun, um Homophobie wirksam entgegenzutreten? Seid gespannt!

Lasst uns inzwischen die Wartezeit verkürzen und verratet mir, welche Erfahrungen ihr mit Homophobie machen musstet und welche Erkenntnisse ihr dabei gewonnen habt. Ich bin neugierig auf Eure Meinungen und persönliche Wissensschätze!



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