Kommentar / Rezension / Kolumne

Ich heiße nicht Muschi

Mein Name ist nicht Muschi!

Einige benennen ihre Katze danach – doch die meisten Frauen tun sich schwer mit der Wortwahl, wenn es um das weibliche Geschlecht geht. Wenn wir einen Begriff finden wollen, der einigermaßen neutral ist, ohne wahlweise abwertend, steril oder ulkig zu klingen, müssen wir eine Weile überlegen. Und haben wir endlich unseren Frieden damit gemacht, zuckt unser Gesprächspartner beim selbstbewussten Klang von Muschi und Möse zusammen. Welche Alternativen haben wir bei der Namensgebung unserer besten Freundin? Und woher dieses Unbehagen? Lasst uns kreativ werden…

„Du hast vollkommen recht. Bitch.“

Dass es diskriminierend ist, jemanden zu beschimpfen, indem man ihn als schwul bezeichnet, ist inzwischen durchgesickert. Fotze und Pussy dagegen erfreuen sich als Schimpfwörter ungebrochener Beliebtheit. So auch Bezeichnungen, die mit der weiblichen Sexualität in Zusammenhang stehen.

Ich staune nicht schlecht, als ein (männlicher) Freund mitten im Gespräch „Bitch.“, an seinen Satz anhängt und im Brustton der Überzeugung hinzufügt: „Das meine ich übrigens nicht als Beleidigung. Für mich ist das ein positives Wort.“

Aha. Meines Wissens nach bedeutet Bitch übersetzt soviel wie „Schlampe“ oder „Hündin“ und egal welche blumigen Gedanken ein Mann mit diesen Worten verbindet, ich habe nicht darum gebeten, so bezeichnet zu werden.

Allerdings muss ich zugeben, dass er in einem recht behält: Wörter eignen sich die Bedeutung an, die wir ihnen geben. Wenn wir anfangen, negativ assoziierte Wörter in positiven Zusammenhängen zu verwenden, wird sich im Laufe der Zeit unsere Einstellung zu ihnen ändern.

Niemand reißt sich darum, eine Schlampe genannt zu werden. Dahinter steht, wenn man es genau betrachtet, aber vor allem die Angst, der eigenen sexuellen Aktivität wegen verurteilt zu werden. Promiskuität, also sexuelle Freizügigkeit, wird bei Frauen als etwas Schlechtes angesehen. Nur darum funktioniert „Bitch“ als Beleidigung. Mein Freund wollte das Wort um die Bedeutung einer starken, sexuell offenen und selbstbestimmten Frau bereichern. Auch, wenn er sich dabei reichlich unbeholfen anstellte.

Über Penisse und Hysterie

Wir reagieren empfindlich, wenn es um die weibliche Lust und die damit verbundenen Organe geht. Im scheinbaren Gegensatz dazu werden Frauen häufig sexuell beschimpft, das Durchsetzungsvermögen und die Leistungen starker Frauen viel zu oft dadurch herabgesetzt, indem man ihnen unterstellt „untervögelt“ zu sein – hier zeigt sich das Ungleichgewicht zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht, weil Penissen im Subtext eine für die Frau unverzichtbare Rolle zugeschrieben, ja ihre ganze psychische Stabilität vom Zugang zu einem erigierten, männlichen Geschlechtsorgan abhängig gemacht wird.

Unbefangene Frauen, die frei heraus sagen, was sie bewegt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und ohne sich darum zu kümmern, ob sie ladylike erscheinen, werden noch immer als „hysterisch“ abgestempelt. Um zu verstehen, wieso wir also darauf programmiert sind, auf jeden Fall zu vermeiden, als promiskuitiv, zickig, hysterisch und was weiß ich angesehen zu werden, hilft es, sich vor Augen zu führen, welche Folgen dies noch vor wenigen Jahrzehnten nach sich zog.

Es war einmal…

…ein Arzt, der unerklärliche Gemütszustände bei Frauen auf das Wirken ihres aufmüpfigen Geschlechts zurückführte und daraus schlussfolgerte, dass weibliche Schöße regelmäßig ihre Ladung Sperma brauchten, um die Hirnfunktion der betreffenden Dame zu normalisieren. Wer der Arzt war, der das Gerücht in die Welt setzte, weiß niemand. Fakt ist, dass man schon in der Antike von der beschriebenen Theorie ausging. Im 19. Jahrhundert wurde eine Wissenschaft daraus, bis man sich in den 1980ern darauf einigte, den Begriff Hysterie getrost aus dem medizinischen Wortschatz streichen zu können.

Nennt uns heute jemand im Vorbeigehen hysterisch, können wir das getrost belächeln. Wie wir sehen, liegt aber die Zeit noch nicht zu lange zurück, in der Hysterie eine Diagnose war, die zur Einweisung in Irrenhäuser führen konnte. Zu den angenommenen Symptomen zählten ein gesteigertes Geltungsbedürfnis, Kritikbereitschaft sowie Stimmungsschwankungen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein glaubte man, Hysterie sei eine Krankheit, die von der Gebärmutter ausgehe und sich zeige, wenn die Patientin sexuell unbefriedigt und infolgedessen unausgeglichen sei. Die Behandlung: unverheiratete Frauen so schnell wie möglich verheiraten oder, wenn das nicht half, sexuell befriedigen.

Nachdem man erkannt hatte, dass Maßnahmen wie Hypnose, Elektroschocks und das Abdrücken der Eileiter (Beschneidung gar nicht eingerechnet) weitestgehend ohne Wirkung blieben, führten Ärzte den gewünschten Effekt durch Intimmassagen herbei. Zu diesem Zweck, der Entspannung hysterischer Weiber, wurde übrigens der Vibrator erfunden. Und es erklärt, wieso manche noch immer an der Vorstellung kleben, lesbische, feministische oder auf andere Weise nonkonforme Frauen durch einen Penis „heilen“ zu können.

Wie nennen wir sie denn nun?

Das erklärt vielleicht, wieso wir uns vor einem offenen Umgang mit Sexualität fürchten, wozu auch eine klare Benennung der eigenen primären Geschlechtsmerkmale gehört. Mit der medizinischen Variante ist Frau auf der sicheren Seite – sollte man meinen, aber selten werden Begriffe wie Vulva und Vagina korrekt gebraucht. Sie bezeichnen unterschiedliche Regionen: Die Vulva umfasst das äußerlich Sichtbare, also Klitoris und Schamlippen. Was jenseits der Geschlechtsöffnung im Inneren liegt, nennt sich Vagina bzw. Scheide. Mehr zur Anatomie hier.

Schwieriger wird es in der Umgangssprache. Muschi, Möse, Mumu und Spalte sind zwar gebräuchlich, allerdings auch recht direkt. Wer das umgehen will, erfindet Verniedlichungen, Umschreibungen oder eigene Synonyme. Blüte, Blümchen, Pflaume, Feige, Hummel, Döschen, Falle, Kätzchen, Tasche, Liebesmund, Wundertüte, Kuschelhöhle, Froschmaul, Freudental… wie weit der Humor eben reicht.

Wo Neutralität gewünscht ist, bietet es sich an, vom Schritt, Schoß oder Intimbereich zu sprechen. Ein einigermaßen ästhetischer Begriff ist Yoni. Es stammt aus dem Sanskrit und kann mit Ursprung, Quelle oder Ort der Ruhe übersetzt werden.

Der Ton macht die Musik

Am Ende ist das Wort selbst gar nicht so entscheidend. Viel mehr zählt die Art, wie es ausgesprochen wird. Man kann alles abwertend oder anerkennend klingen lassen. Wofür auch immer wir uns entscheiden, sollten wir es so gebrauchen, dass es uns selbst und andere ermutigt und bestärkt.

Was meint ihr dazu? Kommentare sind willkommen.



Previous post

Schublade auf, Identität rein

Next post

Homophobie ist Futterneid Teil 1

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.