Kommentar / Rezension / Kolumne

Untenrum frei

Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind.

Margarete Stokowski

Ein Buch, das ich uns allen um die Ohren hauen möchte!

Ich bin mir dessen bewusst, dass wir Bücher tendenziell gut finden, wenn sie unsere persönliche Meinung enthalten. Vielleicht finde ich Untenrum frei auch deshalb so gut – obwohl es mir gleichzeitig einen Spiegel vorhält, dessen Reflektion ich manchmal lieber ausgewichen wäre. Ganz ehrlich, ich hatte mich für aufgeklärter gehalten. Aber dann kam Margarete Stokowski und bewies: es geht noch viel, viel mehr. Und es muss auch.

Das verspricht die Inhaltsangabe

In Untenrum frei erzählt die Autorin und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski, wie es ist, als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen. Sie schreibt von unzulänglichem Aufklärungsunterricht, von Gewalterlebnissen, von Sex und von Liebe und zeigt: Noch immer besteht mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit eine kollektive Schieflage. Für Veränderung im Großen, so Stokowskis These, bedarf es den Blick auf die Details. Ein persönliches, provokantes und befreiendes Buch.

Ja, es geht auch um Sex

Wenn ich schreibe, ich möchte das Buch allen um die Ohren hauen, schließe ich mich selbst davon nicht aus. Vor der Lektüre von Untenrum frei war mir nicht bewusst, wie tief manche Vorurteile und Rollenklischees noch in meinem Denken und, folgerichtig, in meiner Rhetorik verankert sind. Dieses Buch hat mir eine völlig neue Dimension der Argumentation eröffnet.

Dabei geht es nicht nur um political correctness, sondern um die einfache Tatsache, dass wir Frauen nicht „die zweite Art Mensch“ sind. Dass Sex nichts ist, was parallel von unserer Einflussnahme abläuft. Keine Qualifikation, die Frau mitbringen muss, um auf dem Beziehungsmarkt bestehen zu können.

Anstatt anzuklagen, berichtet Margarete Stokowski freimütig von ihren persönlichen Ängsten, Fehltritten und Traumata. Gepaart mit ihrem unverwechselbaren Humor, passenden Zitaten und Anekdoten entsteht ein authentisches, intellektuell wie emotional ansprechendes Leseerlebnis.

Untenrum frei möchte ich nicht nur weiterempfehlen, ich möchte auf einem Seil balancierend Exemplare auf die Köpfe der staunenden Menge unter mir regnen lassen. Auf dass die Botschaft auch in den Köpfen ankommt! LESEN! JETZT!

Margarete Stokowski

Margarete Stokowski ist besser als böse

Die Zeit hat Untenrum frei wie folgt kommentiert: „Der neue Feminismus hat hier einen coolen Auftritt: witzig und böse. Macht das Thema genussvoll für alle Seiten.“

Am liebsten würde ich eine ganze Abhandlung darüber schreiben, wieso dieses Buch weder witzig noch böse ist! Es enthält keinen „Witz“, macht sich über niemanden lustig und regt auch nicht dazu an, belacht zu werden. Stokowskis Schreibstil enthält Humor – das ist ein himmelweiter Unterschied! Und eine Stelle, die das Attribut böse verdient hätte, konnte ich auch nicht finden. (Belehrt mich gern eines Besseren.)

Es ist schonungslos. Persönlich. Und dass ich beim Lesen lachen musste, ging nicht auf Kosten anderer.

Das Zitat soll das Buch bewerben und ihm den Anschein locker-fluffiger Publikumstauglichkeit geben. Aber das hat Untenrum frei nicht nötig. Ebenso wenig, Feminismus für irgendeine Seite genussvoll zu machen.

Denn am Ende steht man als Leser/in vor der Erkenntnis: es gibt sie nicht, die beiden Seiten. Die beiden voneinander getrennten Lager, zwischen denen es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten gibt.

Wir sind Menschen. Und wir brauchen keine Labels.

Ist Feminismus Wissenschaft?

Wer sich die Amazon Bewertungen durchliest, merkt: Untenrum frei polarisiert. Entweder man liebt oder man hasst es.

Vertreter letzterer Ansicht werfen der Autorin gern Unwissenschaftlichkeit, persönliche Frustration und Haarspalterei vor. Sei doch alles nicht so schlimm, sexuelle Gewalt gegen Frauen komme nur in Einzelfällen vor und sich über Rhetorik zu unterhalten sei ohnehin überflüssig weil Sexismus ja „gar nicht so gemeint“ sei. Margarete Stokowski sei eine PR-Figur des Feminismus, die nur herummeckere anstatt Lösungsvorschläge zu bringen.

Da das Buch selbst ausreichend Argumente enthält, um diese Kritik zu entkräften, gehe ich darauf nicht weiter ein. Viel interessanter finde ich die Frage: Ist Feminimus Wissenschaft? Hätte Untenrum frei eine vor Fachtermini strotzende Abhandlung werden sollen, um ernstgenommen zu werden? Oder liegt es in der Natur der Sache, dass Persönliches auch politisch sein kann?

Verratet uns gern in den Kommentaren, wie ihr darüber denkt!

Fazit

Ich finde, Untenrum frei ist viel mehr als „nur“ eine Lanze für den Feminismus oder „nur“ der Erfahrungsbericht einer einzelnen Frau. Es ist eine tiefgreifende und dabei leicht verständliche Gesellschaftsanalyse. Margarete Stokowski sprengt und erweitert den Rahmen der Möglichkeiten, den wir uns selbst gebastelt haben.

Mit der ISBN: 978-3499631863 findest Du Untenrum frei ganz einfach in der Buchhandlung Deines Vertrauens.

Anmerkung: Wir danken der Autorin sowie dem Rowohlt Verlag herzlich für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares. Daran war nicht die Bedingung einer positiven Einschätzung geknüpft und wir ziehen keinen finanziellen Gewinn daraus.

Luisas freie Meinung zu diesem und anderen Büchern lest ihr außerdem auf ihrer Website und auf lovelybooks.



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