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Kunst, die unter die Haut geht

Heutzutage werden Tattoos auf der ganzen Welt zahlreich getragen. Schon in jungen Jahren lassen sich Menschen ihr erstes Tattoo „inken“, und es erscheint mir wie eine Art kulturelles Phänomen, welches die Welt miteinander verbindet. Nicht jeder weiß, dass die Wurzeln der Tätowierung weit in die Geschichte der Menschheit zurückreichen. Mit vielen Fragen traue ich mich in die
Welt der Hautbilder.

Der Ursprung
Es wird angenommen, dass das Wort Tattoo ursprünglich vom tahitianischen Wort Tatau kommt. Dabei steht Tata für „zum wiederholten Male von Hand gemacht“ und u für „Farbe“. Sicher ist, dass die Tätowierung schon über 5000 Jahre alt ist. Es wird vermutet, dass die Hautbilder in der Zeit der alten Felsmalereien entstanden sind. Allerdings gibt es bis heute keine Lokalisierung der Herkunft, da weltweit viele alte Völker Tattoos auf ihren Körpern trugen. Dank des sensationellen Funds des gut erhaltenen Leichnams des Steinzeitmenschen Ötzi konnten Wissenschaftler 1991 die lang bestehende Existenz von Tätowierungen nachweisen, da sich auf seinem Körper zahlreiche von diesen befanden.
Zu dieser Zeit wurden die Bilder mithilfe scharfer Gegenstände wie Knochen und Steine in die Haut eingeritzt. Danach wurden die Wunden mit Ruß oder Pflanzenpulver eingerieben. Diese Prozedur war nicht nur sehr aufwendig, sondern selbst das kleinste Tattoo war äußerst schmerzhaft. Das tätowierte Bild hatte den Zweck, die Stammeszugehörigkeit und die Rangordnung im Stamm zu zeigen. Ötzi verriet der Wissenschaft ebenso, dass Tätowierungen außerdem zur Tarnung, als Schutzzeichen und Heilmittel verwendet wurden. Der Grund dieser Annahme ist der Tattoo-Verlauf auf Ötzis Körper, der sich genau auf der Hauptakupunkturlinie befindet. Diese Art der Tätowierung diente dazu, Schmerzen zu lindern.

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©Camilla Storgaard Photography

Freaks
Tätowierungen wurden also schon in der Steinzeit benutzt, um Zeichen in der Haut zu hinterlassen. Aber erst
ab Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Tattoos langsam als Kunstwerke angesehen. Artisten in Wanderzirkussen ließen sich tätowieren, um als eine Art wandelndes Kunstwerk ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Leider wirkte diese neuartige Weise der Zurschaustellung eher befremdlich auf die Besucher, und so wurden die Artisten nicht als Kunstwerke gesehen, sondern als „tätowierte Freaks“ bekannt. In Shows und auf Bühnen stellten sie ihre Körper zur Schau und waren wie Figuren aus einem Monstrositäten-Kabinett angesehen.
Auch manch tätowierte Frau hatte keine Scheu, sich auf der Bühne der Außenseiter zu präsentieren. Eine der bekanntesten war Betty Broadbent. In einer Zeit, in der es verpönt war, dass Frauen ihren Knöchel bloß legten, traute sich Betty, einen Badeanzug zu tragen, welcher mehr Haut zeigte, als es sich schickte. Dadurch verströmte sie Provokation, aber auch eine gewisse Faszination auf ihr Publikum. Die Menschen fühlten sich von ihr angezogen, genauso wie sie sich durch die gebrochene Sitte abgestoßen fühlten.
Im Normalfall waren die Karrieren der „tätowierten Freaks“ nicht von langer Dauer. Vor allem Frauen bevorzugten nach einiger Zeit einfachere Arbeit. Betty war eine der großen Ausnahmen, eine echte Powerfrau! Vielleicht verliehen ihr die Tattoos mehr Energie? Ihr Körper wurde von ihren Tattoos wie von einem Bodysuit bedeckt. Hierbei handelt es sich um eine Tätowierart, bei der alles tätowiert wird außer dem Gesicht, dem Hals und den Händen. Sie sah sich als eine Art menschliche Leinwand und verbrachte den größten Teil ihres Lebens damit, ihren tätowierten Körper der Öffentlichkeit zu präsentieren. Kurz vor ihrem Tod erhielt Betty als erste Person einen Platz in der Tattoo Hall of Fame.
Ich finde es ist beeindruckend, wie Tätowierungen das Leben eines Menschen so verändern oder bestimmen können. In Bettys Fall zahlte es sich aus, ein Freak zu sein. Ihr Feuer für die Tätowierkunst brennt auch heute noch sichtbar auf vielen anderen „Freaks“ weiter. Jährlich gibt es unzählige Conventions, auf denen sich Interessierte, Fans und Profis tummeln. Neuste Trends werden ausgetauscht, Tattoo-Idole werden bewundert und Ideen für neue Motive gesammelt. Das Tattoo unterliegt einer unaufhaltsamen Weiterentwicklung und wachsenden Fangemeinde, und es wird seinen Reiz so schnell nicht verlieren.

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©Camilla Storgaard Photography

Tagebuch des 21. Jahrhunderts
Ich finde es wahnsinnig interessant, wenn ich am Körper den Ansatz eines Tattoos entdecke. Vor allem im Sommer ist es spannend, Tattoos von fremden Menschen anzuschauen, da viele Körperteile nicht durch lange Kleidung verdeckt werden. Schaut ein Teil eines Bildes unter dem Stoff hervor, so frage ich mich, was das wohl für ein Tattoo sei, wie weit es sich über den Körper zieht und vor allem, welche Bedeutung es für diese Person hat. Viele Tätowierte tragen einen Teil ihres Lebens in Bildern auf sich. Wie ein Andenkenbuch auf menschlicher Haut. Einige mögen das skurril finden, aber ich finde es großartig, Motive nach Erinnerungen und Erlebnissen zu wählen, sie als Kraftspender oder Talisman an sich zu tragen. Ließe ich mir ein Tattoo stechen, stellte es ein Gingko-Blatt dar, welches für mich Stärke und Hoffnung symbolisiert. Tattoos sind sichtbare Zeichen und Elemente des persönlichen Stils.
Es gibt unzählige Gründe, sich ein Tattoo stechen zu lassen: Erinnerung, Rebellion, Sex, Schönheit, Krieg, Verwandtschaft und Verbindung sind nur einige davon. Volksstämme lassen sich traditionelle Tätowierungen stechen, um ihrer Ahnen zu gedenken und alte Tätowierbräuche am Leben zu erhalten. Soldaten versuchen, durch Tattoos Erinnerungen aus ihren Einsätzen im Krieg zu verarbeiten, danken und gedenken den Menschen, die ihnen währenddessen begegnet sind. Das Tattoo ist so gesehen kein Mittel zum Zweck, sondern ein Wegbegleiter durch das Leben.

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Katy Gold
©Hart-Worx

Wie sexy sind Tattoos?
Meiner Meinung nach kann ein Tattoo sehr sexy sein. Hat zum Beispiel eine Frau einen attraktiven Nacken, so wird dieser durch ein schönes Tattoo noch reizvoller. Ich kannte eine Frau, die an dieser Stelle ein Tribal trug. Mir gefiel die schlängelnde Form des Tribals, welches frech und verspielt in Zacken ausläuft. In Kombination mit einem wohlgeformten Nacken und straffen Schultern ist es äußerst sexy.
Aber auch das elegante Tattoo am Fußknöchel kann sehr anziehend sein. Es betont den schmalsten Teil des Beines, kann zum Füße küssen verleiten oder weist den Weg nach weiter oben.
Mit einem Tattoo können Teile des Körpers betont werden, und sie können eine ganz neue Geschichte erzählen. Manchmal reicht auch das alleinige Aufblitzen eines Tattoo-Ansatzes zur Provokation und Gedankenspiel.
Somit gehen Tattoos nicht nur unter die Haut, sondern schmücken und modellieren den Körper.

Obwohl viele Leute der Faszination der Tätowierungen verfallen und man bereits gleiche oder ähnliche Stile und Motive entdecken kann, so ist und bleibt das Tattoo ein gewisser Ausdruck von Individualität und Abgrenzung von der „grauen Masse“. Trotz der Individualität des Einzelnen vereinen Tattoos jedoch aufgrund ihrer Geschichte. Mir gefällt der Gedanke, dass Menschen durch die gemeinsame Abstammung der Tätowierung über Kontinente verbunden werden. Schon die Steinzeitmenschen haben ihren Körper mit Zeichen versehen, genauso wie viele Menschen es heute tun, und ich bin mir sicher, dass die Tätowierung aufgrund dieser Symbolkraft – Individualität und Verbundenheit – nie ihren Reiz verlieren wird.



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