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Ein Paradies für die Frauenwelt- Das L-Beach #5

Dieses Jahr war ich zum zweiten Mal auf dem L-Beach-Festival. Fast viertausend Frauen trafen sich am Weißenhäuser Strand, um sich selbst nach dem Motto Proud to be gay zu feiern. Nach vier Tagen Frauen,
so weit das Auge reicht, und feinsten Konzertvernügen, ging es für mich zurück in die Realität. Dabei
hatte ich alles andere als Lust, mein ganz persönliches Lesbos zu verlassen.

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Flora Robin

Von hart bis soft – Meine Highlights
Als die Veranstalter des L-Beach ankündigten, dass dieses Jahr Judith Van Hel auftreten würde, war dies
mein absoluter Must-see-Act. Ihr auffälliger Style löste auch bei meinen Freunden eine Diskussion aus.
Er ist kontrovers: Entweder frau mag ihren fast kahlen Kopf und die unzähligen Tattoos, die im starken
Kontrast zu ihren weiblichen Gesichtzügen steht, oder nicht. Ich gehöre eindeutig zu den Anhängern von
Judith Van Hel und ihrem Auftreten. Zum Festival-Auftakt machte sie in der L-Hall mit ihrer rauchigen
Stimme Herzen schwach. Mit ihrem Lied Fu*king Beautiful setzte sie bei The Voice of Germany ihr
Statement und brachte nun das L-Beach-Publikum final zum Toben.

Ein weiteres Highlight war die Signierstunde auf dem L-Walk von The L-Word-Star Janina Gavankar.
Im Programmheft wurde sie als „Verführung pur“ angekündigt, und das machte mich neugierig. In der vierten
Staffel der bekannten Serie spielte sie Herzensbrecherin Papi und verführte als Gegenspielerin von Shane
die Frauenwelt. Wenn ich sie mir in der Serie anschaue, dann fühle ich mich wie Alice: Von Papis direkter
Art geschmeichelt und ziemlich schnell um den Finger gewickelt. Aber in echt verzaubert Janina auf ganz
andere Weise. Feminin, zurückhaltend und durch ein unglaublich herzliches Lächeln schlich sie sich nicht
nur auf meine Liste der Top-Femmes, sondern auch mit ihrem Song Waiting for Godot auf meine Spotify-
Playlist.

Lesbische Frauen 2014 – Mütter mit Basecaps
Einen schönen Anblick bot ein junges Paar mit ihrem Kind am Strand. Was ich an diesem Paar auffallend
erfrischend fand, war ihre natürliche Art, denn sie schienen ganz sie selbst geblieben zu sein. Viele
Eltern ändern ihren Klamottenstil und leben angepasster, sobald der Nachwuchs ins Haus trudelt. Die
Prioritäten werden automatisch verschoben. Das Paar machte auf mich jedoch den Eindruck, als kümmere
es sie nicht, was andere denken. Sie bauen ihr Leben nach ihren Vorstellungen auf, und das betrifft
auch das Tragen der Lieblingskleidung. Basecaps und Baggypants sind nicht die gesellschaftsüblichen
Kleidungsstücke einer Frau, aber dem Kleinen war dies genauso piepsegal wie seinen coolen Muttis.
Es war urkomisch und zuckersüß zugleich, die Reaktionen auf den kleinen Sohn der beiden zu sehen.
Vermeintlich harte Tomboys drehten sich quietschend nach dem Kleinkind um. Das zeigt wieder, dass
es egal ist, wie man aussieht. In essenziellen Dingen sind wir alle recht ähnlich.

Als Femme auf dem L-Beach
Natürlich warf ich als Femme mein Augenmerk auch auf andere weibliche Frauen. Leider sind Femmes immer noch unterrepräsentiert in der Szene und das merkte frau auch auf dem L-Beach. Von missbilligenden Blicken bis zu schlichtweg dummen Kommentaren bekamen die Femmes so einiges von den anderen Frauen serviert.
Am ersten Abend durfte ich mir den ein oder anderen höhnischen Kommentar über meine Kleidung anhören. Ich trug ein schwarzes, eng anliegendes Oberteil mit langen Armen aus Spitze und einen eng anliegenden Peplum-Rock. Dazu natürlich meine treuen Wegbegleiter, die schwarzen High Heels mit Riemchen. Während ich an der Bar anstand, hatte eine junge Dame diesen sehr interessanten Ausspruch parat:
„Bist du überhaupt lesbisch? Du trägst einen Rock.“
Vielen Dank dafür, willkommen im Jahr 2014.
Ebenfalls in meine Merkliste kreativer Sprüche kamen:
„Weißt du überhaupt, dass du auf einem Festival für Lesben bist?“
Nein, das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Ich wunderte mich schon über das hohe Aufkommen an knutschenden Frauen.
Oder auch: „Du siehst aus, als wärst du hetero.“
Aha.

Einige L-Beach-Femmes sprach ich an und fragte sie nach ihren Erfahrungen. Alle stimmten mir zu, dass sie mit den gleichen Problemen in der Szene zu kämpfen haben. Auf weibliche Frauen so zu reagieren finde ich konträr, denn Lesben fordern selbst Toleranz von der Gesellschaft und der Politik. Und dann fehlt diese ausgerechnet innerhalb der Szene?
Die dummen Kommentare nahmen in den darauffolgenden Festival-Tagen ab. Vielleicht lag das an der allgemein immer locker werdenden Stimmung durch den reichlichen Genuss von Alkohol ..?

Flora Robin l Janina Gavankar

Trotz mancher Sprüche büßte das Festival keinen Funken an Unterhaltung und Gute-Laune-Charakter ein. Den letzten Tag verbrachten meine Freunde und ich am Strand und wir blickten wehmütig auf die vielen Frauen. Karolina, ein Femme aus Paris, traf mein Gefühl bezüglich des L-Beach-Festivals ganz gut mit den Worten: „Auf dem L-Beach fühlt man sich wie eine große Familie. Am liebsten würde ich hier bleiben und mit allen anderen meine Hütte aufschlagen, damit wir alle zusammen so weiter leben können. Das L-Beach hat eine so angenehme Atmosphäre. Ich werde auf jeden Fall nächstes Jahr wieder herkommen!“



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2 Comments

  1. Sophie
    23. Mai 2014 at 16:35

    Das Problem was du beschreibst kenne ich zu gut: von Lesben nicht ernstgenommen und von den Heteros verpöhnt !

    Das trifft natürlich nicht auf alle Leute zu, trotzdem ist es sehr schwer sich immer wieder als weibliche Lesbe immerwieder auf das neue zubehaupten zu müssen.

  2. Chris
    15. Mai 2014 at 23:12

    Großartiger Bericht! Ich hab allerdings bei Femme Frauen nie infrage gestellt, dass sie nicht lesbisch sind. Es ist unglaublich, dass es tatsächlich Lesben gibt, die das infrage stellen.

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