Ausgangszene SchweizKommentar / Rezension / Kolumne

Zürich PRIDE 2015 – Shame Parade reloaded.

Vom 14. Bis 21. Juni 2015 verwandelt sich Zürich in einen Regenbogen und hostet die Pride Week mit der Demonstration, den Podiumsdiskussionen und dem Festival, geschmückt von unzähligen Parties. Worum geht es dieses Jahr und wie fortschrittlich kann sich die Schweiz zeigen? Ich habe einen Blick darauf geworfen und fand es angebracht, meinem Ärger etwas Luft zu machen. Denn es gibt noch viel zu tun.
Das Programm der Pride Week findet ihr übrigens im Partyguide.


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Wir wollen bloss gleiche Rechte, verdammt nochmal.

Mit dem Leitsatz «Gleichstellung ohne Grenzen» schauen wir auf den Status quo in der Schweiz, aber auch auf die weltweiten Baustellen zum Thema Gleichstellung. Nachdem 2014 mit «Jetzt erst recht!» auf die noch zu bewältigenden Hürden hingewiesen wurde, wird 2015 die Aufforderung unmissverständlich formuliert, der Wunschkatalog bleibt ellenlang. Ohne Grenzen heisst ohne wenn und aber und vor allem ohne Halt vor Landesgrenzen. Schluss mit lächerlichen Sondergesetzen, die selber deutlich auf die Anderswertigkeit hinweisen, Schluss mit den leeren Versprechen und schönen Worten – dieses Jahr wollen wir Taten sehen, wir wollen es Schwarz auf Weiss, wir wollen in der Verfassung unmissverständliche Schutzklauseln, um der Willkür durch Lücken im Gesetz keine Chance zu geben. Denn momentan steht fest: von Gleichstellung kann nicht die Rede sein. Die LGBT-Community ist noch weit weg von einem integralen, gleichwertigen Schutz auf Gesetzesebene. Trans- und intersexuelle Lebensweisen werden von der Bevölkerung und vor dem Gesetz diskriminiert, gleichgeschlechtlichen Paaren wird nicht dieselbe Rechtsgültigkeit wie einer Ehe zugesprochen und das Thema Kinder scheidet nach wie vor die Gemüter unserer besserwissenden Mitmenschen. Die weltweite und öffentliche Demütigung von Homosexuellen, Todesstrafen für gleichgeschlechtliche Liebe und Tabuisierung innerhalb von Familien zeugen von Moralvorstellungen einer Welt, für die wir uns schämen sollten. SHAME, sollte die Veranstaltung heissen. Shame on you, Welt. Es ist eine Schande, dass wir dafür kämpfen müssen, als gleichwertige Menschen angesehen zu werden. Ich dachte, wir hätten 1945 die Rassen- und Minderwertigkeitstheorien hinter uns gelassen. Unglaublich. Es ist eine Frechheit, dass sich homosexuelle Pärchen verstecken müssen, um nicht aufzufallen, um nicht verstossen zu werden, um den unmöglichen Fragen und Weisheiten idiotischer Mitmenschen zu entfliehen oder gar auf offener Strasse angepöbelt zu werden.

 

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Shame on Switzerland.

Wenn sogar Irland, das bis 1993 Homosexualität unter Strafe stellte, 2015 per Volksentscheid die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert, dann gibt es durchaus Grund zur Hoffnung. Aber ob in einem Land, dass ohne nachvollziehbaren Grund Minarette und die Ganzkörpervermummung verbietet, ein liberaler Umgang mit Anderswertigkeit möglich ist, wage ich schwer zu bezweifeln. Die Bünzlis regieren die Schweiz, das zeigen die Abstimmungen immer wieder deutlich. Shame on Switzerland. Dann wird der Jugend vorgeworfen, sich Politisch besser einzusetzen. Es wundert mich aber nicht im geringsten, dass die Abstimmungsteilnamen bei der jungen Generation und allgemein so niedrig ausfällt – betrachtet man doch die irrsinnigen Vorlagen, über die wir zu entscheiden haben. Das kann einem ja nur ein gleichgültiges Schulterzucken entlocken. Als wolle man uns mit pseudo-Problemen in der Illusion lassen, dass wir etwas mitzureden hätten. Zum totlachen. Durch Abstimmen werden wir die Schweiz wohl nicht verändern, solange die Landeier mit Tomaten auf den Augen ihr Leben führen und mit der Mistgabel zur Urne gehen, ausser man erfreut sich an Maulkörben für Hunde, Kampfjet-Shopping, Bratwürste, dem Feindbild «Ausländer» und irgendwelchen Bauprojekten.

Im europäischen Vergleich der gesetzlichen Gleichstellung von LGBTs sitzt die Schweiz auf Platz 31 von 49 (!) und steht somit hinter beispielsweise Rumänien, Bosnien, Slovakei, Serbien, Montenegro. Länder von denen «wir Schweizer» wahrscheinlich erwarten würden, liberaler im Bezug auf Homosexualität zu sein (ohne jemandem zu nahe treten zu wollen). Man soll ja bekanntlich zuerst vor der eigenen Haustür kehren. Die Schweiz mag mehrheitlich tolerant sein und eine offene Mentalität haben, ist aber dennoch lange nicht so sauber, wie sie sich gerne gibt. Seht selbst, das Resultat von ILGA-Europe durchgeführte Evaluation 2015:

 

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Den vollständigen Bericht findet ihr hier.


Aufklärung, Aufklärung.

Leitsätze wie «Dialog schafft Verständis» rufen dazu auf, mit Geduld an unwissende Mitmenschen heranzugehen und auf sympatische Weise zu beweisen: Homos sind auch Menschen. Wie absurd ist denn das? Mich braucht man besser nicht in angetrunkenem Zustand über Homosexualität zu befragen, ausser eine ausartende Diskussion ist erwünscht. Und glaubt mir, ich habe es des öfteren versucht, wirklich. Aber ich bin zum Schluss gekommen, dass es mir zu blöd ist. Wir sind hier nicht in einem Zoo, wir sind bloss Homos, bitte um allgemeine Beruhigung. Wer die Liebe kennt, kann dieses bekannte Muster auf jegliche Beziehungen übertragen und verstehen. Liebe kennt keine Sprache und somit keine Grenzen. Der Begriff Liebe sollte für alle verständlich sein. Am Begriff, um den es ja eigentlich geht, scheint es aber auch nicht zu scheitern. Vielmehr geht es um den Sex. «Mich gruust das eifach!» «Es isch eifach nöd natürlich!», «Also verstahn micht nöd falsch, aber ich glaub eifach nöd dra!». Alles schön und gut. Mich gruust auch vieles. Beispielsweise die Weiber, die im Hochsommer ihre im H&M gekauften Plastikballerinas im Zug, Tram oder Kino ausziehen, um dann die Luft in Todesgeruch zu tränken. Langhaarige Hunde. Grosse Spinnen. Feuchte Penisse. Wenn Sarah X. drauf steht, soll sie sich daran erfreuen. Sie soll sogar alles miteinander vereinen, wenn es ihr Spass macht: Plastikballerinas tragen, einen langhaarigen Hund besitzen und Spinnen züchten. Sogar einen feuchten Penis kann sie haben, in einem hübschen Blumentopf eingepflanzt auf dem Fenstersims prangend, mir echt egal!

Schon lustig, dass viele Menschen meinen, über der Natur zu stehen (Allwissen grüsst) und somit über natürlich und unnatürlich entscheiden zu können. Als wären sie die Schöpfer der Welt, als verstünden sie mehr als die indoktrinierte Kultur, in der sie versaufen. Ob nun jemand an Homos «glaubt» (Absurdität ist eingetroffen) oder nicht ist scheissegal, diese durch inaktive Synapsen erfolgte Schlussfolgerung minderbemittelter Dreizeller (und da bin ich noch grosszügig) kann man getrost ignorieren. Sogar Amöben sind vielfältiger.

Nun aber zurück zum Punkt: Wie gesagt, ist es nicht der Begriff der Liebe, an dem die Gesellschaft aneckt, es geht rein um den sexuellen Akt, der zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren stattfindet. Homosex scheint zu faszinieren, wie es früher die Hexerei getan hat. Und genau so scheint er zu beängstigen. Als könne Homosex der Welt schaden, halten sich die wenigsten zurück, ein Urteil zu fällen und sich den Queers in die Quere zu stellen. Wer zum Teufel sind diese Leute überhaupt, über unser Leben zu entscheiden?! Komm, Kind, wir treiben dir diese Abartigkeit von Homosexualität aus, alles wird gut.

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Aber.. wie macht ihr es jetzt genau?

Wenn Homosex nicht verängstigt, dann fasziniert er. Aber informiert euch selber, wenn ihr eure absurden Fantasien bestätigt hören wollt. Homos sind weder dazu da noch verpflichtet, Abende damit zu verbringen, beschränkte Fragen zu beantworten. Nehmen wir an, ich habe nichts gegen Übergewichtige Menschen. Deswegen frage ich aber nicht, ob Herr Müller seine übergewichtige Frau gerne von hinten nimmt und wie hart genau und vor allem wie sich eine dicke Frau denn für ihn anfühlt, kommt der Penis bis an den G-Punkt oder reicht es schon, ihn zwischen den dicken Schenkeln oder vielleicht sogar in der Bauchfalte seiner Frau zu reiben?

Genau so verhalten sich aber viele gegenüber Homos und glauben, durch ihr «Interesse» und durch ihre «Offenheit» berechtigt zu sein, intime Grenzen zu sprengen, nur «weil sie noch nie eine Lesbe kennengelernt haben». Dieses vertuschte sich aufgeilen an intimen Fragen an eine Lesbe ist leider Standard, meistens ausgehend von lechzenden Männern aber nicht nur. Dieser Voyeurismus ist so pervers wie Robbenbabys mit einem Eisenhaken töten. Wir sollten uns PETA anschliessen, denn wir kämpfen um dieselben Rechte, so scheint es.

Ihr merkt, ich bin gereizt. Ich bin wütend und vor allem bin ich müde. Dumme Menschen waren noch nie meine Stärke. Wenn dann ihr glitschiger Augapfel auf mein wunderbares Wesen fällt (meine Aura ist übrigens in Regenbogenfarben), möchte ich am liebsten kotzen. Denn genau wegen solchen Idioten müssen wir jährlich Prides, Infoveranstaltungen und unzählige Vorstösse auf die Beine stellen. Weil die Menschheit borniert ist. Die Schulen, Religionen und Kulturen das Wesentliche verpassen, nämlich Weitsicht zu vermitteln. Denn es ist nicht Liebe, die nicht verstanden wird, es ist bloss der Sex. Und dann werden wir als pervers beschimpft? I love it.

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In diesem Sinne wünsche ich allen eine gelungene Pride, lasst uns feiern, vegessen, neue Kraft schöpfen und hoffen, dass die Borniertheit ein Ende nehmen wird. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich hol mir jetzt einen Kaffee und betrachte den Nussbaum auf meinem Sitzplatz, obwohl ich ich weder an Koffein noch an Chlorophyll glaube. Denn das wäre ja natürlich – igitt.

 

 

 

 

 



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