Kurzgeschichten

Von Kneipenbienchen und Aufklärungsblümchen

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Hihi er hat «Sex» gesagt.

Aufklärungsunterricht in der sechsten Klasse. Obwohl es schon Jahre her ist, kann mich noch gut an meinen Biologielehrer von damals erinnern: Herr Böttcher. Ein kleiner rundlicher Mann, der kurz vor der Rente stand, immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte und die letzten Monate seines Beruflebens so ruhig wie möglich hinter sich bringen wollte. Tja. Hätte klappen können mit der Ruhe. Wenn er nicht einem Haufen frühreifer vorpubertierender Sechstklässler die Grundlagen der Sexualkunde hätte vermitteln müssen. Dabei hat er das wirklich super gemacht! Jeder hat ein tolles Ausmalbild mit zwei nackigen Leuten bekommen und dazu ein Handout mit Bienchen und Blümchen drauf.

Sogar eine Banane hatte der Gute dabei, um uns zu zeigen, wie das so funktioniert mit dem… wie hat er es noch gleich genannt… ach ja: Gummihäubchen. Unnötig zu erwähnen, dass der Haufen frühreifer vorpubertierender Sechsklässler nicht ganz sooo ernst bei der Sache war, sondern lieber mit einem bemerkenswert versauten Wortschatz und schmutzigen Witzen glänzte – also, ähm, ich natürlich ausgenommen (hihi). Ich lachte nur still mit. Gut, vielleicht auch etwas lauter. Naja, eventuell habe ich auch den ein oder anderen dummen Spruch gerissen… hm, wie ging noch einmal der mit der Gurke… ich schweife ab. Was mir jedenfalls außer dem Haufen frühreifer vorpubertierender Sechsklässler außer Rand und Band im Gedächtnis geblieben ist, war der traurige Blick von Herr Böttcher, als er sich an seiner Banane abmühte. Äh, natürlich an der Obst-Banane, was ihr schon wieder denkt! In diesem Moment dachte ich mir, dass ich bitte niemals Lehrerin werden und niemals einem Haufen frühreifer vorpubertierender Sechstklässler etwas von Bienchen und Blümchen erzählen möchte.

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Hannes, der kann es… nicht besser wissen.

Acht Jahre später. Ich bin zwanzig Jahre alt, schon ein Weilchen raus aus Pubertät und Schule und bemühe mich um ein tadelloses Image als seriöse Jura-Studentin. Naja, klappt nicht immer so wirklich gut, das mit der Seriös-Sein-Sache. An diesem Abend eher weniger. Ich sitze am Tresen einer rauchigen kleinen Bar, nur der Himmel weiß, wie zur Hölle ich hier gelandet bin. Ich starre Löcher in meine Rum-Cola, die seltsam wässrig schmeckt. Neben mir sitzt Hannes. Den Hannes, den habe ich vor ein paar Monaten in einer Staatsorganisationsrechtsvorlesung (ja, das ist ungefähr so spannend wie es klingt) kennen gelernt. Ein ziemlich cleveres Kerlchen, weshalb ich mir dachte, mit dem stelle ich mich lieber gut, wer weiß, wann man es mal für eine Hausarbeit gebrauchen kann. Tja. Und nun sitze ich hier. Mit Hannes. Habe mich dazu breit schlagen lassen, an diesem Abend etwas mit ihm zu unternehmen, denn in den Semesterferien sind die meisten meiner Freunde eh am rumgondeln, in der Heimat, im Ausland oder weiß der Geier wo.

Hannes hat ein ungewöhnlich großes Mitteilungsbedürfnis, da kann nicht einmal ich mehr mithalten, und das will schon was heißen. Momentan ist sein Lieblingsthema seine „verflixte, vermaledeite, verdrehte Exfreundin“ (das waren seine Worte, ehrlich wahr!), die er vor zwei Wochen eiskalt abserviert hat (eigentlich war es andersherum, aber davon möchte sein Ego nichts wissen). Da sitze ich nun also, starre in mein Glas, höre im einen Ohr Hannes’ Version of Events und im anderen scheppernde armenische Popmusik (ich sagte ja, es ist eine seltsame Bar).

Unvermittelt legt Hannes seine Hand auf meine Schulter. „Wie ist das eigentlich bei… euch?“, möchte er mit großen Augen von mir wissen. Das letzte Wort hat er so seltsam gehaucht, als hätte er etwas sehr sehr Unanständiges gesagt. „Kommt drauf an, was du mit ‚euch’ meinst“, erwidere ich und lege die Stirn in Falten. „Na Leute wie du!“… „Frauen??“… „Naja, ja, speziell die Mannschaft, zu der du gehörst.“… „Meine Tennismannschaft??“ Aufgeregt, schüttelt er den Kopf. Er lehnt sich zu mir rüber. „Homosexuelle“, flüstert er, kaum hörbar. Jetzt macht es Klick bei mir. „Achsooo, Lesben! Warum sagst du das denn nicht einfach?“, entfährt es mir eine Spur zu laut. Er reißt die Augen weit auf und sieht mich an, als hätte ich ihn soeben dazu aufgefordert, Sex mit seinem Schäferhund zu haben. Vor laufender Kamera.

 

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Schon als wir uns zum ersten Mal über den Weg gelaufen sind, habe ich ihn darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich auf Frauen stehe, denn er war mir eine große Spur zu flirty drauf. Er hatte reagiert mit einem „Och, schade“ und mich dann hart in die Schulter geknufft, als wären wir nun allerbeste Biertrinkfußballguckundladiescheck-Buddys. Damit war das Thema durch. Wundert mich daher schon ein bisschen, weshalb er sich an diesem Abend in der Bar nicht traut, das Wort „lesbisch“ in den Mund zu nehmen. Erinnert mich stark an Patrick Schmitz, der sich im Aufklärungsunterricht damals hartnäckig weigerte, vor versammelter Mannschaft das Wort „Vagina“ auszusprechen. 

 

Verflixte Weiber!

„Worauf willst du denn hinaus?“, fragte ich ihn. „Naja…“, müht er sich ab und scheint sich zu ärgern, das Thema überhaupt angeschnitten zu haben. Seltsames Kerlchen. „Gibt es bei euch auch so Miststücke wie meine Ex, oder könnt ihr so was gar nicht?“ Kritisch ziehe ich eine Braue hoch. „Ähm… doch, klar?“, sage ich. „Und… betrügt ihr euch auch pausenlos, so wie meine Ex?!“. Langsam aber sicher redet er sich in Rage. „Ja, so welche soll es auch geben.“ Meine Braue rutscht noch ein Stückchen höher. Entgeistert sieht er mich an, sein Blick ist ziemlich wirr. Ich überlege, ob es nicht klug wäre, ihm seinen Drink wegzunehmen. „Aber was WILLST du denn dann mit Weibern?!“, überschlägt sich seine Stimme. „Ein Mann könnte dir so etwas niemals antun!“, sagt er im Brustton der Überzeugung und nickt eifrig. „Äh…“. Ich bin etwas sprachlos. Hm, dass er so tief ins Glas geguckt hat, habe ich gar nicht mitbekommen.

Abrupt wendet Hannes sich ab und versucht die Wand kaputt zu glotzen. Wie er so dasitzt, mit starrem Blick und halb offenem Mund, sieht er auf einmal gar nicht mehr so clever aus wie in der Staatsorganisationsrechtsvorlesung. Ich beschließe erst einmal gar nichts mehr zu sagen und wende mich wieder meinem Glas zu. Und denke über seine seltsamen Fragen nach. Tja, was will ich denn eigentlich mit Weibern? Seitenblick auf Hannes. Auf jeden Fall sabbern sie beim Wände-Anstarren nicht rum. Zumindest die nicht, die ich so kenne. Außerdem schleppen sie mich nicht in rauchige seltsame kleine Bars. Und lassen mich nicht stundenlang eine wässrige Rum-Cola anstarren. Erneuter Seitenblick auf Hannes. Iiih, jetzt sabbert er wirklich. Lieber wieder das Glas fokussieren und zurück zum Thema. Ich muss grinsen, denn mir fallen auf Anhieb tausende Gründe ein, aus denen ich Frauen liebe. Ich stupse Hannes an und sage ihm das. Er verzieht das Gesicht und sagt mit zittriger Stimme: „Ich habe versucht dich zu warnen, Patricia, aber wenn du unbedingt willst, dass eine wie meine Ex dir das Herz herausreißt, dann BITTE!“. Das letzte Wort hat er gebrüllt. Die anderen Barbesucher drehen sich spätestens jetzt zu uns um. Hannes steht auf. Was, will er etwa schon gehen? Dabei war der Abend doch gerade so schön (nicht)! Hannes grinst schief. „Ich geh mal aufs Klo, einen abseilen!!“, lallt er und setzt sich schwankend in Bewegung. Zu viel Information, denke ich mir. Ich möchte lieber nach Hause. Wenn Hannes wieder da ist, werde ich ihn hart in die Schulter knuffen, wie man das unter allerbesten Biertrinkfußballguckundladiescheck-Buddys eben so macht, und gehen.

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Bienchen und Bienchen.

Eine halbe Stunde später. Mittlerweile habe ich es geschafft, mein Glas zu leeren. Hannes setzt sich wieder zu mir. Ziemlich lange Sitzung, die er da hatte. Als ich ihm das sage, lacht er wie ein frühreifer vorpubertierender Sechstklässler. Oha. Dann setzt er seine allerallerallercooste Checkermiene auf, legt mir den Arm um die Schultern, drückt mich an sich und fragt: „Wie macht ihr das eigentlich beim Sex, du und deine Teamkolleginnen?!“. Er kichert wie Linda Steinig, als Herr Böttcher uns die Banane zeigte (und ja, ich rede immer noch vom Obst, ihr versauten Stücke!). Ich verdrehe gekonnt die Augen. Warum fragen die Typen mich eigentlich dauernd, wie das so im Bett läuft? Gibt es darüber keine Filmchen? Oder haben sie in der sechsten Klasse nicht richtig aufgepasst? Jetzt muss ich nicht nur daran denken, wie verzweifelt Herr Böttcher geguckt hat, als ein Haufen frühreifer vorpubertierender Sechstklässler seinen Aufklärungsunterricht torpediert hat, sondern weiß auch ganz genau, wie er sich gefühlt haben muss. Armer Herr Böttcher. Ich sollte ihm eine Karte schicken. Später. Vorher winde ich mich aus Hannes’ Umarmung, lächle ihn anzüglich an und flüstere ihm süffisant ins Ohr: „Das könnte ich dir alles haarklein erzählen, angefangen bei den Bienchen und Blümchen. Ich könnte dir Ausmalbildchen von nackigen Frauen mitbringen und jede einzelne deiner Fragen beantworten“. „Echt?!“, jubelt er hoffnungsfroh. Ich ziehe meine Jacke an, schiebe einen Geldschein über den Tresen, winke Hannes zum Abschied zu, wende mich Richtung Ausgang und rufe „Werde ich aber nicht!“.

Beide Wünsche aus der sechsten Klasse abgehakt. Ich werde niemals Lehrerin und auch niemandem etwas über Bienchen und Blümchen erzählen. Weder einem Haufen frühreifer vorpubertierender Sechstklässler noch einem dreiundzwanzigjährigem betrunkenen Jura-Studenten, der Lesben für nicht ganz bei Trost hält, weil sie sich auf „verflixte, vermaledeite, verdrehte Weiber“ wie seine Exfreundin einlassen. Tja, Hannes. Shit happenes!



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