Deutschland

Review: Europas größter CSD 2014 in Köln

Hundertausende Lesben, Schwule und Transgender reisten am ersten Juliwochenende an, aus Holland, Belgien und aus der Schweiz. Um dabei zu sein bei Europas größtem CSD. Das Highlight war der Straßenzug, der auf der Rheinbrücke begann und am imposanten Kölner Dom endete. 150 Wagen mit insgesamt 40.000 Teilnehmern schlängelten sich sechs Stunden lang durch die Innenstadt. Geschätzte Besucher: 900.000 Seelen. Politisch, konkret und auffordernd waren die Aufschriften und die Kostümierungen. Schluss mit der Homophobie, Schluss mit der Diskriminierung! Hin zur Vielfalt!

 

2014-07-06 12.56

 

Wo sind die Lesben geblieben?

Was mir aber schlagartig auffiel war die fehlende lesbische bzw. weibliche Präsenz auf der Parade. So sah ich lediglich einen lesbischen Wagen, der von einer rein lesbischen Gemeinschaft geführt wurde. Mädels, Lesben, wo wart ihr??? Wo ist eure Sichtbarkeit geblieben? „Rückläufige Lesben-Präsenz“ verlautet es schlichtweg in Beobachterinnenkreisen. Ich selber war unterwegs mit zwei Freundinnen, die sich entsprechend dem CSD-Motto 2014 komplett in Regenbogenfarben anmalten, nur in einen Slip gehüllt und knalliger Perücke auf dem Kopf. Ihr Outfit drängte jede noch so extravagant gestylte Transe in den Hintergrund. Die beiden bekamen eine grosse Aufmerksamkeit durch die anwesenden Medien. Ich war zutiefst dankbar, dass sie unter den wenigen Lesben herausragten und bei der Parade ein Zeichen setzten. Auch Conchita Wurst – ja, die echte Conchita – winkte ihnen zu und wir machten sogar ein gemeinsames Foto.

 

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Lesbenempfang mit Vizepräsidentin Claudia Roth und Queer-feministische Rapperin Sookee

Neben vielen Bühnenhighlights und einem umfangreichen CSD-Programm fand am Samstagvormittag ein Lesbenempfang im Kölner Rathaus statt, zu dem die lesbischen Grünen einluden. Organisiert war eine Podiumsdiskussison, zu der die deutsche Vizepräsidentin Claudia Roth eingeladen war. Sie spornte an, der Homophobie konsequenter entgegen zu treten und keinen diskriminierenden Bemerkungen oder Handlungen Raum zu geben. Die Podiumsgäste waren sich einig: Es ist Zeit zu handeln statt zu dulden. Hinzuschauen und zu agieren statt wegzusehen und zu verschweigen. Die ganze LGBT Community sollte ihre Vielfalt akzeptieren, einander fördern und sich zusammenschließen. So auch die Lesben unter sich. Und das noch heute, hier und jetzt! Sookee, die queer-feministische Rapperin, forderte noch mehr: auch die kulturell so wichtige Branche der Unterhaltung sollte mit einbezogen werden. Diskriminierende Texte von Rappern beispielsweise sollten boykottiert werden.

Das übergreifende Fazit der Diskussionen war klar: „Mädels, tut euch zusammen und zwar jetzt! Handelt jetzt! Kommuniziert jetzt! Zeigt eure Vielfalt, steht zu euch, seit selbstbewusst! Glaubt an euch! Nutzt dieses Zeitfenster, in dem ihr frei und offen leben könnt!“  Denn genau das, wir wissen es leider alle, ist keine Selbstverständlichkeit, ganz im Gegenteil. Dazu braucht frau nur einen Blick über die Grenzen unserer Nachbarländern zu werfen. Dort herrschen inakzeptable Zustände: rechtliche Verankerung der Diskriminierung, gesellschaftlich geduldete Homophobie  und daraus resultierende Verfolgung von Homosexuellen. Gar nicht so farbenfroh, dort homosexuell zu sein!

 

 

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Rainbowlution!

Trotz ernüchternder politischer Bilanz weltweit, fehlt es uns nicht an Kampfgeist und Solidarität. Diese Energie einer Community an den CSD-Parties zu spüren ist immer wieder eine einmalige Erfahrung. Das Lesben-Partyangebot zum Kölner CSD 2014 war unschlagbar. Über vier Events, die allesamt eifrig besucht wurden. Lesben trafen sich, feierten sich, tauschten sich aus. Ich tauchte ein ins Meer von Meinesgleichen, tankte mich auf, lies all meine Sinne offen, genoss diese grosse und vielseitige Community. Ich suhlte mich in der Leichtigkeit, in der Gelassenheit und in der Schönheit, die die europaweit angereisten Mädels mit sich brachten. Thanks a lot!

Wir Lesben, Homosexuellen und Transgender, wir sprengen Grenzen. Wir leben frei und ver-rückt. Durch unser Handeln halten wir anderen einen Spiegel entgegen, der ihnen zeigt, dass alles möglich ist. Alte Zwangs-Traditionen werden überholt, weibliches und männliches existiert und lebt, obwohl gewohnte Rollenverteilungen zerbröseln. Genau diese Vielfalt breitet sich aus, unaufhaltbar, schwappt über, zieht Kreise, vereint. Das ist die Kraft der Regenbogenvielfalt, die sich globalisiert, die sich etabliert, die Bahnen bricht, um neue Wege zu gehen. Und wir Lesben sind ein Teil dieser Entwicklung. Wir sind frei, unabhängig, kraftvoll, geschmeidig und unschlagbar sexy (auch wenn das die Welt nicht retten mag, cool ist’s trotzdem).

 

 

2014-07-05 18.42

 



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