Coming-Out

Mein Weg zu mir – Coming Out (Teil 1)

Mein Weg zu mir – Inneres Coming Out.

„Eigentlich wusste ich schon immer, dass ich lesbisch bin“, ist wohl schon vielen Lesben über die Lippen gerutscht. Mir inklusive. Streng genommen ist das in meinem Fall allerdings gelogen. Zwar habe ich mich schon immer für Mädchen interessiert, das bewusste Wissen, lesbisch zu sein, kam jedoch erst Jahre später.

 


In einem Vierteiler erzählt Antonia von Selbstfindung und ihrem ganz persönlichen Coming-Out.

Von Badehosen und männlichen Ebenbildern
Meine erste Erinnerung geht zurück in mein fünftes Lebensjahr. Ich erinnere mich, wie ich im Freibad meinen Badeanzug zur Badehose umfunktionierte in der Hoffnung, dass die anderen Mädchen glaubten ich sei ein Junge. Für mich stand damals fest, nur Jungs können Mädchen lieben und umgekehrt. In meinen Gedanken an Mädchen war ich nie ein Mädchen. Ich erschuf mir in meiner Phantasie mein männliches Ebenbild, mit dem ich von Mädchen phantasierte. Jahrelang war es mein größter Wunsch nur einen einzigen Tag ein Junge zu sein. Ich wusste um die Unmöglichkeit dieses Wunsches, doch sah ich keine Alternative. Als ich einestages zufällig eine Sendung über Transexualität im Fernsehen sah, begann ich mich zu fragen, ob ich vielleicht transsexuell sei. Ich überlegte lange und stellte fest, dass ich mich in meinem Körper wohl fühlte und ein Mädchen sein wollte. Das beruhigte mich zwar, brachte mich jedoch auch nicht weiter.

Ich bin anders, ich bin anders, ich bin anders – aber erstmal doch nicht
Als ich langsam aber sicher in die Pubertät kam, wurde alles noch verwirrender. Weil ich tief in meinem Innern wusste, dass ich anders war, stellte ich mein Umfeld auf eine harte Probe: Ich habe alle von mir weggestoßen, die „vorgaben“ mich zu lieben. Meine Eltern hatten es sicher besonders schwer. Ich wollte wissen, ob sie mich bedingungslos lieben und testete meine Grenzen gehörig aus.

Gleichzeitig machte ich meine ersten Erfahrungen mit Jungs. Ich entwickelte mich eben so, wie ich dachte, dass ich es sollte. Ich lebte so wie mein Umfeld es mir vorgab. Schlecht fand ich das nicht. Ich mochte Jungs, an denen gab es eigentlich nichts auszusetzen. Meinen ersten festen Freund bewunderte und liebte ich, doch als es schließlich auf Körperlichkeiten hinaus lief, sah ich das als faden Beigeschmack einer Freundschaft.

17 Jahr, Frauenhaar
Ich war 17 Jahre alt, als ich das erste Mal eine Frau richtig küsste. Es war als würde jedes einzelne Blutkörperchen in meinem Körper explodieren. Wunderschön und doch fühlte es sich falsch an. Die einst so gute Freundin, die ich küsste, wurde ehe ich mich versah, viel mehr. Wir schlichen uns klammheimlich in eine Art Beziehung – Natürlich alles hinter verschlossenen Türen!

Der Gedanke uns könnte jemand sehen, wenn wir uns küssten oder meine obzönen Gedanken mitbekommen, war unerträglich. Was, wenn jemand mitbekommt, wer ich wirklich bin? Die „Beziehung“ endete als sie hätte beginnen können. Ich erwiderte ihr Eingeständnis des Verliebtseins mit feigem Dementieren. Natürlich habe ich gelogen. Das weiss ich heute. Aber kann man lügen, wenn man nicht einmal weiss, dass man lügt? Heute weiss ich: Das was ich empfand war tiefe Liebe, wie ich sie bis heute nie mehr empfinden konnte. Doch damals bin ich blind dafür gewesen. Wir waren schließlich nur befreundet.

Dann vielleicht bi
Durch diese Erfahrung und darauffolgende kurze Begegnungen mit anderen Frauen fing ich langsam an mich mit dem Bild von mir, als Frau, die Frauen liebt auseinander zusetzen. Es lag auf der Hand, dass ich zumindest bisexuell sein musste, nur sehen wollte ich das nicht. Das was ich fühlte und das, was ich lebte, stand ständig im Konflikt. Die Tatsache, dass ich mich Tag für Tag selbst verleugnete schmerzte. Ich habe mich dafür gehasst, dass ich so empfand und auch dafür, dass ich nicht stark genug war, um es zuzulassen. Ich hatte das Gefühl innerlich zu zerreißen. Aber zu diesem Zeitpunkt sah ich in meinem Umfeld keinen Platz für mich als Frau, die Frauen liebt. Nicht mal in meinem Kopf, in meinen Gedanken, hatte ich den Mut mir Platz dafür zu schaffen.

Irgendwann ging es mir so schlecht, dass ich etwas ändern musste. Vielleicht also bisexuell? Den Gedanken, sich nicht in das Geschlecht sondern in einen Menschen zu verlieben fand ich schön. Ich wusste zu einer Bisexualität zu stehen, würde mir und meinem sozialen Umfeld eine Hintertüre offen halten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Leben mit einem Mann verbringe, betrug fünfzig Prozent. Rein theoretisch zumindest. Als ich mir schlussendlich eingestehen konnte, bisexuell zu sein, empfand ich das unglaublich befreiend. Der Kampf in mir schien zu ruhen und meine Gedanken waren endlich frei.

Berlin City Girls
Ein gutes Jahr später lebte ich für sechs Wochen in Berlin. Da mich die Stadt seit dem ersten Besuch faszinierte, beschloss ich während meinen Semesterferien dort zu arbeiten. Am ersten Wochenende fand die CSD-Parade statt. Ich lernte eine Gruppe Lesben kennen und erlebte eine unvergessliche Nacht. Und es war nicht die Letzte. Die Distanz von zu Hause tat mir gut. Ich fühlte mich frei und so unantastbar wie der Mond. Eines Morgens nach dem Ausgang verschlief ich in der S-Bahn meine Haltestelle. Ich fand mich irgendwo in der Pampa wieder, wo ich auf einer Sitzbank auf die nächste S-Bahn wartete. Da kam ein zwielichtiger Typ und setzte sich zu mir. Ein Schriftsteller, der wie aus dem Nichts zu dichten begann. Es war als würde er aus meiner Seele sprechen. Akzeptanz, ist der erste Schritte, sagte er, bevor er wieder ging. Es dauerte noch ein paar Tage bis ich begriff, was er mir da zum Schluss sagte. Ich musste es endlich akzeptieren, dass ich Frauen liebe und zwar nur Frauen und dass ich nie was anderes wollte und wollen werde. Ich stellte mich vor den Spiegel und sagte x-mal, dass ich lesbisch bin. Das auszusprechen war zuvor undenkbar für mich. Aber jetzt wusste ich, ich bin lesbisch.

Rohtext von Gastautorin Antonia (24), Dezember 2012. 



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3 Comments

  1. 19. Februar 2013 at 23:01

    Hey Lea! Natürlich haben wir all diese schönen Entwicklungen auf dem Schirm, wie du bestimmt auf Facebook mitbekommen hast. Leider sind wir momentan so knapp besetzt, dass viele Themen nicht immer zeitnah behandelt werden können. Ich werd mir deinen Wunsch allerdings zu Herzen nehmen und mich für etwas mehr Politik/ News in nächster Zeit einsetzen ;)

    Liebe Grüße aus Hamburg,

    XOXO Marie

  2. Lea
    19. Februar 2013 at 19:43

    Ich hätte mal eine Frage, die jetzt nichts mit diesem Artikel (der übrigens sehr gut gelungen ist) zu tun hat, aber ich dachte ich schreibs mal unter den letzten Eintrag..
    Seit in Frankreich das Parlament der „Homo-Ehe“ zugestimmt hat und es dort nur noch ein kleiner Schritt ist, warte ich auf einen Kommentar zu dieser politischen Entwicklung.
    Und da jetzt in Deutschland das Adoptionsrecht homosexueller Paare gestärkt wurde, würde mich interessieren, ob ihr diese Entwicklungen nicht kommentieren wollt?
    Oder kommt das noch?
    Ich fände es schade, wenn nicht.

    Euer blog ist sonst übrigens wirklich gut und ich warte immer gespannt auf die neuen Beiträge :)
    Liebe Grüße!

  3. Treffi
    17. Februar 2013 at 19:11

    so ist es…großartig erzählt/geschrieben…

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