Coming-OutPolitik

Mein Coming Out am Arbeitsplatz

Unabhängig davon, wo ich gearbeitet habe, ich war geoutet. Nicht weil ich besonders „lesbisch“ aussehen würde. Und auch nicht, weil ich bisher nur eine einzige Stelle besass, bei der ich ohnehin nichts zu befürchten gehabt hatte. Nein, bisher habe ich einfach selbstverständlich von meiner Freundin erzählt. Von ihrer Familie, unseren Aktivitäten, unseren Auseinandersetzungen. Vielleicht war es blauäugig, aber ich ging irgendwie selbstverständlich davon aus, dass meine Mitarbeiter_Innen schon damit umgehen können. Und falls nicht – so what?! Die erzählen ja auch von ihren Frauen_Männern, Kindern, Familienfeiern. Nur an einem Ort tat ich mich lange schwer: in meinem Schwimmverein, in welchem ich früher Teenies, jetzt Kinder unterrichte. Die Schwimmer_innen kommen nicht nur zum Schwimmen ins Hallenbad… Die fragen dich auch jede Menge! „Hast du einen Freund?“ – „Nein.“ „Bist du verliebt?“ – „Wer weiss…“ „Wohnst du ganz alleine?“ – „Nein.“ „Mit wem wohnst du denn?“ – „Mit einer Freundin.“ Falsch, falsch, falsch. Mit meiner Freundin wohne ich zusammen. Und ja, ich bin verliebt. In meine Partnerin. Und sie zu verleugnen, mag ich nicht.

Competitive Swimming

 

Als Schwimmtrainerin baue ich eine emotionale Beziehung zu den Athlet_Innen auf und bin ein Stück weit Bezugs- oder Ansprechperson für sie. Im Schnitt wird jedes zehnte Kind, welches zu mir ins Schwimmtraining kommt mal eine Beziehung mit einer gleichgeschlechtlichen Person eingehen. Wäre es nicht wichtig, dass sie bereits jetzt jemanden in ihrem Umfeld wissen, die lesbisch – und deshalb nicht irgendwie gestört, komisch, asozial, kurzhaarig und übergewichtig – ist? Die keine Springerstiefel und Flanellhemden trägt, sich Lesbenbuttons ansteckt und Männer aus Prinzip ablehnt? Die in den Augen der Kinder so richtig uncool ist? Man beginnt sich die absurdesten Fragen zu stellen: Falls ich mich outen würde, was sagen deren Eltern dazu? Wollen die, dass ihr Kind nicht mehr bei mir schwimmt? Wollen die mir irgendetwas anhängen? In diesen Momenten sind diese Gedanken zu real, um sie als absurd abtun zu können. Seit ich auch bei dieser Tätigkeit kein Geheimnis mehr mache aus meiner Homosexualität – sofern ich explizit danach gefragt werde – bin ich restlos überall geoutet. Bisher schwimmen noch immer alle Kinder bei mir. Und ein Geschwätz unter ihnen habe ich auch noch nie wahrgenommen. Die scheinen sich doch noch nicht so viel aus der Liebe zu machen. Was die Eltern denken? Das ist mir mittlerweile ziemlich Conchita – also Wurst. Schliesslich trainiere ich ja nicht die Eltern, sondern deren Kinder.

 

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Es wäre mir sehr unangenehm, wenn eines dieser jetzt rund 10-jährigen Kids später per Zufall herauskriegen sollte, dass ich mit einer Frau zusammen lebe. Und dass ich es bewusst verschwiegen habe. Ich will nicht, dass der Eindruck entsteht, man müsste sich für eine gleichgeschlechtliche Liebe schämen! Oder sie verheimlichen, weil es anormal ist. Den Einwand, man muss den Kindern nicht alles auf die Nase binden, will ich so nicht stehen lassen. Ja, muss man nicht. Ich begrüsse die Kinder anfangs Saison auch nicht mit einer Offenbarung meiner sexuellen Orientierung. Werde ich aber danach gefragt, mache ich keinen Hehl mehr daraus. Da in Vereinen bekanntermassen sehr viel getratscht wird, wissen zumindest die etwas älteren Schwimmer_Innen – jene, die sich schon eher für Beziehungen interessieren – ohnehin Bescheid. Und die Argumentation „Mein Privatleben geht niemanden etwas an“ ist in meinen Augen auch nur bedingt zulässig. Ich verbringe doch einiges an Zeit mit den Kindern und Trainerkolleg_Innen. Da möchte ich auch mal frei von der Leber weg erzählen können, ohne ständig alles umzuformulieren. Und solange das Privatleben von Homosexuellen in der Öffentlichkeit debattiert wird (Adoptionsrecht, Erbrecht, Partnerschaftsgesetz, Eheschliessung…), habe ich nicht das Bedürfnis, mich unsichtbar zu machen.

Jenes zehnte Kind, welches sich irgendwann in den nächsten Jahren in jemanden ihres_seines Geschlechts verlieben wird, wird sich hoffentlich daran zurück erinnern, dass es einmal eine Schwimmtrainerin hatte, die eigentlich ganz ok war – obwohl sie mit einer Frau zusammen lebte. Vielleicht schwimmt es dann ja noch. Und vielleicht hat es dann das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen. Jemandem, von dem es weiss, dass sie_er ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

 

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Schreibt sie uns!
Ein Blogeintrag zum Thema „Homophobie in der Arbeitswelt“ wird in Kürze aufgeschaltet werden.



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1 Comment

  1. Carla
    6. Juli 2014 at 6:05

    Super schön geschriebener Artikel! Substanz, Reflexion, Alltagsbezug mit Weitblick! Gratuliere!

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