Politik

Masha Gessen: Portrait einer mutigen Frau

Vor einigen Wochen fanden in Russland die Präsidentschaftswahlen statt: Medwedew wollte dabei seinen Posten diskussionslos wieder seinem Vorgänger, Wladimir Putin, übergeben – und die russische Bevölkerung zeigte ihren Unmut über diese politische Farce, auch Abstimmung genannt. An der Spitze der Protestbewegung: Masha Gessen. Journalistin, Schriftstellerin. Und bekennende Lesbe.

Gefährliches Russland

Russland ist ein heisses Pflaster für jeden Menschen, der es wagt, seine Stimme gegen die herrschende Polit-Elite zu erheben, oder ihr unangenehm zu werden. Frau denke hierbei an das Schicksal von Michail Borissowitsch Chodorkowski, vormals russischer Oligarch, der seit 2003 wegen mutmasslicher Steuerhinterziehung und planmässigem Betrug in verschiedensten Straflagern und Gefängnissen auf einen fairen Prozess wartet. Oder an Anna Stepanowna Politkowskaja, Journalistin und Aktivistin für Menschenrechte, die 2006 vor ihrem Haus getötet wurde. Die Auftraggeber des Mordanschlags konnten oder wollten bis heute nicht ausfindig gemacht werden.

Auch Minderheiten wie die Mitglieder der LGBT-Community leben in ständiger Angst und daher häufig im Verborgenen. Zu gefährlich wäre es, offen zu zeigen, was Frau, Mann oder Transsexuelle/r ist und fühlt. Das wird jedes Jahr im Rahmen der Moskau Pride wieder deutlich, wenn die Gegner des Aufmarschs den Umzug dazu nutzen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu beleidigen, blosszustellen, oder ihnen gar Gewalt anzutun. Die Polizei sieht diesem Treiben jeweils entweder mehr oder weniger tatenlos zu – oder verhaftet jene, deren einziges Ziel es doch eigentlich nur ist, die ihnen zustehenden Rechte einzufordern und auf die im Land herrschenden Missstände aufmerksam zu machen.

Masha Gessen: Kämpferin für die Freiheit

In Anbetracht der beschriebenen Umstände für Andersdenkende und -fühlende ist es umso bewundernswerter, dass an der Spitze der Protestbewegung, in deren Rahmen 10‘000e Menschen gemeinsam auf die Strasse gingen, um nicht nur für faire und transparente Präsidentschaftswahlen, sondern grundsätzlichen für Freiheit und Gerechtigkeit zu demonstrieren, ausgerechnet eine Lesbe steht: Masha Gessen verbrachte die 1980er Jahre in den USA. Ihre Familie flüchtete aus dem damals noch sowjetischen Russland, weil sie als Juden dort keine Zukunft hatten. Gessen begann ein Architekturstudium, brach dieses jedoch zu Gunsten von Gelegenheitsjobs bei Zeitungen ab. Als die Sowjetunion Ende 1991 zusammenbrach, kehrte sie zurück – um sich für eine demokratische Zukunft stark zu machen. Was mit dem Land im Folgenden unter Boris Jelzin geschah, war aber weit entfernt davon, was sich die Journalistin und Schriftstellerin, und mit ihr viele Russinnen und Russen, erhofft hatten. Das änderte sich auch unter Putin, der die Macht erstmals im Jahr 2000 übernahm, nicht – im Gegenteil. Wohl weil er ein in politischen Kreisen bis zu diesem Zeitpunkt ziemlich unbeschriebenes Blatt, und sein Auftreten sowie seine Optik auch nicht unbedingt angsteinflössend (er sei zu klein, meinte Jelzin einmal) waren, unterschätzte man ihn zu Beginn seiner Amtszeit massiv. Nicht nur die Russen selbst, sondern auch die Weltgemeinschaft. Doch alsbald zeigte er sein wahres Gesicht und schnell wurde klar: dieser Mann duldet weder Widerstand, noch Auflehnung, oder Gegner. Er regierte mit eiserner Hand, schürte Angst, um seine Macht zu stärken, räumte Gegner aus dem Weg, die ihm potentiell gefährlich werden konnten. Und nur wenig später sollte es niemand mehr wagen, die Stimme gegen ihn zu erheben. Ausser Masha Gessen.

Deutliche Worte

Gessen erlebte in ihrer Funktion als Journalistin die Einschüchterungsmethoden Putins, um oppositionell gestimmte Medien mundtot zu machen: Besuche von Schlägertrupps in der Redaktion waren an der Tagesordnung. Ihr boten sich unter diesen Umständen zwei Möglichkeiten: entweder die Seiten zu wechseln und eine Stelle bei den  staatlich kontrollierten Medien anzunehmen, oder weiter gegen den Präsidenten zu arbeiten und dabei ihr zu Leben riskieren. Gessen entschied sich für Zweiteres. Vielleicht deshalb, weil eine ihrer Grossmütter aus Geldnot unter Stalin die Tätigkeit der Chef-Zensorin für ausländische Texte einnahm und irgendwann im Wissen um die Folgen ihres Schaffens vor Scham verstummte.

Gessen aber liess sich von Putin nicht unterkriegen. Sie machte es sich gar zur Aufgabe, ein Enthüllungsbuch über ihn zu schreiben. Woran sie arbeitete, behielt sie monatelang für sich. Zu gross war die Angst, dass sie oder ihre Liebsten (unter anderem ihre Lebenspartnerin sowie die gemeinsamen Kinder) Opfer einer Attacke, eines Anschlags werden könnten. Am ersten März dieses Jahres 2012 war es dann soweit: „Der Mann ohne Gesicht. Wladimir Putin“ wurde veröffentlicht. Und dieses Werk veränderte alles. Masha versteckte sich nicht mehr. Im Gegenteil: Sie trat aus dem Schatten an die Öffentlichkeit, war in Talkshows zu Gast, gab zahlreiche Interviews, und wurde in Reportagen vorgestellt als mutige Kämpferin gegen Ungerechtigkeit. Ihre Zunge zügelte sie dabei nie: offen und unerschrocken äusserte sie, was sie vom wohl mächtigsten Mann Russlands hält: Sie nennt ihn „vulgär“, „unbeherrscht“, einen „krankhaften Kleptomanen“, einen „Zwangsneurotiker“, der auch vor Mord nicht zurückschreckt (vgl. „Das Magazin“: 09/2012). Äusserlich bleibt sie jedoch stets besonnen, ruhig, kontrolliert, beherrscht. Alles Eigenschaften, für die ihr Kontrahent nicht bekannt ist. Alles Eigenschaften, die sie für den Moment benötigt hat, als klar wurde, dass Putin wieder gewählt war.

Der Kampf für  Freiheit und Gerechtigkeit endet mit diesem Ereignis nicht. Frau wünscht Masha Gessen und den vielen Menschen in Russland, die an ihrer Seite gekämpft haben,  für die Zukunft deshalb viel Optimismus, Durchhaltevermögen, Zielstrebigkeit, Kraft und Mut. Und einen Schutzengel, der sie vor allfälligen Racheakten des Präsidenten schützt.

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