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Ist Liebe eine Kunst? – Wir sagen ja!

Intro

Kaum einer nimmt an, dass man etwas tun muss, wenn man lernen will, zu lieben. Sie sehen das Problem der Liebe in erster Linie als das Problem, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben und lieben zu können.

Liebe als Objekt

Daher beschränken sich all ihre Bemühungen darauf, sich liebenswert zu machen, sich zu verkaufen, um Erfolg zu haben, gekauft zu werden, auf die Idee des für beide Seiten günstigen Tauschgeschäfts. Die Frage ist, wie “attraktiv“ bin ich, wie kann ich mich mit Eigenheiten schmücken, die gerade auf dem Markt gefragt und beliebt sind?

Das Gefühl der Verliebtheit stellt sich dann ein, wenn man ein möglichst attraktives Tauschobjekt gefunden hat. Es ist ein Deal. So verlieben sich dann zwei Menschen ineinander, wenn sie das Gefühl haben, das beste Objekt gefunden zu haben glauben, das für sie in Anbetracht des eigenen Tauschwertes auf dem Markt erschwinglich ist. Oft geht der Irrtum so weit, dass wir das Anfangserlebnis “sich zu verlieben“ mit “zu lieben“ verwechseln. Dies führt dazu, dass nach der ersten Phase der Euphorie sich die Menschen besser kennen lernen, durch die Vertrautheit der geheimnisvolle Charakter verloren geht, bis ihr Streit, ihre Enttäuschung, ihre gegenseitige Langeweile die anfängliche Begeisterung getötet hat. Es gibt kaum eine Aktivität wie die der Liebe, die mit so ungeheuren Hoffnungen und Erwartungen begonnen wird und die mit einer solchen Regelmässigkeit fehlschlägt wie die der Liebe.

Liebe als Kunst

Liebe ist eine Kunst, genauso wie Leben eine Kunst ist, die gelernt werden muss. Denn trotz unserer tiefen Sehnsucht nach ihr, halten wir doch fast alles anderer für wichtiger: Erfolg, Prestige, Geld und Macht. Der Marketing Charakter ist zwar bereit, etwas herzugeben, jedoch nur im Austausch für etwas anderes. Zu geben, ohne zu empfangen, ist für ihn gleichbedeutend mit betrogen werden.

Der liebende Mensch gibt und kann nicht umhin, im anderen etwas zum Leben zu erwecken. Bei einer solchen Orientierung hat der Betroffene seine Abhängigkeit, sein narzisstisches Allmachtsgefühl, den Wunsch, andere auszubeuten überwunden. Er glaubt an seine menschlichte Kräfte und hat den Mut, auf seine Kräfte zu vertrauen. Wenn ihm diese Eigenschaften fehlen, hat er Angst, sich hinzugeben, Angst, zu lieben.

In der westlichen Aufklärungsphilosophie gilt Gleichheit als eine wichtige Bedingung, wie Kant prägnant formuliert, als er sagte, kein Mensch dürfe einem anderen Mittel zum Zweck sein. Heute bedeutet Gleichsein dasselbe sein und nicht mehr eins sein. Früher begriffen wir uns Mensch als Teil eines ganzen, als Teil der Natur. Heute entfremden wir uns immer stärker von unserem Ursprung. Es gilt Mensch gegen die Natur. Damit verschwinden wir als lebendige Wesen in einem ganzen Kosmos.

Wir sind alle Teil des Einen; wir alle sind das Eine. Deshalb sollte es eigentlich keinen Unterschied machen, wen ich liebe. Die Liebe sollte im Wesentlichen ein Akt des Willens, des Entschlusses sein, sein Leben völlig an das eines anderen Menschen zu binden. Seinem innersten Wesen heraus lieben und den anderen im innersten Wesen seines Seins erfahren. In unserer gegenwärtigen Kultur scheint uns diese Idee völlig abwegig. Wir halten die Liebe für das Resultat einer spontanen, emotionalen Reaktion, in der wir plötzlich von einem unwiderstehlichen Gefühl erfasst werden. Man übersieht einen wesentlichen Faktor in der erotischen Liebe – den Willen dazu! Jemanden zu lieben ist nicht nur ein starkes Gefühl, es ist auch eine Entscheidung, ein Urteil, ein Versprechen. Wäre die Liebe nur ein Gefühl, so könnte sie nicht die Gründlage für ein Versprechen sein, sich immer zu lieben. Ein Gefühl kommt und kann auch wieder verschwinden. Wie kann ich behaupten, die Liebe werde ewig dauern, wenn nicht mein Urteilsvermögen und meine Entschlusskraft beteiligt sind?

Die reife Liebe, wie sie Fromm formuliert, ist eine Vereinigung, bei der die Integrität und Individualität bewährt bleibt. Sie steht im Gegensatz zur Symbiose, bei der der eine vollkommen abhängig vom anderen ist. Bei der reifen Liebe kommt es zum Paradoxon, dass zwei Wesen eins werden und trotzdem zwei bleiben. Nach ihm enthält die reife Liebe vier Grundelemente:

  • Fürsorge
  • Verantwortungsgefühl
  • Achtung vor dem anderen
  • Erkenntnis

Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben. Der erste Schritt zur Kunst ist daher, sich Sorge zu tragen, seine Gefühle zu achten und nicht vor sich wegzurennen, sich von allen Selbsttäuschungen zu lösen, sein Ich zu finden und die Verantwortung für sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Verantwortung für sich zu übernehmen heisst nicht, sich zu quälen, sondern seine Bedürfnisse als Mensch zu erkennen und diese mit Disziplin zu verfolgen.

Wenn ich dies kann, mich lieben, dann werde ich meinen nächsten achten wie mich selbst, ich werde ihn sehen, wie er ist, ich werde ihm Sorge tragen können und seine einzigartige Individualität annehmen. So werde ich ihm Sorge tragen können, für sein Leben, und sein Wachstum, wie er ist und nicht, wie ich ihn als Objekt zu meinem Gebrauch benötige. Ich erkenne ihn, ich merke zum Beispiel, dass er sich ärgert, auch wenn er es nicht offen zeigt, da ich ihn noch tiefer kenne, dann weiss ich auch, dass er Angst hat und sich Sorgen macht. Dass er sich einsam und schuldig fühlt.

Wie kann man also die Kunst des Liebens erlernen?

  1. Alleine sein können
  2. Zuhören lernen
  3. Glaube/Zuversicht

Vor allem erfordert die Ausübung einer Kunst Disziplin und Geduld. Man sollte lernen, mit sich allein sein zu können, ohne sich abzulenken. Mit sich sein können, alleine und seine innere Welt erfahren lernen. In einem zweiten Schritt sollte die Person sich auf andere konzentrieren, das heisst lernen, zuzuhören. Menschen, die lieben lernen wollen, müssen lernen, einander nahe zu sein, ohne gleich irgendwie wieder voneinander wegzulaufen. Man muss seinen Narzissmus überwinden, die Dinge so sehen wie sie sind und von dem Bild trennen, das durch die eigenen Wünsche und Ängste zustande kommt. Vernunft ist die Fähigkeit, objektiv zu denken. So können wir lernen, den Menschen so zu sehen, wie er unabhängig von den eigenen Interessen, Bedürfnissen und Ängsten existiert.

Eine nächste Fähigkeit, die uns für das erlernen der Kunst des Liebens hilft ist der Glaube. Damit ist nicht der Glaube an Gott gemeint. Es geht um rationellen Glauben von Gewissheit und Unerschütterlichkeit, die unseren Überzeugungen eigen sind. Wie kommt beispielsweise ein Wissenschaftler zu einer neuen Entdeckung. Macht er zunächst ein Experiment nach dem anderen, trägt er Tatsache um Tagsache zusammen, ohne eine Vision davon zu haben was er zu finden erwartet? Nur selten ist eine wichtig Entdeckung auf solche Weise gemacht worden. Oft geht einer Erkenntnis eine rationale Vision voraus, welche selbst das Ergebnis beträchtlicher vorausgegangen Studien reflektierenden Denkens und vielen Beobachtungen ist. So entsteht eine Hypothese. Bei jedem Schritt von der Konzeption einer rationalen Vision bis zur Formulieren einer Theorie braucht es Glauben und Zuversicht.

An einen anderen glauben können bedeutet wohl, dass der andere in seiner Grundhaltung, im Kern seiner Persönlichkeit, in seiner Liebe zuverlässig und unwandelbar ist. Im gleichen Sinn glauben wir an uns selbst. Wir sind uns der Existenz eines Selbst, eines Kerns unserer Persönlichkeit bewusst, der unveränderlich und unser ganzes Leben lang fortbesteht, wenn sich auch die äusseren Umstände ändern mögen und wenn auch in unserer Meinungen und Gefühlen gewisse Änderungen eintreten. Wenn wir nicht an die Beständigkeit unseres Selbst glauben, gerät unserer Identitätsgefühl in Gefahr und wir werden von anderen Menschen abhängig.

Nur wer an sich selbst glaubt, kann anderen treu sein, weil nur ein solcher Mensch sicher sein kann, dass er auch in Zukunft noch derselbe sein wird wie heute und dass er deshalb genauso fühlen und handeln wird, wie er das jetzt von uns erwartet. Der Glaube an uns selbst ist eine Voraussetzung dafür, dass wir etwas versprechen können.

Fazit

Wir haben bewusst zwar Angst, nicht geliebt zu werden; in Wirklichkeit aber haben wir Angst davor, zu lieben. Lieben heisst, wir uns der geliebten Person ganz hingeben in der Hoffnung, dass unsere Liebe auch in ihr Liebe erwecken wird. Liebe ist ein Akt des Glauben, und wer nur wenig Glauben hat, der hat auch nur wenig Liebe. Unreife Liebe sagt: Ich liebe dich, weil ich dich brauche. Reife Liebe hingegen: Ich brauche dich, weil ich dich liebe.


Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des Buches „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm



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1 Comment

  1. Pippilotti
    27. November 2011 at 19:07

    Das Buch hab ich auch mal angefangen zu lesen bis zur Seite 59…: „…in der Liebe zwischen Frau und Mann werden beide wiedergeboren. (Die homosexuelle Abweichung von der Norm entsteht dadurch, dass diese polarisierte Vereinigung nicht zustande kommt und dass der Homosexuelle hierdurch unter dem Schmerz der nicht aufgehobenen Getrenntheit leidet, wobei es sich übrigens um ein Unvermögen handelt, das er mit dem durchschnittlich heterosexuell Veranlagten, der nicht lieben kann, teilt.)“ Das ist jetzt aus dem Zusammenhang genommen, und so ganz komplett verstanden hab ich das wohl nicht, aber jedenfalls klang es für meine Augen nach einem homophoben Fromm (geboren 1900, und lebend in einer homophoben Gesellschaft, selbstverständlich). ‚Wahre‘ Homoliebe gäbe es demnach gar nicht? Da bin ich total anderer Meinung…

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