Kommentar / Rezension / Kolumne

Draculas Mutter war lesbisch

Jeder kennt Graf Dracula, den schaurig romantischen Verführer holder Jungfrauen. Der Stoff ist unter anderem von Francis Ford Coppola verfilmt und unzählige Male für Theaterstücke, Musicals, Computerspiele und Fantasy Romane adaptiert worden. Aber nur wenige wissen, wer Bram Stoker zu seinem weltberühmten Roman Dracula inspirierte. Eine lesbische, wunderschöne Vampirin aus Österreich…

Die Mutter aller Vampire

Viele halten Bram Stoker für den Pionier des romantischen Schauerromans. Doch bereits 25 Jahre vor ihm schrieb ein anderer irischer Schriftsteller Literaturgeschichte: 1872 veröffentlichte Joseph Sheridan Le Fanu seine Novelle Carmilla, der weibliche Vampir.

Die Geschichte spielt in der schönen Steiermark. Laura, die Tochter eines verwitweten Schlossherren, fühlt sich einsam und unglücklich. Ihre einzige Freundin ist kürzlich an einer mysteriösen Krankheit verstorben. Schicksalhafte Zufälle führen die bildschöne Carmilla als Gast ins Schloss. Laura fühlt sich vom ersten Moment an zu der geheimnisvollen Fremden hingezogen, doch mit Carmillas Auftauchen kehren Albträume aus Lauras Kinderzeit zurück und schreckliche Vorzeichen häufen sich…

„Carmilla“ zählt zu den besten Vampirgeschichten der Weltliteratur.

Kindlers Literatur Lexikon

Bram Stoker hat sich nachweislich von Le Fanu inspirieren lassen, als er Dracula schrieb. Sein Roman sollte ursprünglich ebenfalls in der Steiermark spielen und es gibt eine Szene, in der Carmilla namentlich erwähnt wird. Nachdem die Handlung nach Transsylvanien verlegt wurde, kürzte man besagte Szene allerdings heraus und veröffentlichte sie später als Kurzgeschichte unter dem Titel Draculas Gast.

Seitdem dient Dracula als Vorlage für Generationen von Roman-Vampiren. In gefühlt jedem zweiten Fantasy- oder Jugendroman kommen Vampire vor und der Erfolg der Bis(s)-Reihe von Stephenie Meyer beweist, dass die gewaltige romantische Faszination, die schon Bram Stoker zum Erfolg verholfen hatte, nach wie vor besteht. Die fast in Vergessenheit geratene Urmutter der untoten Verführer*innen, die sich zwischen Buchseiten und auf der Kinoleindwand tummeln, ist die lesbische Vampirin Carmilla…

…aber war sie wirklich lesbisch?

Es ist wohl der Epoche geschuldet, in der Carmilla veröffentlicht wurde, dass das L-Wort an keiner Stelle im Text vorkommt. Le Fanu ist es stattdessen gelungen, in wundervoller, poetischer Sprache die Anziehung zwischen den beiden Frauen, gemischt mit Lauras unterschwelliger Furcht, greifbar zu machen.

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Illustration von D.H. Friston, 1872

„Ich bin nicht verliebt, und ich werde nie lieben“, flüsterte sie, „- es sei denn, dich.“
Wie schön sah sie im Mondlicht aus!
Scheu und seltsam der Blick, mit dem sie ihr Gesicht rasch in mein Haar vergrub, laut seufzend, daß es fast wie Schluchzen klang, und zitternd ihre Hand um meine legend.

Carmilla, Diogenes Verlag, Ausgabe 1979

An Carmillas leidenschaftlicher Liebe kommt beim Lesen jedenfalls kein Zweifel auf. Die Liebesgeschichte steht hier sogar im Mittelpunkt und ist viel, viel intensiver ausgearbeitet als bei „Dracula“, dem viele Vampirfans im Nachhinein mehr Romantik angedichtet haben, als er eigentlich hergibt.

Doch es liegt in Carmillas Natur, dass sie zerstören muss, was sie besitzen will. Letztlich bleibt es also eine tragische, unerfüllbare Liebe – und so bleibt auch die geneigte Leser*in etwas wehmütig zurück.



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