Coming-OutKommentar / Rezension / Kolumne

Homophobie: Die Angst vor der Angst

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… vu da Lüüt vor da Lüüt. Da hatten Breitbild (Churer Rapper) wieder einmal Recht – das ist eine der wenigen Ängste, die ich habe. Aso außer meiner Angst vor schletzenden Töre, dem Alleinsein, Teelöffelchen, grossen Menschenmassen, Dunkelheit und Spritzen – aber eigentlich bin ich gar kein Ängstliches, werkli. Aber diese wachsenden Unsicherheiten in der Bevölkerung gegenüber der Andersartigkeit der Anderen, das macht mir wirklich Angst.

Wir haben Angst vor „es paar Törm wo vor kurzem die wenigschte gwösst hend wies heissend“ um nochmals Breitbild zu zitieren, vor der Islamisierung im Allgemeinen, den schwarzen Schafen, den Oligarchen, den Obdachlosen, den Ausländern – also vor so ziemlich allem, was nicht einigermassen so ist, wie wir sind oder zu sein meinen. Und mir scheint, als würden sich all diese Ängste schleichend mehr und mehr in der Gesellschaft verbreiten.

Kein EntkommenB

Auch Homophobie, also die Angst vor Homosexuellen, ist Realität. Selbst in Zürich, der wohl tolerantesten Stadt der Schweiz, ist sie zu finden und wir alle sind ihr wahrscheinlich schon in irgendeiner Art und Weise begegnet. Nochmals anders ist es zum Beispiel in der Innerschweiz. Die Geschichte von unserem Dorfpfarrer habe ich ja bereits das letzte Mal erzählt. Ein anderes Beispiel: An unserer Kanti gab es einen Jungen, von dem einige glaubten, dass er eventuell schwul sein könnte (er hat sich dann nach der Kanti auch tatsächlich geoutet), was zu einem Eklat führte, weil sich einige der pubertierenden Jungs weigerten, mit ihm nach dem Sport unter die Dusche zu stehen. Ganz viele solche Geschichten hört man in der Schweiz. Gar nicht anfangen will ich mit anderen Staaten: dem absolut rechtlich diskriminierenden Russland, den Fundis in Amerika oder den Ländern, in welchen homosexuelle Handlungen unter Todesstrafe stehen.

Schon absurd, diese Homophobie – man hat Angst vor Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben. Was soll bitte schön an Liebe angsteinflössend sein (ausser natürlich, dass sie total blind und betrunken macht)? Gehen wir doch mal dem Phänomen Homophobie auf den Grund:

Phobia

Einer der Ersten, die den Begriff Homophobie prägten, war George Weinberg. „A phobia about homosexuals … It was a fear of homosexuals which seemed to be associated with a fear of contagion, a fear of reducing the things one fought for – home and family. It was a religious fear and it had led to great brutality as fear always does.” Es geht also um eine Phobie, um eine Angst. Aber stimmt dieser etymologische Ursprung wirklich mit dem überein, was man eigentlich damit sagen will? Denn Homophobie ist ja eigentlich viel weniger eine Angst – wie beispielsweise die Coulrophobie (Angst vor Clowns), die Coitophobie (Angst vor Sex) oder die Coprophobie (Angst vor Scheisse) – sondern fällt eher in dieselbe Kategorie wie Sexismus oder Rassismus. Das hingegen sind ablehnende, ausgrenzende oder feindliche Haltungen gegenüber Personen oder einer Gruppe, die als andersartig gesehen werden. Das hat nicht mehr viel mit Angst zu tun. Es ist vielmehr eine Einstellung, eine Art die Welt zu sehen und zu kategorisieren, wodurch einer Gruppe von Menschen feindselig begegnet wird.

Gefährlich

„Had led to great brutality“ – leider ist hier die Vergangenheitsform nicht angebracht. Denn noch immer hat Homophobie brutale Folgen. So ist die Suizidrate von jungen Homosexuellen zwei- bis zehnmal höher als bei gleichaltrigen Heterosexuellen. Und das liegt nicht irgendwie daran, dass wir ein Suizid-Genli haben. Nein, das liegt an der Homophobie – der Tatsache, dass die Andersartigkeit in unserer Gesellschaft einen schwierigen Stand hat. Dass es nicht einfach ist, nach vorne zu treten und dazu zu stehen, dass man nicht der breiten Masse entspricht. Noch brutaler wird es, wenn Homophobie institutionalisiert wird – sei es religiös, rechtlich oder gesellschaftlich. Das führt dann zu Umpolungstherapien, Exorzismen um den Homoteufel auszutreiben, zur rechtlichen Diskriminierung und zur strafrechtlichen Verfolgung. Diese Entwicklung, dass die Andersartigkeit keinen Platz hat, ist gefährlich – gefährlich für das einzelne Individuum und für die Menschheit, wie uns die Geschichte immer wieder zu lehren versucht.

 

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Überall dasselbe

Als ich letztes Jahr in Äthiopien war, kam es zu einer ganz absurden Situation: Gebrisha (ein äthiopischer Philostudent, welcher in Alitena, dem Dorf, das ich besuchte, als Entwicklungsarbeiter bei Frauenförderungsprojekten arbeitete und in diesen Wochen zu einem guten Freund und super Guide wurde, der all meine gwundrigen Fragen beantwortete) amüsierte sich mit meinem Iphone und verlangte zu allen Fotos, welche ihm eine Welt zeigten, die er sich überhaupt nicht vorstellen konnte, eine ausführliche Erklärung. Irgendwann kamen wir zu einem Foto von meinem besten Freund, der seinen damaligen Freund küsste.Der Schock stand Gebrisha ins Gesicht geschrieben und dieses Mal schaute er mich nicht auffordernd fragend an sondern eher what the fuck.

Einige Stunden später sprach er mich darauf an, wer das sei, was das soll, wieso ich so ein Foto habe, und meinte, dass das Bild ihn ziemlich aufgewühlt habe. Ich erklärte ihm, dass das in der Schweiz okay ist und dass das mein bester Freund und sein Freund seien und und und. Und dann fragte ich, wie denn mit Homosexualität bei ihnen umgegangen wird. Ich hatte bis jetzt die äthiopische Kultur als sehr körperkontaktfreudig und sehr offen mit Sexualität umgehend empfunden. Nein, zwei Männer, die sich lieben, die ein Paar sind, beim Sex, dass sei gruusig. Mit Lesben habe er überhaupt kein Problem, das sei okay. Aber Analsex, wäh. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Ich behaupte einfach mal, dass diese Meinung nicht nur in Äthiopien sondern auch bei uns immer wieder so anzutreffen ist.

Ach ja, ein paar Tage später gingen einige Einheimische und ich in die Stadt. Neben mir im Auto saß ein Mann in den Zwanzigern, der einen geflickten Kapuzenpulli trug. Dieser war so zusammengenäht worden, dass nun „Gay is the new black“ draufstand. Dies und andere Weisheiten fand ich in Äthiopien.

 

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Die entscheidende Waffe

Das Gespräch mit Gebrisha führte dazu, dass er sich damit auseinander setzte und versuchte, sich selbst und dieses Phänomen Homosexualität irgendwie zu verstehen. Während wir damals lange zusammen saßen und versuchten, einander unsere Welt und Ansichten zu erklären, kam er irgendwann zum Schluss, dass das ja gar nicht so grusig sei. Das Problem war einfach, dass er es nicht kannte, nie damit in Berührung kam. Und genau deshalb entstehen solche Vorurteile, ablehnende und feindselige Haltungen oder Ängste.

Ein anderes Beispiel: auf meinen Artikel zu Emma Watson und dem Wort Feminismus habe ich eine uh härzige Reaktion von meinem wundervollen ehemaligen Mitbewohner erhalten. „Ech ha dine post jetz gläse ond ech fendne eifach super!!! Ech gsehnes glichig. (…) Ond mer sett sech schäme, kei feminescht ond demet gäge d glichbeerächtigong vo aune mönsche zsi.“ Ich war sprachlos. Und unglaublich gerührt. Ich kann mich an die noch nicht allzu lang vergangenen Abende am Esstisch erinnern, wo ich erklärte und nochmals erklärte, wieso ich Feministin bin. Wieso es Krippenplätze und Teilzeitstellen braucht, was es mit der ominösen gläsernen Decke und der Lohnungleichheit auf sich hat und vor allem, wieso der Kampf der Feministinnen noch lange nicht vorbei ist. Ich erinnere mich an Sätze wie: „Ech ha emmer gmeint alli Femineschtinne hend chorzi Hoor.“ Aber scheinbar haben all diese Gespräche gefruchtet. Deshalb war ich so gerührt von dieser wundervollen Reaktion.

Ich glaube, der einzige Weg, um die Homophobie zu besiegen, ist das Gespräch. Denn Angst hat man vor dem Unbekannten. Wenn man aber einmal mit dem Anderen in Kontakt kommt, wird es weniger beängstigend, weniger fremd und dafür vertrauter. Deshalb an Alle: lasst Euch auf all die Gespräche ein, obwohl sie sich im Kreis drehen und teilweise absurd sind. Denn Worte sind die einzige Waffe in diesem Kampf, dem Kampf gegen diese Angscht vu da Lüüt vor da Lüüt!



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