Coming-Out

Die zweite Pubertät

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Oute sich, wer Eier hat!

Wir wissen es alle: der Weg zum Outing kann lang und steinig sein. Hast du aber endlich den Entschluss gefasst, deine Liebsten über die Wahrheit, die du im Herzen trägst, zu informieren, wirst du schnell merken, dass die Erleichterung Überhand nimmt und du dich über die erlangte Freiheit freuen kannst.

Mit jedem Outing steigt das Selbstbewusstsein, es entsteht sogar eine Art Routine in der Herangehensweise. Trotzdem kannst du nie für alle Reaktionen gewappnet sein. Schlechte Reaktionen hat es in meinem Umfeld (noch) nicht gegeben, aber Fragen haben die Leute natürlich immer. Meine persönliche Lieblingsfrage ist dabei mit Abstand: «Aber bist du dir ganz sicher? Vielleicht bist du einfach an den falschen Mann geraten?», dicht gefolgt von: «Bist du dir ganz sicher, dass du nie wieder in deinem Leben einen Mann haben willst?».

Solche Fragen lassen mich innerlich jeweils kurz aufschrecken. Ja, ich fühle mich dann in eine Sackgasse gedrängt, von Polizisten in die Enge getrieben, mit dem Rücken zur Wand. Eindringlich schauen sie mich mit ihren dunklen Augen streng an durch ihre Schutzscheibenhelme, zielen bedrohlich mit Gummischrot und Teaser auf mich. Einer davon mit Megafon in der Hand: BIST DU SICHER??? Wow.

In solchen Momenten frage ich mich, ob den Menschen eigentlich bewusst ist, was es heisst, sich zu outen. Die Antwort spiegelt sich in ihren Rückfragen wieder: die meisten haben keinen Schimmer. Und woher sollten sie auch? Übel nehmen kann man es niemandem, «blöde» Fragen zu stellen. Denn, wenn wir ehrlich sind, sind es genau dieselben Fragen, die wir uns alle selber auch gestellt haben, bis wir einsehen konnten, wo die Musik spielt. Wenn unser Gegenüber also unseren ganzen, über Jahre abgelaufenen inneren Prozess im Zeitraum eines einzigen Outing-Gespräches aufholen muss, sind solche Fragen ja eigentlich völlig berechtigt. Und trotzdem, sie wirken so grotesk. Denn ein Outing wird von niemandem mit Leichtsinn angegangen. Du klappst nicht eines Morgens eine Geschenkbox auf und liest: Guten Tag, Sie sind Homo. Schön wär‘s! Stattdessen führst du über Jahre ein psychisches Doppelleben, mit dem Gedanken, dass eines Tages in weiter Ferne alles anders sein wird. Irgendwann. Und tatsächlich: irgendwann kommt der Knall. Die Explosion. Die Detonation. Und ehe du dich versiehst, hörst du dich deiner besten Freundin sagen: Ich bin lesbisch, imfall. By the way. Einfach so zur Info.

Ab hier verändert sich alles schlagartig, denn die Katze ist aus dem Sack und eine neue Perspektive offenbart sich. Das gesellschaftliche Gerüst, in dem du dich so lange komfortabel herumgetrieben hast, scheint unbedeutender denn je. Schlagartig wird dir klar, dass du dir die Grenzen, die dir die Gesellschaft vorzuschreiben schien, eigentlich immer nur selber gesetzt hast. Doch jetzt nicht mehr. C’est le lion qui bouffe son dompteur, après tout.

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Frisch geoutet: die zweite Pubertät hat begonnen.

Du hast dir also endlich zugestanden, was Sache ist, hast alle Episoden von The L Word verschlungen, kennst Arielle von GirlfriendsTV, hast dort Wörter wie «Pansexual» und «Scissoring» gelernt, dich sogar auf OITNB eingelassen, Lip service, Kyss mig, La Vie d’Adèle, Sweeter than Chocolate. Du verstehst die Bezeichnungen Butch, Femme, Lipstick Lesbian, Spaghetti Girl. Schockiert stellst du fest, dass du mit einer potenziellen Zukünftigen keine Kinder adoptieren könntest und realisierst, dass die Familienplanung nun eine unerwartete Wende genommen hat (schon noch blöd). Obwohl dir die Diskriminierung der Homosexuellen schon immer ein Dorn im Auge war, fährt sie schlagartig auf anderer Ebene ein. Du kennst jegliche Songs der Quin-Zwillinge auswendig, findest lange Nägel an anderen Frauen einfach nur noch angsteinflössend und überlegst dir zwei Mal, was du nun essen willst. Der Name DeGeneres hat an Bedeutung gewonnen und das Outing von Ellen Page hat dich zu Tränen gerührt. Du fühlst dich also einigermassen «aufgeklärt» und hast genug von Beta-Erlebnissen: jetzt willst du selber ran!

 

Hallo Frisch Fleisch

 

Erster Schritt in die Realität: die Frauenparty.

Lange ist es her, seit meine Gefühle Achterbahn gefahren sind. Ich dachte, das hätte ich alles bereits hinter mir gelassen. Weit gefehlt! Mit neuen Voraussetzungen im Gepäck stürze ich mich Kopf voran in eine zweite Pubertät. Rette sich, wer kann!

 

Aber jetzt mal halblang. Dieses aufgeregte Kriegsgeschrei bringt nun wirklich niemanden weiter. Wo soll ich überhaupt beginnen? Ahnungslos sitze ich vor meinem Laptop und google Stichwörter wie «gay zurich» «lesbische bar» «zürich lesbenszene». Ja, ich versuche in meiner Verzweiflung sogar die brennenden Fragen für Google aus-zu-for-mu-lie-ren: «Wo sind lesbische Veranstaltungen in der Schweiz?» «Wo ist die Lesbenszene in Zürich?» «Welche bars sind gay friendly?». Und so weiter und so fort. Doch ich finde rein GAR NICHTS. Schon Wahnsinn, wie sich tausende Schwulenpartys und Schwulenveranstaltungen vor meinen Augen auflisten und kein einziger Treffer für meine doch so präzise Suchanfrage! Gopf. Wo treiben sich diese Frauen denn herum?

Nach langem Recherchieren (und paranoidem Dauer-Verlauf-Löschen) bin ich dann auf eine Party gestossen. Nachdem der Gedanke an diese eine Party über Wochen in meinem Kopf gereift ist, passiert es: Meine Beine bringen mich herzrasend und wie in Trance an einen Ort, vor dem sich mein Gehirn eigentlich fürchtet. Schwarz gekleidet und wie in Undercover-Mission. Hoffentlich sieht mich niemand, den ich kenne. Plötzlich steh ich da, alleine um 3 Uhr morgens an einer Frauenparty und denke mir: «Was zum Teufel mach ich da eigentlich?». Doch dann merkt das Gehirn, dass die Beine recht hatten, dass die Sehnsucht stärker war als die grösste Willenskraft auf Erden. Und dann erscheint das Unausweichliche plötzlich unglaublich attraktiv, denn die Türe wurde aufgestossen und die Musik süsser Versuchung ist mir entgegengeströmt, hat jeden einzelnen Nerv durchflossen und mich dann perplex mit tausend Antworten zurückgelassen, die ich so lange ignoriert hatte.

Da stehe ich also nun, umgeben von Gleichgestimmten, wie in eine Parallelwelt eingetaucht. Sie sind alle echt, leben und atmen, genauso wie der Rest der Welt (aha!). So banal dies erscheinen mag, war diese Erkenntnis Grund genug, mich bestärkt zu fühlen, denn nun war klar: ich bin nicht allein.

Wo man aber nicht allein ist, muss man sich anpassen. Und wie verhält man sich auf einer Frauenparty? Herzig, krass, angepisst, fröhlich, hysterisch, gesprächig, unauffällig, laut? Schnell merke ich, dass ich mit meinen gewohnten Verhaltensweisen aus der Heterowelt (wie auch immer diese sein mögen) nicht sehr weit kommen werde: hier gelten andere Codes. Es herrscht ein anderer Vibe. Die Blicke sind intensiver, direkter, schneller. Wo sonst könnte sich das stillschweigende Verständnis unter Frauen besser offenbaren? Wir lesen nun mal Gedanken. Und die weibliche Überlegenheit, die ich in diesem Bereich gegenüber Männern empfinden kann, ist hier hinfällig. Hier spielen alle mit denselben Waffen. Verunsichert durch die vielen Eindrücke, fühle ich mich schlagartig wieder wie mit 15: jung, naiv und neugierig an der ersten Summersurf im X-tra. Wem diese Party ein Begriff ist, denkt jetzt zu Recht: Holy shit, mein Beileid.

Danke. Doch so tragisch ist es dann auch wieder nicht. Es gibt viel zu entdecken und dieser Antrieb fühlt sich gut an. Wer hätte gedacht, dass sich wie aus dem Nichts plötzlich ein Schalter umdreht und dann die ganze Welt in ein anderes Licht rückt? Es entsteht eine andere Art von Sensibilität in der alltäglichen Umweltbetrachtung und jeder Blick wird zum Radar nach Gleichgesinnten. Plötzlich scheinen sie überall zu sein, an jeder Ecke, auf jeder Strasse, in jedem Auto, hinter jeder Theke. Hat die Welt schon immer so ausgesehen? Wenn ja, dann habe ich sie nie richtig angeschaut. Besser spät als nie. Ich liebe das Leben. Oh, ein Margerittli. Pflück. Sie liebt mich, vielleicht, ein bisschen, fest, sehr fest, gar nicht, vielleicht, ein bisschen, fest, sehr fest. Yes!

 



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1 Comment

  1. .
    2. Oktober 2014 at 21:44

    Super Artikel ! Danke !! :-)
    Du schreibst mir aus der Seele…

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