Politik

Das homosexuelle Erdbeben – kann es Petrus wachrütteln?

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Vor einigen Monaten traf sich die Bischofsynode und besprach die Themen Ehe und Familie. Der Zwischenbericht war ein Erdbeben und Elton John kürte den Papst Franziskus zu seinen Helden: „What are we waiting for? Make him a saint!“. Und tatsächlich hat sich im Vatikan einiges getan: letztes Jahr hat dieser Papst eine Frage zur Homosexualität mit „Who am I to judge?“ beantwortet und nun dieses Erdbeben.

Der Zwischenbericht spricht Themen an, über die man sonst in der Kirche schweigt: alternative Lebensformen zur Ehe, Scheidungen, uneheliche Kinder, Wiederverheiratete und eben Homosexuelle. Und sie sprechen nicht nur darüber, sondern schlagen auch ganz neue Töne an. „Homosexuals have gifts and qualities to offer to the Christian community. […] The question of homosexuality requires serious reflection on how to devise realistic approaches to affective growth, human development and maturation in the gospel, while integrating the sexual aspect, all of which constitute an important educative challenge. […] Without denying the moral problems associated with homosexual unions, there are instances where mutual assistance to the point of sacrifice is a valuable support in the life of these persons.” Obwohl es mittelalterlich tönt (moral problems), solche Worte sind ein grosser Schritt im Vatikan. Gifts and qualities – nichts mehr von einem Teufelsbund, wie sonst.

Leider schaffte es dieses Erdbeben nicht, Petrus, den Stein, das Fundament der Kirche, richtig zu erschüttern. In der Schlussbotschaft zur Synode hatten Homosexuelle keinen Platz mehr. Nicht mehr dieselbe innovative Sprache, sondern das Altbekannte: die heilige Familie, die heilige Ehe, die heilige Treue und weiterer heiliger Bimbam. Sehr schade. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Erdbeben trotzdem einiges bewegt und wachgerüttelt hat.

 

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Paradoxon

Aber eigentlich ist ja diese Beziehung zwischen der katholischen Kirche und der Homosexualität schon ein bisschen paradox, nicht? Ich bin kein bisschen theologisch gewandt, aber wenn ich etwas vom Religionsunterricht zum Neuen Testament mitgenommen habe, dann Nächstenliebe, doppelt unterstrichen und mit Stabilo umrahmt. Die Liebe, das nebeneinander leben und leben lassen, einander so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte – das sind doch die Kernbotschaften dieses Buches. Wie ist es dann möglich, dass die Kirche, die sich diese Botschaften auf die Fahne geschrieben hat, einer ganzen Gruppe von Menschen die Menschlichkeit aberkennt und ausschliesst? Wie können die Kirchenväter den Widerspruch zwischen diesen Kernbotschaften und dem Verhalten gegenüber Homosexuellen auflösen? Ist das überhaupt möglich?

Paradoxon zum Zweiten

Noch paradoxer wird das Ganze, wenn man ihre Theorie zur Homosexualität mit der Realität im Vatikan vergleicht. Immer wieder kommen Gerüchte von gelebten schwulen Beziehungen zwischen den Herren der Kirche ans Licht. (Ganz etwas anderes sind natürlich die Geschichten des Kindsmissbrauchs durch Kirchenväter – das ist einfach nur grausig und schrecklich.) Wie Heine so schön sagte: Wasser predigen und Wein trinken. Das geht gar nicht. Finde ich zumindest.

 

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Schnitt ins eigene Fleisch

Die Kirche begreift nicht, dass diese paradoxe Einstellung zur Homosexualität nichts als kontraproduktiv ist. Erstens schliesst sie Menschen aus, obwohl es auch in dieser Gruppe einige gibt, die gerne von der Kirche an die Hand genommen und durchs Leben geführt werden möchten. Und auch viele Heterosexuelle, welche mit dieser Homophobie nichts anfangen können, werden abgeschreckt. Als ich klein war, hatten wir in Rusmu, dem wunderschönen Kaff in dem ich aufwuchs, einen wundervollen Pfarrer. Der schaffte es, dass ich mich an den obligaten Kirchgängen an Weihnachten und allenfalls an Ostern gar nicht so sehr langweilte. Und das ist eine abartig grossartige Leistung, wenn ein vierjähriger Goof eine Stunde einigermassen ruhig in der Kirche sitzt. Dann sprach sich aber in unserem wunderschönen Kaff herum, dass dieser tolle Pfarrer eventuell vielleicht schwul sein könnte. Und er musste gehen. Heute haben wir keinen Pfarrer mehr im Dorf (es gibt ja viel zu wenige) und die, die sich in der Zwischenzeit daran versuchten, führten zum Gähnen nach fünf Minuten. Was ich damit sagen will: ich behaupte, dass die Kirche sich mit dieser Homophobie selber schadet, weil dadurch viele gute Leute verloren gehen.

Und die Frauen?

Bei uns Lesben kommt ja noch dazu, dass wir homo und Frauen sind – im Sinne der Kirche sozusagen doppelt Menschen zweiter Klasse. Dass die Kirche ein Patriachat sondergleichen ist, wissen wir. Ob sich unter dem neuen Papst auch etwas in dieser Hinsicht ändert, ist noch nicht ganz klar. Einerseits betont er, dass es DIE Kirche heisst und somit die Wichtigkeit der Weiblichkeit, andererseits solle die „falsche“ Emanzipation nicht von der Rolle der Frau als Mutter ablenken. We will see, ob auch diese Steine noch es betzli Wanken werden.



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