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The Pyre – Ein Scheiterhaufen auf der Bühne

„Die Aufführung The Pyre verschiebt sich um eine halbe Stunde“, erfahre ich vom künstlerischen Leiter. Das verschafft mich genug Zeit das Kampnagel-Gelände ausführlich zu erkunden. Während des Internationalen Sommerfestivals hat das schließlich einiges zu bieten.

Die Türen des Nebenraums stehen offen – frei zugänglich für jeden. Geschwugene Neonistalltionen ziehen mich magisch an. Ich bin beeindruckt. Die Schriftzüge erinnert mich ein wenig an Tracey Emin, sind aber deutlich weniger verrucht. »Visitors« (2012) bringt Gästebuch-Einträge von Kunst-Institutionen als in Neon an die Wand.

 

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In der Mitte des Saales steht eine große Leinwand, auf der sich mexikanische Darsteller ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Das Video »Crying for the March of Humanity« (2012) zeigt eine Telenovela-Folge, bei der Jankowski die Dialoge durch Gefühlsausbrüche der Darsteller ersetzt hat.

Christian Jankowski hat das Festivalthema „Kunst und Realität“ punktgenau getroffen. „Durch Inszenierungen, Aktionen und Performances deckt er Funktionsweisen von Systemen und Institutionen auf – und bringt mit den daraus entwickelten Arbeiten seit Anfang der 90er Jahre den Kunstbetrieb durcheinander.“ (Quelle: Kampnagel)

Zeit für „The Pyre“. Die Deutschlandpremiere ist ausverkauft. Vor dem Saal hat sich mittlerweile eine Menschentraube gesammelt. Der künstlerische Leiter steht vor einem Bisto-Tisch voller weißer Texthefte. Er entschuldigt sich höchstbemüht und sehr höflich noch einmal für die Verspätung, die ihm niemand böse nimmt – Wir sind hier schließlich bei der Premiere. Die Texthefte, verrät er uns, sollten doch bitte erst nach der Aufführung gelesen werden.

Alle Stühle sind besetzt. Das Publikum totenstill. Der leichtverspätete Anfang hat die Spannung vollkommen ausgereizt. Eine beeindruckende Videowand bildet das Bühnenbild. Die Französin Gisèle Vienne vereint auf der Bühne Tanz, Ausdruck und Videokraft zu einer verstörend prägenden Gewalt.

Die Hauptdarstellerin befindet sich auf der Bühne. Ja, so ist es wohl am trefflichsten ausgedrückt. Ihre Bewegungen sind minimal. Die Videoinstalltion und die ernorme Geräuschhinterlegung stehen ihr, vielleicht gewohllt, die Show. Ich schließe meine Augen. Nach 10 Minuten befindet sich die Darstellerin an der gleichen Stelle. Im Bann der laufenden Farbimpulse auf der Videowand warte ich auf den Anfang der Show, als mich eine Off-Stimme informiert, dass wir jetzt zu Part 2 kämen.

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Der zweite Teil verspricht zunächst mehr. Eine junger männlicher Darsteller begibt sich auf die Bühne, schlägt die weibliche Darstellrin. Die Videoinstalliton setzt aus. Eine zur Abwechslung melodische Musik setzt ein. Was passiert jetzt? Ein Dialog, ein Tanz, Handlung? Das Publikum und ich sind voller Hoffnung und Erwartung. Dann setzt die Videoinstalltion wieder ein und die Geräusche prügeln auf mein Trommelfell ein. The Pyre macht Coitus interruptus mit mir.

Nach 65 Minuten ist das Stück vorbei. Applaus. Wenn gleich ich ein großer Fan von Videoinstalltionen, modernen Sound-Effekten und abstrakten Darstellungen bin, lässt mich diese Darstellung nur mit Fragen zurück. Ich freue mich auf das Textheft. Das Publikum erhält gleich drei Fassungen: Deutsch, Englisch und Französisch. Der künstlerische Leiter empfiehlt die englische Fassung, welcher ich mich gleich widme. Der Text stammt von dem amerikanischen Autor Dennis Cooper und verwirrt mich noch mehr.  Man sagt „hinterher ist man immer schlauer“ – in diesem Fall stimmt das allerdings nicht. Zum Scheitern verurteilt ist dieses Stück ganz sicher nicht, doch mein Kopf ist an „The Pyre“ zu Grunde gegangen. 

 



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