Kurzgeschichten

Violetta und die Prinzessin – Fortsetzung II

Es heisst, die Geschichte von Violetta und der Prinzessin sei bereits in eure Gefilde vorgedrungen. So lest denn die folgenden Zeilen, um in Erfahrung zu bringen, wie das Märchen weitergeht. Und falls Ihr doch nicht Kenntnis habt, von dem, was bis jetzt ist geschehen, dann führt euch zunächst die Vorgeschichte (Teil 1, Teil 2) zu Gemüte …

Als sie sich endlich standen gegenüber, warden Beide gefangen von unsäglicher Nervosität, sodass sie gar nicht wussten, welche Begrüssung denn ward angebracht. Drei Küsse sollten’s schlussendlich sein – zwei auf die rechte, einen auf die linke Wange – gefolgt von einer innigen Umarmung. Sie begaben sich, unsicher wie kleine unerfahrene Kinder, Seite an Seite, an das Flussufer und setzten sich an eine wunderschöne Stelle, die noch von der Sonne erhellt. Dort verbrachten sie die ersten gemeinsamen Stunden, nebeneinander sitzend, sich manchmal zufällig berührend, kaum in der Lage, sich in die Augen zu blicken, lachend, viel erzählend – und die Lippen ab und an gefährlich nahe. Ein Knistern lag in der Luft, das ward deutlich zu spüren, und dieses liess sie, immer wieder, erröten, und beschämt lächeln.

Die Verliebte vermochte sich kaum zu halten im Zaum, wollte sie die Angebetete doch am liebsten an Ort und Stelle berühren, ihren Körper an den der Wunderschönen schmiegen. Wollte sie doch wissen, wie sich wohl anfühlten ihre Küsse, wie sie würde riechen, wie weich ihre Haut wohl sei, wie sie würde zusammenzucken bei Berührungen an empfindsamen Stellen, wie sie wohl würde seufzen, stöhnen, welches Lächeln ihr Gesicht würde umgeben, wenn sie, müde von unendlichen Stunden der Lust, langsam in ihren Armen in das Land der Träume entschwebt. Doch, halt! Bei der Prinzessin handelte es sich ja wohl nicht um eine dieser hübschen, dahergelaufenen Mägde, die Violetta oftmals für eine schweisstreibende Nacht in ihre Gemächer zu entführen pflegte, sondern um die grosse Liebe ihres Lebens! So mahnte sich die Liebestolle denn auch streng zur Geduld. Es galt, nichts zu überstürzen, sondern – ganz im Gegenteil – die Holde gänzlich von sich zu überzeugen, sodass diese ihre Gefühle und Leidenschaft nicht mehr könnte verbergen, und ihrerseits, volltrunken der Liebe, die Kontrolle verlieren und über Violetta herfallen würde. Die Zeit verstrich Sekunden gleich, und als der Mond den Himmel, der voller flackernder Sterne hing, schon längst hell erstrahlte, ward es leider, leider an der Zeit, auseinander zu gehen. Schweren Herzens umarmten sie sich für diese Nacht ein letztes Mal, beide den heftigen Puls der jeweils Anderen spürend. Mit dem Heranfahren der königlichen Kutsche gaben sie sich schliesslich einen schüchternen Kuss auf die Lippen. Dieser sollte besiegeln die ersten gemeinsamen Stunden.

Nach einem wunderschönen Fussmarsch – leuchtete der Himmel bei Nacht schon immer so schön? Waren die dunklen Wälder schon immer derart romantisch? – in ihren Gemächern angelangt, sollte dort bereits die Taube mit einer Botschaft auf Violetta warten. Die Worte der Prinzessin sprühten vor Entzücken. Die Engelsgleiche ward ganz verzaubert, wollte die hoffnungslos Verliebte alsbald wieder sehen. Sie versprach hoch und heilig, ihre ganze Prinzessinnenkraft dafür aufzuwenden – auch wenn sie dafür ihrem Gemahl ein Märchen müsst erzählen. Violetta spürte reines, pures Glück. Sogleich verfasste sie ihrerseits eine vor Leidenschaft glühende Nachricht, und begab sich, das Herz noch immer von feurigem dunkelrotem Blut durchpumpt und laut pochend, zu Bett. Als die von den vielen wunderschönen Eindrücken des Abends müden Augen langsam warden im Begriff sich zu schliessen, und Violetta in das Reich der Träume hinüberzugleiten schien, erschrak sie plötzlich ob einem Geräusch, einem Klopfen gleich. Schläfrig tappte sie ans Fenster, und ward freudig überrascht: mitten in der Nacht hatte die Prinzessin ihr geantwortet! Nur zwei Sonnenuntergänge wären auszuhalten bis zum nächsten Wiedersehen. Denn auf den Wunsch ihres Gemahls, gemeinsam seine Familie, die über das Nachbarreich herrschte, zu besuchen, hatte sie geantwortet, dass sie vielmehr diese Zeit mit Violetta möchte verbringen und er die Reise alleine antreten müsse. Alle Bitten des Prinzen, diese Entscheidung zu überdenken, hatte sie ausgeschlagen, all sein Flehen blieb unerhört. Und so kam es, dass sich die Beiden, früher als irgendjemand je hätte zu ahnen vermocht, wieder in den Armen lagen. Dieses Mal, so die innere Stimme Violettas, würde es geschehen. Dieses Mal würden sie sich gegenseitig ihre Liebe gestehen und sich einander hingeben. Nun würde sie, nach monatelangen Bemühungen, endlich die Früchte ernten und ihre Liebste endgültig für sich gewinnen können.

Zwei Sonnenaufgänge später, wie vereinbart, fuhr die Prinzessinnenkutsche, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, bis einige 100 Fuss vor die Stadtmauern. Dort wartete die Liebestolle bereits voller Vorfreude. Ward die letzte Begrüssung noch gänzlich von Nervosität geprägt gewesen, so ward es nun die pure Freude, die sich in einer innigen Umarmung und einem mehrere Sekunden andauernden Kuss auf den Mund äusserte. Sie nahmen sich, ganz selbstverständlich, an der Hand, und Violetta führte die Schöne in eine Gaststätte, wo sie edle Speis und feinen Trank zu sich nahmen. Auch den Menschen um sie herum ward nicht entgangen, dass diese Beiden die Blicke kaum konnten lassen voneinander, dass ausgesprochen wurden zärtliche Worte, dass Berührungen nun nicht mehr zufällig, sondern, vielmehr, ganz bewusst geschahen. Die tiefe Nacht ward angebrochen, und alle machten sich auf den Weg in ihre Gemächer. Doch Violetta und die Prinzessin waren des Heimgehens nicht willens. So beschlossen sie, gänzlich euphorisch und aphrodisiert, den Abend in einer Tanzstube ausklingen zu lassen. Dort gönnten sie sich zunächst einen grossen Schluck Wein, ausgeschenkt von einem Manne in purpurner Kleidung, der laut ausrief: „Auf die Liebe wollen wir trinken!“, und dabei herzhaft lachte. Die Kehlen genetzt, näherten sie sich zum nächsten Lied, das ward gegeben zum Besten, ganz langsam und sich tief in die feurig lodernden Augen blickend, an. Sie ahnten, spürten, wussten, dass nun endlich der Moment ward gekommen. Und so verschmolzen sie denn in einem nicht enden wollenden, von Intensität nicht zu überbietendem Kuss. Violetta fürchtete gar, ihr Herz würde alsbald explodieren, nie zuvor hatte sie nur annähernd Vergleichbares erlebt. Wenn nicht das Jetzt, wenn nicht das Hier, was dann sollte wahre Liebe sein? Dieser erste Kuss sollte brechen alle Hemmungen und Dämme: Die Hände und Lippen wanderten über den Körper der jeweils Anderen, dicht aneinandergepresst bewegten sie sich rhythmisch zu den dargebotenen Klängen. Ein Feuerwerk aus Lust und Liebe ward entfacht. Und als die Prinzessin aussprach, wonach sich die Verwünschte schon so lange gesehnt, sollte dieses gar erleben seinen Höhepunkt: „Ich habe mich in dich verliebt“, hauchte sie Violetta zu, die, freudig ergriffen, antwortete: „Ich, meine Liebste, bin bereits in dich verliebt, seit sich zum ersten Mal gekreuzt hatten unsere Blicke“. Die Welt, bestand, so schien es, in diesem Moment aus zweien Personen allein: Aus Violetta und der Prinzessin. Für immer füreinander bestimmt, für immer vereint – und für immer glücklich …



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