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Reaktionen auf der Strasse: damals und heute

Vor ziemlich genau 10 Jahren hatte ich meine erste richtige Freundin. Wir lebten zusammen in Zürich, und waren auch viel gemeinsam in der Stadt unterwegs. Händchenhaltend, küssend, uns umarmend. Was die anderen Leute von uns, von mir dachten, war mir total egal. Denn: ich war unglaublich verliebt. Und ich war stolz darauf, diese Frau zu meiner Freundin zu haben. Und ich wollte nicht nur sie, sondern die ganze Welt wissen lassen, wie viel sie mir bedeutete. Heute bin ich wieder vergeben. Sind die Reaktionen der Öffentlichkeit, 10 Jahre später, auf ein offenkundig lesbisches Paar anders geworden?

Der Blick zurück

Vor 10 Jahren gab ich mich in Zürich ganz offen als Partnerin meiner damaligen Freundin zu erkennen. Egal, zu welcher Tageszeit, egal ob in einer Gay-Bar oder am Treffpunkt des Zürcher Hauptbahnhofs, egal, wie viele Leute es um uns herum hatte: Wir küssten uns, wir umarmten uns, zeigten der Welt ganz selbstverständlich, was wir füreinander empfanden. Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, darauf zu verzichten. Denn: es fühlte sich einfach richtig und gut an. Weil ich sie liebte, und ich diese Gefühle weder verbergen konnte, noch verbergen wollte. Ich erinnere mich nicht daran, dass uns je irgendjemand komisch angeschaut, oder gar einen blöden Spruch fallen gelassen hätte. Man liess uns gewähren, tolerierte und akzeptierte uns und unsere Lebensform. Bis auf ein Mal: wir spazierten gerade in der Nähe der neuen Börse vorbei, als ich vier Jugendliche auf einer Sitzbank sah. Sie tuschelten, als sie uns erblickten. Dann erhoben sich zwei Jungs, hielten demonstrativ Händchen, und liefen auf diese Weise ein paar Meter vor uns. Wir gingen zunächst wortlos an ihnen vorbei. Dann schaute ich zurück, weil ich sie lachen hörte. Mein Blick sagte wohl so was wie: „Und das findet Ihr nun wohl wahnsinnig lustig, hm?“ Jedenfalls verstummten sie sogleich, blickten peinlich berührt zu Boden, und liessen uns in Ruhe.

Die Jahre dazwischen

In den Jahren dazwischen hatte ich keine feste Partnerin. Und ich wollte auch nicht, dass mich irgendeine meiner zahlreichen Affären in der Öffentlichkeit berührte oder küsste. Ich wollte das nicht, weil ich keine tieferen Gefühle für diese Personen hegte. Das hat nichts mit meiner sexuellen Orientierung zu tun. Trotzdem fragte ich mich ab und an, wie die Reaktionen auf den öffentlichen Austausch von Zärtlichkeiten zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts wohl mittlerweile sind. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto stärker überkam mich die Ahnung, dass es früher wohl ein wenig einfacher gewesen sein mag, offen zu zeigen, dass ich anders bin. Ich glaubte nämlich zu beobachten, dass es zum Beispiel nicht mehr „trendy“ oder „in“ war, als junge heterosexuelle Frau mindestens einen guten schwulen Freund im Bekanntenkreis zu haben. In meiner Teenagerzeit war das beinahe ein „must“. Doch nun wurde das Wort „schwul“ plötzlich gleichgesetzt mit etwas schlechtem, blödem, dummem. Öffentlich, unverhohlen, ohne schlechtes Gewissen. Und meine Befürchtung, dass die Toleranz und Akzeptanz gegenüber Homosexuellen abgenommen hat, wurde durch traurige Geschichten aus meinem Bekanntenkreis weiter bestätigt: nur schon der Verdacht, dass jemand homosexuell sein könnte, war anscheinend Grund genug, diesen Menschen zu belästigen, anzupöbeln, zu bedrängen oder zu schlagen. Waren wir auf dem Weg zurück ins Steinzeitalter? Welch grausige Vorstellung.

Heute

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich anfangs ein wenig Mühe hatte, mit meiner jetzigen Freundin öffentlich als Paar aufzutreten. Nicht, weil ich mir meiner Gefühle für sie nicht sicher bin – mitnichten! – sondern weil ich … irgendwie aus der Übung war. Das hört sich nun wohl ziemlich blöd an, war aber so. Denn je häufiger wir zusammen in der Stadt unterwegs waren, desto selbstverständlicher nahm ich ihre Hand, küsste sie, umarmte sie. Eine erste negative Erfahrung darauf erlebten wir ausgerechnet im eigentlich gay-freundlichen Lokal „Odeon“. Wir knutschten zugegebenermassen etwas viel, ja. Aber die Reaktion des Kellners hat mich dann doch erstaunt: Zunächst versuchte er uns zu irritieren, indem er ständig irgendwelche Gegenstände (Salzstreuer, zum Beispiel) auf unseren Tisch knallte. Als das nichts brachte (im Gegenteil) sagte er irgendwann: „Also, bitte, die Leute schauen schon!“ Ich möchte ihm an dieser Stelle wirklich keine Homofeindlichkeit vorwerfen, aber wenn jemand ein Problem damit gehabt hätte, hätte er oder sie selbst was sagen können. Beschwert hatte sich ja niemand, nur „geschaut“ haben sie. Ich schaue auch hin, wenn sich zwei Menschen küssen. Das heisst aber nicht, dass ich mich daran störe. Und kürzlich, wir liefen gerade zum Bahnhof Wiedikon, hörte ich jemanden rufen: „LEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEESBEN!“ Ich schaute zurück, und sah einen circa 12-Jährigen auf seinem Fahrrad. Er grinste breit und winkte uns zu. Ich hab ihm das nicht übel genommen, trotzdem zeigte es mir, dass wir heute irgendwie mehr auffallen, als das früher der Fall war. Auch registriere ich häufiger erstaunte, irritierte, teils ungläubige Blicke, sowohl von Frauen wie auch von Männern, wenn wir durch die Stadt, ob Zürich oder Winterthur, flanieren.

Was ich aktuell erlebe, erschüttert mich nicht. Es ist ja eigentlich auch nichts wirklich Tragisches. Aber es zeigt mir: irgendwie hat die Gesellschaft einen Schritt zurück gemacht, was die Akzeptanz und Toleranz von gleichgeschlechtlicher Liebe betrifft. Woran mag das liegen? Haben wir sie eingeschüchtert, weil wir doch so Einiges (eingetragene Partnerschaft, zum Beispiel) erreicht haben? Oder reicht die Toleranz nur so weit, wie wir was wir sind in unseren eigenen vier Wänden ausleben? Wie auch immer, mich ermutigen diese Reaktionen umso mehr dazu, noch offener dazu zu stehen, wie und was ich fühle. Und ich hoffe, Ihr tut es mir gleich. Denn nur wenn wir sichtbar sind, werden wir auch wahrgenommen. Und nur wenn wir wahrgenommen werden, setzen sich die Menschen mit uns auseinander – und merken irgendwann (hoffentlich), dass wir keine Bedrohung aber auch keine zu begaffenden Zootiere sind. Wir sind real. Wir sind öffentlich. Und wir wollen nur eins: friedlich so leben können, wie es für uns eben stimmt.



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3 Comments

  1. Bela
    13. Juni 2012 at 19:57

    Ich kann diese Beobachtung nicht teilen. Nach der Scheidung habe ich mich in meine Frau verliebt und wir haben unsere Beziehung nie versteckt, weder in der Familie noch „draussen“. Mir sind bis jetzt noch keine negativen Äusserungen/Reaktionen untergekommen. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns in unserem neuen Glück so wohl fühlen und das auch gegen aussen selbstbewusst leben. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich 28Jahre älter bin als meine Liebste, die Leute könnten denken, da ist Hopfen und Malz eh verloren, da lohnt sich kein Kommentar. Vielleicht liegt es auch an den Bernern an sich, die nehmen sich nochmals 10 Jahre Zeit, bis sie die Zürcher Entwicklung nach vollziehen.

  2. Isabelli
    10. Juni 2012 at 12:29

    So wie die Jugendlichen euch imitiert haben, handelt es sich bei ihnen um Unswissen. Heute bekenne ich mich auch zu meiner Bisexualität, mit 20 Jahren; mit 14 habe ich die Homosexualität, wegen Unwissenheit, auch abschätzig gesehen. Man kann stolz darauf sein, dass wir so tolle schwule Designer; uns lesbische Handwerkerinnen/Architektinnen haben. Alles andere ist Mittelmaß, das sein langweiliges Leben vor sich hinlebt. Heteros tun mir in gewisser Weise schon leid ;-).

  3. Amy
    9. Juni 2012 at 17:41

    Ich frage mich, ob es auch daran liegt, dass es den Menschen heute allgemein etwas schlechter geht, als noch vor zehn Jahren. Es müssen dann Schuldige gesucht werden und dafür werden immer schon gern diejenigen herangezogen, die etwas anders sind.

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