Coming-Out

Outing am Arbeitsplatz – Seid ihr geoutet?

SCHWEIZ STADION STADTRAT

 

Im vergangenen Jahr verging kaum ein Monat, in dem sich nicht eine Person des öffentlichen Lebens medienwirksam als homo- oder bisexuell outete. Sie nutzten ihr Arbeitsumfeld um sich gegen Diskriminierungen aller Art und für ein offenes und freies (Liebes-)Leben auszusprechen. In unseren Breitengraden wurden diese Outings mit Beifall aufgenommen.

Doch wie sieht es am Arbeitsplatz von Herrn und Frau Normalbürger aus? Sind wir frauenliebende Frauen im Job top oder flop? Oder spielt es gar keine Rolle, ob homo oder hetero?

LGBTs als Teil der Diversity-Strategie

„Diversity“ bedeutet Vielfalt und Vielgestaltigkeit. Besonders in internationalen Firmen ist dieser Begriff fest in der Personalstrategie verankert. Aber auch regionale Unternehmen profitieren von einem bunt gemischten Team. Unternehmen mit dem Diversity-Grundsatz sind bestrebt, in ihrer Belegschaft unterschiedliche Charaktere, Altersgruppen und Kulturen zu vereinen. Damit fördern sie intern die Auseinandersetzung mit „Andersdenkenden“. Wo Menschen mit unterschiedlichen Haltungen und Erfahrungen zusammentreffen, entstehen Reibungspunkte und Diskussionen. Aus diesen reifen neue Erkenntnisse und kreative Ideen, aber auch Toleranz und Offenheit. Allesamt Faktoren, die in der heutigen, kundenorientierten und schnelllebigen Zeit zum Unternehmenserfolg beitragen.

Dass mit „Diversity“ auch LGBTs gemeint sind, machen beispielsweise die Grossbanken UBS und Credit Suisse deutlich. Sie waren an der Zürich Pride mit eigenen Umzugswagen dabei und setzen sich auch ausserhalb der Pride mit den Slogan „everybodymatters at theworkplace“ (Credit Suisse) und „Pride@UBS“ für die Vielfalt und gegen Diskriminierung von LGBTs ein. Die Schweizerische Post hat letztes Jahr das interne LGBT-Netzwerk RAINBOW gegründet. Und auch die längst etablierten Vereine für schwule Führungskräfte (Network) und für engagierte lesbische Berufsfrauen (Wybernet) zeigen, dass Homosexualität in der Schweizer Arbeitswelt weder totgeschwiegen wird  noch ein Karrierekiller ist.

diversity

 

Ein schmaler Grat

Trotzdem ist es für viele Nichtheterosexuelle nach wie vor ein gut abzuwägender Schritt, sich am Arbeitsplatz offen zu seiner oder ihrer Andersartigkeit zu bekennen. In einer Befragung durch die Fachgruppe Arbeitswelt von Pink Cross* gaben 60-74 % der befragten Lesben an, am Arbeitsplatz geoutet zu sein. Weitere 10 % gaben an, teilweise geoutet zu sein. Das sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus. Trotzdem bedeutet es, dass sich 16-30 % der Lesben im Job überhaupt nicht outen. Die Studie wurde im November 2005 unter den Mitgliedern der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) durchgeführt. Sie ist also nicht brandaktuell. Und ich persönlich nehme an, dass Frauen, die sich einer Lesbenorganisation anschliessen, offener mit der Thematik umgehen, als nicht-organisierte Lesben. Interessant wäre auch zu wissen, wie alt die befragten Frauen waren.

Ich hatte mein erstes gesellschaftliches Coming-Out mit 19 und das erste berufliche mit 23 Jahren. Arbeitskollegen zu erzählen, dass ich für Frauen schwärme, ist für mich auch heute noch immer mit Herzklopfen verbunden. Woran liegt das? Warum haben wir Bedenken, gegenüber Arbeitskollegen und Vorgesetzten über unsere sexuelle Ausrichtung zu sprechen? Beweisen uns die Outings der Promis nicht, dass man auch als Homosexuelle/r akzeptiert ist? Kann es nicht auch Spass machen, Teil der „Diversity“ zu sein? Ist heute „anders“ nicht gleichbedeutend mit „interessant“?

Ich kann die Fragen nicht abschliessend beantworten. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass meine sexuelle Ausrichtung nicht Jede/n etwas angeht. Bei Arbeitskollegen, mit denen ich auch über Privates spreche, ergibt sich das Coming-Out meistens ganz von allein. In Situationen, in denen mein Privatleben keine Rolle spielt, gibt es für mich auch keinen Grund, mich zu outen. Auch als Hetera würde ich dort meine Beziehung außen vor lassen.

 

vorurteile

So kann es laufen… so leider auch

Wie oben beschrieben, gibt es Teams, da ergibt sich das Outing einfach so. Das Seminarhotel, in dem ich vor drei Jahren gearbeitet habe, war so ein Arbeitsplatz. Das Durchschnittsalter der Belegschaft lag bei circa 30 Jahren. Allesamt unkomplizierte, offene Menschen. Man ging nach der Arbeit zusammen auf ein Bier und tauschte sich natürlich auch über attraktive Gäste aus. Irgendwann machte die Frage die Runde, bei wem man denn gerne einen Zimmerservice übernehmen würde. Als ich einen Frauennamen nannte gab es zwei Reaktionen: große Augen auf der einen Seite, schallendes Gelächter auf der anderen. Von der Fraktion der großen Augen folgte natürlich die übliche Aussage: „Du stehst auf Frauen? Aber du siehst gar nicht wie eine Lesbe aus!“, und die Kollegin, die laut herauslachte, meinte, nun wisse sie, weshalb ich so resistent gegen Flirtversuche der männlichen Gäste sei. An dem Abend wurde munter über Homosexuelle und Heterosexuelle, gegenseitige Vorurteile und die tatsächlichen Facts diskutiert. Ganz locker, mit viel Gelächter aber auch mit ehrlichem Interesse und verständlicherweise auch mit etwas prickelnder Neugierde.

Dass ein Outing nicht immer so unkompliziert ist, habe ich später selbst erlebt. Da gab es das Vorstandsmitglied von der Sorte „Mann mit Macho-Touch“. Zu einem firmeninternen Anlass stellte er mir die Frage, ob ich einen Freund hätte. Das konnte ich offen und ehrlich verneinen. Anstatt, wie gehofft, auf ein anderes Thema zu wechseln, begann er zu flirten. Ziemlich rasch habe ich ihn darüber aufgeklärt, dass ich keinen Freund hätte, weil ich auf Frauen stehe. Die nächsten Fragen von seiner Seite gingen deutlich unter die Gürtelline. Ich sagte ihm deutlich, seine Fragen seien zu privat und aus meiner Sicht respektlos. Ich wechselte den Tisch. Er nutzte jedoch auch später jede Gelegenheit, mir auf die Pelle zu rücken. Äußerst unangenehm.

Offenheit als Chance

All meine Charakterzüge und beruflichen Fertigkeiten machen mich als Menschen und Arbeitnehmerin aus. Lesbisch zu sein ist ein Teil von mir. Ich will mich nicht als „die Lesbe“ definieren (lassen), aber ich will an meinem Arbeitsplatz offen zu meiner sexuellen Orientierung stehen können. Ich möchte weder Beifall noch Ächtung, wenn ich mich irgendwo oute, sondern einfach nur eine wohlwollende Kenntnisnahme. Ich bin mir bewusst, dass es nicht für jeden direkt einfach ist, sich im Job zu outen. Sich in einem kleinen Team zu outen ist das Eine, sich gegenüber Kunden oder Vorgesetzten zur Homosexualität zu bekennen, nochmal etwas Anderes. Dennoch bin ich der Auffassung, dass der unkomplizierte und offene Umgang mit der eigenen Homo- oder Bisexualität der Schlüssel zu einem entspannten Klima am Arbeitsplatz und im gesamten Umfeld ist. Es gibt Dinge, die sind privat oder unangebracht. Offen sein heißt nicht, Jeder und Jedem Einblick in das gesamte Privatleben zu gewähren. Offen zu sein heißt für mich, zu mir selbst zu stehen.

Ich bin davon überzeugt, dass ein offener Umgang mit Themen, die lange Zeit als „verwerflich“ galten, hilft, diese zu rehabilitieren. Homosexualität ist eines davon. In dem wir auch am Arbeitsplatz selbstbewusst lesbisch leben, tragen wir dazu bei, als lesbische Berufsfrauen ein Teil der Normalität zu werden, die wir anstreben.

Für weitere Infos zum Thema Outing am Arbeitsplatz und L-Netzwerken lege ich euch die Websites von LOS und Wybernet ans Herz.

* Quelle: http://www.pinkcross.ch/de/gesellschaft/arbeitsplatz

 

Dieser Artikel ist von Barbara geschrieben worden. Seid ihr geoutet am Arbeitsplatz und wenn ja, wie waren die Reaktionen? Und wenn nicht, wieso nicht? Kommt es auch auf die Branche an? Kommentare sind hoch willkommen!



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