Kurzgeschichten

Ich habe die heiligen Worte gesprochen

Kürzlich bin ich hin. An einem Montagabend. Die Adresse hatte ich mir im Internet besorgt. Ich im Kreise dieser Vereinigung das hätte sich wohl niemand, die oder der mich auch nur ein bisschen kennt, jemals erträumen lassen. Am wenigsten ich selbst. Aber da stand ich nun, wahrlich und leibhaftig, und zog nervös an meiner Zigarette. Sollte ich wirklich rein? Gehöre ich da wirklich hin? „Wag es!“, sagte ich zu mir selbst, und öffnete dann doch etwas zu zaghaft die Eingangstür.

Da war ich nun also. Im Gebäude. Ich fühlte mich komisch. Etwas nervös. Unsicher. Unwohl in meiner Haut. Sollte ich gleich wieder auf meinem Absatz von 3cm kehrt machen? Irgendwie war das Ganze ja sowieso eine ziemlich blöde Idee. Auf die ich zwar selber gekommen war, doch auch ich irre mich schliesslich manchmal. Aber draussen regnete es in Strömen, und ich hatte ehrlich gesagt keine Lust, mir das, was von meiner Frisur noch übrig war, noch ganz zu ruinieren. Lieber die Haare zunächst etwas trocknen lassen, auf der Toilette, ausgestattet mit Waschbecken und einem Spiegel (hier wird’s ja wohl irgendwo eine Toilette haben?!) zurecht drapieren, und dann nichts wie raus hier. In die Welt. In meine Welt.

Ich lief los. Der Gang war lang, und kein Ende in Sicht. Rechts Türen, links Türen, aber keine Scheiss-Toilette. Ich irrte immer schnelleren Schrittes umher, rastlos, ungeduldig – und blieb schliesslich vor einem Schild stehen. „A….. R…….“ stand da drauf, ein Pfeil wies in die entsprechende Richtung. Stimmt, deswegen war ich ja eigentlich hier. Sollte ich? Wirklich? Doch bevor ich mich entscheiden konnte, schwebte mir bereits eine Frau, barfuss, mit Blumen in den Haaren, und einen wallenden Seidenrock tragend, entgegen, setzte ihr entwaffnendstes Lächeln auf, und sagte auf ach so liebevolle Weise: „Ist wohl dein erstes Mal, hm? Hallo, ich bin die Rosamunde. Komm rein mit mir, und setz dich zu uns!“ Sie nahm meine Hand, und wir hüpften gemeinsam in den wohlig warmen Raum, wo es nach frisch aufgebrühtem Tee und Räucherstäbchen roch.

„Schaut, wir haben jemand Neues in unserer Runde!“, verkündete sie freudestrahlend. Allesamt, wohl gegen fünfzehn Personen an der Zahl, sassen sie auf Stühlen in einem Kreis, lächelten mich zuckersüss an, und formulierten im Chor ein wahrlich ehrlich gemeintes „Hallo und schön, bist du hier!“ Rosamunde setzte sich, und nahm mich auf ihren warmen Schoss, streichelte mit der einen Hand sanft die Meine und mit der anderen meinen Rücken. Ich war ganz benebelt und weit davon entfernt, einen klaren Gedanken fassen zu können. „Nun“, säuselte Rosamunde, „sag uns, wie du heisst, und warum du heute zu uns gekommen bist“. „Fa…, Fabienne“, stammelte ich. „Mein Name ist … Fabienne“. „Fabienne, welch wunderschöner Name!“, tönte es in der Runde. Und dann: „Hallo, Fabienne! Willkommen!“ Und alle klatschten.

„Warum bist du hier, Fabienne?“, fragte Rosamunde, nachdem der Applaus etwas verklungen war. „Ich bin hier weil… Ich bin hier, weil ich …Ich bin hier, weil ich in letzter Zeit etwas erlebe, das ich nicht kenne.“ Rosamunde tätschelte ermutigend meinen Oberschenkel. Also fuhr ich fort: „Weil ich mich verhalte, wie ich mich sonst nie verhalte. Weil ich…bin, wie ich sonst nie bin“, brachte ich schliesslich etwas beschämt hervor. Die Anwesenden nickten, als würden sie mich total verstehen. Als würden sie genau wissen, was ich gerade durchmache. „Wie verhältst du dich denn? Wie bist du?“, fragte Rosamunde einfühlsam. Mit etwas festerer Stimme hörte ich mich antworten: „Ich sage plötzlich Dinge wie: Hast du die Sternschnuppe am Himmel gesehen? Oder: Siehst du diesen wundervoll hellen Stern, dort oben links? Ich streichle ihr Gesicht, ihre Wangen, ihren Hals, ihren Nacken. Unaufhörlich. Ich gebe ihr einen Kuss, und kann meine Lippen dann nicht mehr von ihr lassen. Ich störe mich nicht daran, wenn sie mich in ihren starken Armen hält. Ich geniesse es, sie in der Nacht neben mir zu wissen. Ich liebe es, am Morgen neben ihr zu erwachen.“ „Das ist ja schlicht wundervoll!“, jubelte Rosamunde, und blickte animierend in die Runde, die einstimmig mit „ja, das ist wahrlich wundervoll, schlicht wunderbar!“ antwortete, ehe sie wieder in Beifall ausbrach.

„Fabienne, du weisst, tief in dir drin, warum du heute Abend zu uns gefunden hast. Du weisst, was gerade mit dir geschieht. Sprich es aus, es wird befreiend sein. Das verspreche ich dir!“, flüsterte Rosamunde in mein Ohr, nun meine Taille mit ihren Armen fest umschliessend. Und so sprach ich sie denn, die heiligen Worte: „Ich bin Fabienne. Ich bin eine anonyme Romantikerin.“

Tosender Applaus.



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