Kultur

Wieso brauchen wir Lesben Sichtbarkeit?

In Bern haben


Erste Lesben*Demo der Schweiz: «Die Welt wartet nicht auf uns – wir müssen sie uns holen»

für die Redaktion lesbianchic, Gastschreiberin Lovis Cassaris, Mitorganisator_in

Ein Manifest für mehr Sichtbarkeit

Das Manifest auf der Webseite des neu gegründeten Vereins «Tag der lesbischen Sichtbarkeit Schweiz» ist unmissverständlich: «Wir teilen die Vorstellung von einer Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben; von einer Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Chancen haben, von einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich geachtet und wertgeschätzt werden. Aber: Wir sind noch nicht so weit.» Lesben würden immer noch weniger Rechte und Chancen erfahren, dafür Ausgrenzung und Abwertung. Ein Teil des globalen Problems sei, so im Manifest weiter, «dass wir Lesben* immer noch unsichtbar sind.» Aus diesem Grund soll am 28. April die erste Schweizer Lesben*Demo zum Tag der lesbischen Sichtbarkeit in der Bern stattfinden. Erwartet werden am Bärengraben bzw. am Alten Aargauerstalden mehrere hundert Frauen und ihre UnterstützerInnen.


Trans Menschen sollen inkludiert werden

«Der Asterisk hinter dem Wort Lesbe ist mit Absicht so gewählt», erklärt Petra Bleisch, eine der Mitorganisatorinnen der Demonstration. «Damit wollen wir auch bi- und pansexuelle, genderfluide, aber auch lesbische trans Frauen inkludieren und ein Zeichen gegen Transphobie setzen. Wir verstehen Lesbe als politische, nicht-homogene Kategorie». Die lesbische Community sei vielfältiger, als bisher von aussen angenommen, es sei deshalb wichtig, sie in all ihren Facetten sichtbar zu machen und zu feiern.
Die Teilnahme am Umzug ist nach Bleisch für alle Menschen offen, die sich für die Rechte von Lesben aussprechen. Denkbar ist also, dass beispielsweise auch schwule und heterosexuelle Männer an der Veranstaltung partizipieren. «Es ist wichtig, dass auch schwule Männer die Bewegung unterstützen», findet Daniel Frey, Projektleiter und Vorstandsmitglied der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern (HAB). «Lesbische Frauen haben in der Vergangenheit für die Rechte von schwulen Männern mitgekämpft. Es ist an der Zeit, dass wir uns revanchieren».


Wieso wir Sichtbarkeit brauchen

«Auch wenn ich mich nicht unbedingt als lesbisch verstehe, bin ich durch und durch feministisch und werde zur Demonstration hingehen. Werden den Lesben nämlich Rechte verweigert oder abgesprochen, geraten auch meine in Gefahr. Haben die Lesben ein gutes Leben, ist es ein besseres Leben für alle.» Simeon Seiler, auch Moe genannt, ist Gewerkschaftssekretär*in und bezeichnet sich als panromantisch, das bedeutet, dass das Geschlecht für das Pflegen von romantischen und sexuellen Beziehungen keine Rolle spielt. Moe versteht sich als non-binären trans Menschen; Pronomen wie sie und er sind unpassend. Das Coming-out ist nur wenige Monate her: «Ich habe mich relativ spät im Alter von vierzig Jahren geoutet. Erst, als ich andere trans und non-binäre Personen kennenlernte, ging in meinem Kopf plötzlich alles auf. Davor hatte ich eine mächtige Krise gehabt. Mein persönliches Umfeld war dann auch nicht besonders überrascht, als ich von meiner Identität erzählte.» Dass der Demonstrationsaufruf explizit trans-inklusiv ist, ist für Moe ein weiterer Grund, an der Veranstaltung teilzunehmen und wieder Energie zu tanken. Energie, die im Alltag manchmal verloren geht: «Da ich bisher keine anpassenden Massnahmen unternommen habe, werde ich zu fast hundert Prozent als Frau gelesen. Das ist nervig und traurig, denn es entspricht nicht meiner Identität.» Bisher verweigere die Krankenkasse eine Kostengutsprache. «Die bestehen auf alles oder nichts. Das zehrt an den Kräften. Ich erfahre zum Glück viel Unterstützung von meinem Umfeld.»

Coming-Out im Job?
Bedenken habe Moe eher im beruflichen Umfeld. «Die Gewerkschaften sind historisch bedingt eine eher maskuline Umgebung. Sie bemühen sich aber aktiv, sich zu öffnen.» So wurden am Arbeitsplatz E-Mailadresse, Postfach, und Visitenkarten rasch angepasst. Auch gewöhnten sich die meisten schnell an den neuen Namen und die fehlenden Pronomen. «Durch mein Coming-out hat die Sensibilisierung im Hinblick auf trans Menschen zugenommen», berichtet Moe erfreut. Sonst seien in der Regel vor allem schwule Männer sichtbar. «Den Begriff Lesbe als selbstgewählte Bezeichnung und Wiederaneignung finde ich sehr wichtig. Lesbische Lebensentwürfe werden immer noch nicht besonders ernst genommen.»
Unsichtbarkeit macht krank und wertlos

Fehlende Anerkennung
«Die fehlende Anerkennung lesbischer Sexualität führt dazu, dass Lesben auch in Präventionskampagnen nicht beachtet werden», ergänzt Maria von Känel, weiteres Mitglied des Organisationsteams und Geschäftsführerin des Vereins Dachverband Regenbogenfamilien. Das sei aber noch nicht alles: «Ein lesbisches Paar darf kein Kind adoptieren, eine alleinstehende Frau hingegen schon. Wir fordern die rechtliche Gleichstellung beim Zugang zu Adoptionsverfahren und zur Fortpflanzungsmedizin». Die fehlende soziale Anerkennung lesbischer Partnerschaften könne zu Isolation, Depression und im schlimmsten Fall zum Suizid führen. «Es ist wichtig, auch für diejenigen Lesben zu demonstrieren, die nicht selbst anwesend sein können.» Sichtbarkeit stärke nicht nur die Community und die Schweizer Frauenbewegung, sondern auch jede Einzelne.

Wir sind Lesben!
Wir sind Lesben!

Woran wir arbeiten, für mehr Gleichheit
«Lohndiskriminierung und eine fehlende Witwenrente für Lesben sind Missstände, auf die wir hinweisen müssen und werden», fordert Tabea Rai, Berner Stadträtin (Alternative Linke) und dritte Mitwirkende. Sie hofft zudem auf die Mobilisierung vieler junger Frauen: «In Deutschland nennt sich der Umzug Dyke March.

Wir haben uns entschlossen, die Veranstaltung in der Schweiz mit dem Wort Lesbe zu belegen, damit sich junge, queere Frauen wieder stärker damit identifizieren können und Lesbe nicht länger ein Schimpfwort ist». Rai ist positiv gestimmt: «Die Welt wartet nicht auf uns, wir müssen sie uns holen. Bern ist eine erste Etappe».



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