Coming-Out

Jede Lesbe* zählt

Nein, ich meine nicht, dass sie ihre Exfreundinnen oder die Schäfchen beim Einschlafen zählen. Ich meine, dass jede Lesbe* auf dieser Welt wichtig ist.

Was das Sternchen hinter „Lesbe“ soll? Nun ja, ich  habe vergangene Woche die European Lesbian*Conference in Wien besucht und dort festgestellt, dass es in Sachen Begriffe für frauenliebende Frauen ein weitaus größeres Spektrum gibt, als ich es mit „Lesbe“ abdecken kann. Lesbe mit Sternchen meint alle Frauen, die (auch) Frauen lieben. Ganz egal, ob sie sich nun selbst als lesbisch, bi, pan, trans, queer oder, ganz simpel, als Mensch definieren.  Auch war ich erstaunt darüber, wie viele sich selbst gar nicht definieren und in eine Schublade stecken lassen. Irgendwie cool. Aber eben: Jede Lesbe* zählt. Und damit eine Lesbe* zählt, muss sie sich eben doch irgendwie einem Label zuordnen. Oder doch nicht?

 

Lesbische Sichtbarkeit war ein immer wiederkehrendes Thema an der European Lesbian*Conference. Egal ob es im Workshop oder Vortrag um Lesben im Alter, Lesben in Organisationen, Lesben in der Politik oder in der Geschichte ging. Man landete immer wieder bei der Sichtbarkeit. Bei der Sichtbarkeit und dabei, dass frauenliebende Frauen eben häufig nicht oder zu wenig sichtbar sind.

Wir haben kaum dokumentierte Geschichte(n)

Es gibt kaum dokumentierte Geschichte vor den 1920er Jahren über frauenliebende Frauen, was hauptsächlich an zwei Dingen liegt. Erstens waren Frauen im Allgemeinen in der Geschichte nie wirklich wichtig. Wir leb(t)en in einer von Männern dominierten Welt und die Frau spielt(e) immer eine untergeordnete Rolle. Helden? Das sind die Männer. Die Frauen halten ihnen höchstens den Rücken frei oder gebären Nachfolger. Klingt hart, ich weiß. Wenn man aber in den Geschichtsbüchern etwas zurück blättert, sieht man, dass es leider so ist. Auf hundert wichtige männliche Persönlichkeiten kommen nur ein paar einzelne Frauen. Ist das heute anders? Leider nicht wirklich. Aber wir arbeiten daran.

Dorothy Arzner (Regisseurin) und Marion Morgan (Choreografin) in den 1930er Jahren
Dorothy Arzner (Regisseurin) und Marion Morgan (Choreografin) waren in den 1930er Jahren ein berühmtes Paar.

Der zweite Hauptgrund ist, dass den Frauen früher gar keine eine eigene Sexualität zugetraut wurde. Auch das kann man nachlesen. Es zeigt sich beispielsweise eindrücklich in den Gesetzen: Homosexualität unter Männern wurde fast überall auf der Welt unter Strafe gestellt. Homosexualität unter Frauen nicht. Weshalb? Weil die Gesetzgeber (Männer) den Frauen schlicht und einfach die eigene Sexualität und Begierde absprachen. Lust und Begehren waren immer rein männliche Attribute. Frauen waren die Empfangenden (auf dem Rücken liegend und Beine breit machend). Wenn es also gar nicht möglich ist, dass Frauen (ohne Animation durch einen Mann) sexuelles Verlangen empfinden, kann es ja auch nicht sein, dass zwei Frauen eine sexuelle Beziehung pflegen, oder? So dachte man und das ist noch gar nicht lange her. Ich wage zu behaupten, in manchen (gläubigen) Köpfen ist das immer noch so.

Frauen waren nicht wirklich wichtig und weibliche Sexualität gab es nicht. Kein Wunder, dass frauenliebende Frauen in den Geschichtsbüchern außerordentlich unterrepräsentiert sind.

Was man nicht sieht, gibt es nicht

Die Sache mit dem Gesetz war für uns Frauen eigentlich ein Glücksfall. Es gab immer schon lesbische Paare. Nur wurden sie vor den 1920er Jahren (damals begann die erste Frauenbewegung – oftmals angeführt von lesbischen Frauen) von der Gesellschaft als lediglich gute Freundinnen angesehen und niemals als Liebespaar.

Lesbische Sichtbarkeit am EL*C-Lesbian March in Wien
Lesbische Sichtbarkeit am EL*C- March in Wien

Unsichtbarkeit ist unglaublich praktisch, um sich vor Kritik, Verfolgung, Strafe oder doofen Sprüchen und Anmachen zu schützen. Leider glauben Menschen, dass es nicht gibt, was man nicht sieht. Nur darum kann es heute noch Personen geben, die behaupten, Homosexualität gäbe es in ihrem Land, ihrer Kultur und  ihrer Bevölkerung nicht. Menschen (auch in der Schweiz), die glauben, Homosexualität sei eine Krankheit, etwas Unnatürliches oder eine Phase. Und das ist der Grund, weshalb jede Lesbe* zählt. Jede geoutete Lesbe* beweist, dass es uns gibt. Wer mich und meine Partnerin zusammen sieht, kann uns nicht wegdiskutieren oder leugnen. Er/sie kann höchstens den Kopf zur Seite drehen und uns nicht anschauen. Wer mich über meine Beziehung(en) sprechen hört oder über meine Einstellung zur Gleichstellung, kann mich nicht für inexistent erklären. Er/sie kann höchstens den Raum wechseln und versuchen, mich zu vergessen. Aber bemerkt hat man mich trotzdem. Ich bin eine reale frauenliebende Frau. Man sieht und hört mich. Ich zähle. Es gibt mich und damit auch „die Lesben*“.

lesbisches Paar in den 30er Jahren
Frauenliebende Frauen gab es schon immer. Nur nahm man sie selten als das war, was sie waren: ein Liebespaar.

Sichtbar sein für die, die es nicht können

Eine der berührendsten Geschichten hörte ich im ersten Halbtag der European Lesbian*Conference. Es war die Geschichte von Lepa Mladjenovic, einer Frau aus Ex-Jugoslavien (heute Serbien). Während die Frauen- und Lesbenbewegungen in vielen Osteuropäischen Ländern erst nach dem Mauerfall von Berlin begannen, organisierten sich die lesbischen Frauen in Jugoslavien bereits in den 70er Jahren und versuchten, das sehr patriarchalische System aufzuweichen und den Frauen mehr Rechte zu verschaffen. Als im Jahr 1991 der Krieg ausbrach, engagierte sich Lepa für die Kriegsüberlebenden. Während des Krieges standen Kriegsüberlebende in der Gesellschaft ganz oben. Homosexuelle ganz unten. Und so entschied sich Lepa „to go back to he closet for many many years“ – zurück in den Schrank zu gehen. Das heißt, ihre sexuelle Orientierung für viele Jahre zu verbergen. In dieser Zeit des Krieges sei es für sie unglaublich wichtig gewesen, zu lesen und zu hören, dass Lesben* in anderen Ländern weiterhin sichtbar waren und für die Rechte der frauenliebenden Frauen kämpften. Sie sagte, das hätte ihr die Kraft gegeben, ihre eigenen Gefühle so lange zu verheimlichen. Sie hätte gewusst, dass sie nach dem Krieg auf die Solidarität dieser Frauen zählen könne, wenn es darum ginge, in den Ländern des ehemaligen Jugoslavien wieder eine Community für Lesben* aufzubauen. Und so sei es dann auch gewesen. Sie erzählte von Paketen, die sie von Lesben*Gruppen aus ganz Europa erhalten haben. In diesen Paketen seien Kaffee und Kekse gewesen und es habe sich angefühlt, wie das Paradies, wenn sie sich mit ein paar Frauen an einem sicheren Ort treffen konnte, um gemeinsam Kaffee zu trinken und diese Kekse zu essen. Sie hätten den Krieg und die Not für kurze Zeit vergessen, im Wissen, dass sie sich auf die Solidarität und die Schwersternschaft der anderen Lesben* verlassen konnten.

Bild aus dem Vortrag von Lepa Mlađenović
Bild aus dem Vortrag von Lepa Mlađenović

Darum zählen auch du und ich

Sichtbar sein, während andere es nicht können. Das kann ich auch. Dabei muss ich bei „andere“ nicht einmal an Frauen in Kriegsgebieten denken. Ich kann schon in meinem erweiterten Kollegenkreis mehrere Frauen aufzählen, deren Partnerin zu Hause nicht erwünscht ist, weil die Familie die Homosexualität der eigenen Tochter und Schwester nicht akzeptiert. Und ich selbst erinnere mich noch gut daran, wie gern ich als Teenager eine lesbische Frau gekannt hätte, die mir mit ihrem puren Dasein gezeigt hätte, dass lesbische Liebe möglich ist. Wie gerne hätte ich, das Mädchen vom Land, mit jemandem über meine verworrenen Gefühle für das eigene Geschlecht gesprochen.

was lesben mögen
Was Lesben* an ihrer Identität mögen: Unter anderem auch die Unterstützung in der Gemeinschaft.

Mir wurde erst an der Konferenz bewusst, dass ich durch meine Texte, mein geoutetes Dasein im Alltag, mein pures, selbstverständliches Ich, jemandem Mut machen oder Vorbild sein kann. Jemandem, den/die ich vielleicht nie persönlich treffe oder spreche. Jemand, der/die ganz woanders lebt oder sich nocht nicht zum Coming Out getraut hat.

Ich weiss, dass ich mit meinem geouteten Leben und damit, dass ich meine Partnerin ganz selbstverständlich zu Hochzeiten, Taufen, Geburtstagsfesten und Firmenfeiern mitbringe, Menschen für unsere queeren Anliegen sensibilisiert habe, die denen vorher keine Beachtung geschenkt haben. Bevor mich diese Leute kannten, waren „Schwule und Lesben“ eine abstrakte Bevölkerungsgruppe. Das änderte sich, als ich in ihr Leben trat und sie mich zu mögen begannen. Von dem Moment an, betraf Diskriminierung an queeren Menschen plötzlich jemanden aus der Familie, aus dem Freundeskreis, aus dem beruflichen Umfeld. Und plötzlich begannen sich eigentlich konservative heterosexuelle Menschen für LGBT-Anliegen einzusetzen, wo ich es nie gedacht hätte.

Als frauenliebende Frauen in der westlichen, mehrheitlich offenen oder zumindest toleranten Gesellschaft können du und ich die Welt ein Stückchen besser machen, einfach nur, indem wir da sind. Real sind. Man braucht dafür nicht einmal, etwas zu inszenieren oder bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Regenbogenflagge zu schwenken. Es reicht, zu sich und seiner Liebe zu stehen, so wie es auch der Grossteil der heterosexuellen Bevölkerung tut, ohne nur eine Sekunde darüber nachzudenken. In jeder frauenliebenden Frau steckt damit ein Stückchen Superheldin. Auch in dir. Eigentlich ziemlich cool, nicht?

 

Ich danke Elisabeth Holzleithner (Vortrag „legally lesbian“) und Lepa Mladjenovic (Vortrag „Lesbian feminists runaways from patriarchy – before and now!“), die ihr Wissen und ihre Geschichte anlässlich der EL*C mit mir geteilt haben.



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