Kommentar / Rezension / Kolumne

Anders & sichtbar: randGRUPPE – eine Fotoreportage

In einer Gruppe von Menschen gibt es immer ‚Sonderlinge‘, die nicht ganz in das vorherrschende Bild passen. So auch bei der Münchner Fotografin Andrea Sömmer, welche diesen Januar ihre Ausstellung randGRUPPE im Sub in München eröffnete. Die Fotoreportage zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben von zwölf lesbischen Frauen, die alle nicht unterschiedlicher sein könnten, aber trotzdem eines gemeinsam haben: Sie sind eine Randgruppe innerhalb der Randgruppe.

Von der Idee zur Ausstellung
Ursprünglich hatte Andrea Sömmer Modelle für Shootings innerhalb der lesbischen Szene gesucht. Viele Frauen haben sich auf das Gesuch gemeldet, dabei einige interessante Gesichter mit genauso interessanten Geschichten. Doch den Anreiz auch zu interviewen gab Amra, eine junge Muslimin, die auf Frauen steht und ebenfalls hier in München lebt. Fasziniert von den Erfahrungen der jungen Frau, wuchs in Andrea Sömmer der Gedanke, weitere Menschen wie Amra, welche für sie in der Szene am Rand stehen, kennen zu lernen und zu porträtieren. Dabei ginge es nicht nur um negativ besetzte vermeintliche „Randgruppen“ in der Randgruppe. Jeder hat, laut Andrea Sömmer, viel mehr eine besondere Stellung in der Szene. „Jede der Frauen, die ich porträtiert habe, sieht die Szene aus einem speziellen Blickwinkel“, so die Fotografin. Diese unterschiedlichen Blickwinkel stellt sie im schwulen Zentrum Sub in München vor. Ganz nach dem Motto: „Anders sein ist nicht einfach, dazu gehören aber auch nicht.“

© Andrea Sömmer

Vernissage: randGRUPPE
Es ist Samstagabend und die Ausstellung von Andrea Sömmer beginnt um 18Uhr. Schon nach einer halben Stunde sind die Ausstellungsräume des Sub so voll, dass frau kaum aneinander vorbei kommt. Vor den ausgestellten Werken haben sich Schlangen gebildet, nicht nur um die Bilder zu betrachten, sondern auch um die beihängenden Büchlein über die fotografierten Personen zu lesen. Auch ich bin Teil dieser Ausstellung und suche gespannt mein Bild. Keiner der Ausgestellten kannte vor der Eröffnung die Fotos. Deshalb war die Spannung groß, nach ein paar Monaten ‚Wartezeit‘ endlich das Ergebnis sehen zu können.

© Andrea Sömmer

Nach einem kurzen Plausch mit der Fotografin, kämpfe ich mich zu meinem Bild durch. Es ist ungewohnt vor dem eigenen Foto zu stehen und ich fühle mich ein bisschen wie ein Voyeur meiner selbst. Auch bemerke ich ein plötzliches Wiedererkennen in den Blicken der im Umkreis stehenden Leute. Ihre Augen scheinen zu sagen: „Hey, ich habe über dich was gelesen“ und das bevor frau überhaupt selbst den Text kennt. Während ich schmunzelnd das bei hängende Büchlein mit dem Interview und zusätzlichen Fotografien anschaue, komme ich mit einem jüngeren Mädchen ins Gespräch. Sich selbst würde sie nicht als Lipstick-Lesbe bezeichnen, aber ihr Aussehen ist durchaus feminin. Sie wundert sich, warum ich als ‚Randgruppe‘ in der Ausstellung hänge, da es in ihrem Umfeld fast nur feminine Lesben gibt. Da merkt frau, was ein paar Jahre Unterschied schon ausmachen können und ich frage mich, ob die nächste Generation innerhalb der Szene schon einen Schritt ‚offener‘ ist.

© Andrea Sömmer

Kurz darauf treffe ich auf eine weitere Porträtierte. Laila- die Frau mit Bart. In ihrer Jugend wurde bei ihr eine hormonelle Störung festgestellt, aufgrund dessen ihr ein Bart wuchs. Nach langen und schweren Überlegungen mit ihren Eltern, entschied sie sich dafür den Bart zu akzeptieren und nicht abzurasieren. Auch heute noch wird sie oft mit unangenehmen Situation konfrontiert, hat allerdings gelernt damit umzugehen und auf ihr Äußeres stolz zu sein. Als sie in der Ausstellung ihr Foto erblickt, grinst sie verlegen. Für sie war es eine genauso seltsame Situation ihr Bild zu sehen. Laila erzählt mir, dass ihr die Ausstellung endlich das Gefühl gebe sich „mitteilen“ zu können. Es ermöglicht ihr dadurch ein Statement abzugeben ohne etwas erklären zu müssen. Auch nach den durchweg positiven Reaktionen fühle sie sich stolz dort präsentiert zu sein – als Frau mit Bart.

© Andrea Sömmer

Nicht nur die Frau mit Bart macht neugierig, sondern auch die Geschichten von Punkerin Denise, welche zurückgezogen auf dem Land ihre ganz eigenen Erfahrungen macht. Wichtig war Andrea Sömmer, Frauen aus der Szene zu Wort kommen zu lassen. Die Bilder sollen die Neugierde bei den Betrachtern wecken und zum Denken anregen. Die hohe Besucherzahl bei der Vernissage spricht für eine erfolgreiche Ausstellungseröffnung und ein gelungenes Projekt. Wen ich jetzt neugierig gemacht habe, der kann sich jetzt schon mal den Trailer zur Ausstellung anschauen oder bis 29.01.2015 im Sub in der Müllerstraße 14 selbst vorbeischauen.

 



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