Coming-Out

Coming-Out Teil 2: Zu mir stehen!

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2. Mit Peers reden – aktives Outing

Als ich mir endlich eingestanden habe, dass ich auf Frauen stehe, wusste ich: Die grösste Schlacht ist geschlagen – Der Kampf gegen mich selbst. Das fühlte sich unglaublich befreiend an.

Zu mir stehen, aber öffentlich?
Da stand ich nun am Ende meines bisherigen Weges. Er endete an einer unüberwindbaren Klippe. Und es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder stürzte ich mich hinab und outete mich, in der Hoffnung der Aufprall möge nicht allzu hart sein, oder ich kniff und nahm mir das Leben. Ein Zurück gab es an diesem Punkt nicht mehr. Keinen weiteren Tag wollte und konnte ich mit dieser Lüge leben. Ich entschied mich zu springen und gab mir selbst die Chance eines Tages glücklich zu sein.

Eine meiner besten Freundinnen, Nina*, wollte ich als Erste einweihen. Ich kenne sie seit meinem 5. Lebensjahr und sie ist wie eine Schwester für mich. Ich bat sie um ein Gespräch. Als wir uns trafen, zögerte ich und rückte lange nicht damit heraus, warum ich mit ihr reden wollte. Sie wunderte sich und fragte mich aus. Ich sagte ihr, dass ich Angst habe, dass sie das was ich ihr sage, als schlimm empfindet. Sie antwortete: „Du kannst mir alles sagen, so lange du dein Geschlecht nicht ändern willst oder auf Frauen stehst, ist alles in Ordnung für mich.“ Ich verlor augenblicklich den Boden unter den Füssen. Ich weiss heute nicht mehr was überwog, die Enttäuschung oder der Schock, dass ich tatsächlich auf eine solche Reaktion traf. Sie bemerkte wohl irgendetwas und hackte nach, solange bis ich schließlich zugab, eine Frau geküsst zu haben.

Ich beschrieb es als einmalige Sache und verschwieg ihr den ganzen Rest. Sie nahm es gelassen und meinte, dass das bestimmt nur eine Phase sei. Ich stimmte ihr zu. Nach dem Gespräch war ich wie benommen und hing irgendwo zwischen Raum und Zeit. Ich dachte unsere Freundschaft kennt keine Bedingungen. Ich weiss nicht, was mir damals die Kraft gab weiterzumachen. Heute denke ich, es war die Gewissheit, dass meine Familie mich bedingungslos liebt und das sie mich nie im Stich lassen wird. Vielleicht war es auch mein unerschütterliche, manchmal fast naive, Glaube ans Glück und mein Mut immer für das zu kämpfen, an das ich glaube.

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Der zweite Versuch

Auf alle Fälle wagte ich einige Zeit später an einem Openair einen erneuten Anlauf und outete mich bei einer anderen besten Freundin. Ich hatte mir ordentlich Mut angetrunken, obwohl mir die Lesbenberaterin, mit der ich damals in Kontakt stand, ausdrücklich davon abgeraten hat. Eigentlich war ich mir sicher, dass diese Freundin Homosexuellen gegenüber abgeneigt ist. Sie witzelte immer wieder darüber. Ich übrigens auch. Aus diesem Grund hatte ich die Hosen gehörig voll. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion und Angst sie zu verlieren. Nach langem hin und her und Drängen ihrerseits, erzählte ich ihr alles. Ihre Reaktion war positiv, aber ich traute der Sache noch nicht. Ich fürchtete, dass sie erst am nächsten Morgen richtig realisiert, was ich ihr gesagt habe.

Als wir am nächsten Morgen im Zelt erwachten war alles wie immer. Das einzige was sich verändert hat, war das Vertrauen in unserer Freundschaft. Es war gewachsen. Die dritte beste Freundin, welche ich wenig später einweihte, nahm es ganz gelassen und kommentierte mein Outing mit einem ernstgemeinten „Cool“. Das war das beste Outing das ich bis dahin hatte. Ich hatte nicht im Geringsten das Gefühl irgendetwas rechtfertigen zu müssen. Meine besten Freundinnen waren nun eingeweiht, ausser Nina, aber dazu später mehr.

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich für das Outing über beschränkte Energiereserven verfüge. Dass ich mich bei meinen engsten Freunden outete, verstand sich von selbst. Aber bei meinen restliche Kolleginnen, überlegte ich es mir ganz genau, wer mir das Risiko, verletzt zu werden, wert war und wer nicht. All denen, die es mir nicht wert waren, kehrte ich über kurz oder lang den Rücken zu. Die Outings bei meinen Kolleginnen liefen eigentlich immer ziemlich ähnlich ab. Meistens war ich betrunken, (Das hat mich sehr amüsiert!) zuerst druckste ich rum bis ich dann schliesslich sagte, dass ich bi bin. Sie konnten es alle nicht glauben und hatten meistens viele Fragen, die mir unangenehm waren. Mit der Zeit outete ich mich auch spontan, druckste nicht mehr lange rum und war dabei immer öfters nüchtern. Die darauf folgenden Fragen, waren mir mittlerweile lieber als betretenes Schweigen. Die Reaktionen waren durchs Band positiv, was mich ermutigte nochmals das Gespräch mit Nina zu suchen.

Als Nina und ich eines Abends draussen vor unserem damaligen Lieblingsclub sassen, suchte ich nochmals das Gespräch mit ihr. Ich hatte mich gerade erfolgreich bei einer Kollegin geoutet, was mir Aufwind gab. Ich sagte ihr dass ich bisexuell bin. Sie reagierte geschockt. Sie stellte mir lauter Fragen und ich hatte mehr denn eh das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen. Sie fragte nach meinen Eltern und wie ich mir denn das vorstelle. Ich begriff nicht warum gerade sie sich so dagegen sträubte. Ich spürte wie ich wütend wurde. Ich erklärte ihr wie verdammt schwer es mir gefallen ist, mir das selbst einzugestehen. Und dass ich, jetzt wo ich das endlich geschafft habe, nicht mehr bereit bin, mich vor irgendwem zu rechtfertigen, auch nicht vor ihr. Ich sagte ihr, dass ich jetzt Menschen brauche die zu mir halten und meine Entscheidung nicht in Frage stellen. Entweder sie akzeptiere es oder… . Aussprechen konnte ich die mögliche Konsequenz nicht. Ich hoffte inständig, dass es nicht dazu kam. Sie merkt wie ernst es mir war und sicherte mir zu, dass sie auch in Zukunft immer zu mir steht.

Familie oder das Wichtigste und Schwerste überhaupt

In meiner Familie outete ich mich zuerst bei meiner Schwester. Ich schrieb ihr eine E-Mail, weil sie im Ausland lebt. Sie antwortete, dass sie das bereits geahnt hatte und es für sie absolut kein Problem ist. Meinem Vater sagte ich es, als ich eines Sonntag Morgens stundenlang im Bett lag und nachdachte. Er kam und setzte sich zu mir. Er wollte wissen was mit mir los ist. Er war unglaublich hartnäckig und ich konnte ihn nicht mit den üblichen Floskeln abspeisen. Schliesslich sagte ich ihm wie es um mich stand. Er nahm es so selbstverständlich, dass es mir fast mein Herz zeriss. Er stellte lauter Fragen, was mir einerseits sehr unangenehm war, aber mich andererseits auch beruhigte. Zum Schluss sagte er: “ Hör zu Antonia, es gibt einen grossen Topf, in den die meisten Menschen fallen und dann noch viele kleine Töpfe. Nur weil du jetzt in einen der kleinen Töpfe gefallen bist, heisst das nicht, dass du nicht genauso glücklich werden kannst wie die Menschen im grossen Topf. “ Ich wusste, wenn ich das jemandem glauben konnte dann meinem Vater. Kurze Zeit später sagte ich es auch meiner Mutter. Sie sagte: Das ist kein Problem, du kannst ja nichts dafür. Das “ du kannst ja nichts dafür“ überschattete anfangs ihre doch sehr positive Reaktion und ich war enttäuscht. Ich spürte aber schnell, dass einfach ihre Wortwahl unglücklich war und sie voll und ganz hinter mir stand.

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Als die wichtigsten Menschen meines Lebens eingeweiht waren, machte sich Erleichterung breit. Doch die Erleichterung wich dem Druck mich noch weiter bei allen möglichen Menschen in meinem Umfeld zu outen. Ich realisierte, dass das Outen nie aufhört und es sich als Gradwanderung entpuppte. Einerseits wollte ich mich selbst nicht mehr verleugnen, andererseits ging es nicht jeden etwas an, auf was ich stehe und es definierte auch nicht meine Persönlichkeit. Da ich es niemanden verbot es weiter zu erzählen, zog es von selbst seine Kreise. Das war mir egal oder sogar recht. Denn ich wollte es nicht verheimliche, weil es sich dann sofort wieder falsch anfühlte.

Nach meinem Berlin-Aufenthalt wusste ich, dass ich lesbisch bin. Die Hintertüre, die ich mir mit meinem Outing als bisexuell, versuchte offen zu halten, schloss sich endgültig. Meine Leute waren wie ich froh, dass ich nun definitiv wusste wo ich hingehöre. Ich habe mich damals entschieden zu springen, aber ich bin nie unten angekommen. Meine Familie und Freunde haben mich aufgefangen und haben für mich eine Brücke gebaut.

Für die Redaktion lesbian chic: Antonia Hauswirth, 24

 

Es folgen noch zwei Teile von Antonia.

3 Gesellschaftliche und soziale Reaktionen
4. bis heute Prozess Umrundung

War dei Coming-Out besonders spannend, problemlos oder sehr anstrengend? Erzähle uns noch heute von deinen Erlebnissen! redaktion[at]lesbianchic.ch



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2 Comments

  1. 9. April 2013 at 21:40

    Danke Isabelli für deinen Mut, deine Karten bei uns offen zu legen. Es ist ein langer Prozess und das Outing, also das sich eingestehen und offen und bewusst damit zu leben und gegen Aussen zu tragen, für sich anzunehmen und auch mit weniger sozialem Status zu leben.
    Kinder sind allerdings nicht unmöglich als homosexuelle Frau, wie du weisst. Eines Tages wird die Zeit kommen wo du zurück blickend sagen kannst, die Jahre des struggelns sind die Besten eigentlich. Du bist noch in der Phase der Identitätsfindung und gib dir Zeit. Schau Frauen an und flirte mit Ihnen, dies wird deine Familie sicherlich nicht merken *smile*

    Ich habe eine Arbeit in deinem Alter über Angst und Coming-Out geschrieben. Schreibe mir doch eine Mail an redaktion[at]lesbianchic.ch und ich kann sie dir weiter leiten.

    Nur zu! Den Mut dich zu Outen und Frauen als wunderschöne Wesen anzunehmen, wie du eins bist, hast du schon. Die weiteren Schritte folgen.

    Beste Grüsse

    Chantal

  2. Isabelli
    9. April 2013 at 4:12

    Ich bin 20, und traue mich immer noch nicht. Und vielleicht doppelt so kompliziert mit dem modischen Aeusseren (Flirtvers. von Seiten der Maenner machen mich krank!), meinem katholischem Glauben (leichte Maedls verlieren leider den Respekt) und wie bei allen auch: die Angst ueber mein soziales Ansehen. Ich wuensche mir nichts sehnlicher als meine grosse Liebe zu finden, mit ihr im privaten Leben den Samenspender auszusuchen und gesunde und huebsche Kinder grosszuziehen. Trotz all den wissenschaftlichen Belegen zur geschl. Tendenz (keine weiteren Angaben, sonst ueberstuerzt diese komplexen Thematik meine haupts. Gedanken), empfinde ich eine bewusste Liebe zum eigenen Geschlecht, sehr viel intelligenter als die biologisch leichtere Alternative. Es war fuer mich sehr komplex und schoen zugleich, ihre andersartige Schoenheit lieben zu lernen. Meine Eltern wuenschen sich leider den Schwiegersohn und die Enkel. Ich fuerchte, sie werden sehr nervoes und schockiert werden.

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