Kommentar / Rezension / Kolumne

Eine Community, die keine (mehr) ist – wie die Organisation einer Pride meinen Blick auf die Szene veränderte

Wer Lesbian Chic regelmäßig besucht, weiß es: in den vergangenen fünf Monaten war ich Teil des Organisationskomitees und des Vorstands der „Pride Ouest 2017“ in Bern.

Wie war es, in der Hauptstadt der Schweiz eine einmalige LGBTI-Pride zu organisieren? Eine Pride, mit ganz anderem Konzept, als es von anderen Prides bekannt ist? Als lesbische Frau, die sich nie in der Community engagierte, weil sie sich nie zugehörig fühlte? Als jüngstes Vorstandsmitglied und als eine von sechs Hauptverantwortlichen? Im Vorfeld nur so viel: es war ein Wechselbad der Gefühle.

 

Nur fünf Monate vor der „Pride Ouest 2017“ wurde ich angefragt, ob ich das Ressort Kommunikation im Vorstand der Pride übernehmen würde. Ich wusste, dass es viele Wechsel im Komitee gegeben hatte, dass viele Konzepte noch nicht ausgereift waren und dass sich nicht alle in der Berner Community auf diese Pride freuten. Weshalb? Weil die Initianten eine Pride organisieren wollten, die sich von anderen Prides abhebt.

Viel Engagement für eine Community, die gar keine ist

Fünf Monate lang war ich Teil des Organisationskomitees der Pride Ouest 2017 Diese, eigentlich kurze, Zeit hat gereicht um festzustellen, dass es die Community oder auch „Szene“, von der wir immer so gerne sprechen, nicht gibt. Es gibt keine Gemeinschaft, die zusammenhält und zusammen kämpft. Es gibt sie weder bei uns Lesben, noch bei den Schwulen. Bei den Trans*- und Intermenschen kann ich es nicht beurteilen.

Warum ich das glaube? Nunja, während der ganzen Aufbauphase der Pride Ouest 2017 (also ungefähr während zwei Jahren) gab es immer wieder Menschen und Gruppen, die kein gutes Haar an der Pride Ouest 2017 liessen. Ein Beispiel gefällig? Innerhalb der Schwulencommunity fanden sich immer wieder Gemeinschaften, die sich darüber beklagten, dass die Pride Ouest 2017 nicht dasselbe Konzept verfolgte, wie beispielswiese die Pride in Zürich. Das Konzept „Techno-Lastwagen und tanzende Männer“ war gewünscht. Das Komitee organisierte aber eine Pride, die während des Tages auf verschiedenen Eventplätzen stattfand und am späteren Nachmittag mit einem sechsteiligen Sternmarsch zum Bundesplatz zog, wo am Abend schlussendlich der Hauptevent stattfand. Ein Programm, das Menschen von Teen Age bis Golden Age ansprechen sollte. Das nicht nur für das Partyvolk, sondern auch für kulturell interessierte Menschen und nicht-LGBTIs besuchenswert ist.

Ziel erreicht: Teen Age bis Golden Age fühlte sich an der Pride Ouest 2017 sichtbar wohl
Ziel erreicht: Teen Age bis Golden Age fühlte sich an der Pride Ouest 2017 sichtbar wohl

Und dann gab es noch die politisch sehr links ausgerichteten Community-Mitglieder, die jeder Pride, welche Sponsoringgelder annimmt, den Kapitalismus um die Ohren haut. So auch der Pride Ouest. Und dann gab es noch die, denen die Pride Ouest 2017 nicht politisch genug war. Dass wir mit einem vergleichsweise kleinen Budget agierten und auf verschiedenen Wegen versuchten, die finanziellen Mittel in der Community und bei Non-Profit Organisationen aufzutreiben, interessierte die linksautonomen LGBTs genauso wenig, wie es das schwule Partyvolk interessierte, welche Überlegungen hinter dem nicht-nur-Technoparty-Programm stand. Und die Kritiker aus dem dritten Beispiel blendeten scheinbar völlig aus, dass wir an der Pride Ouest 2017 ein Mitglied der Landesregierung zu Gast hatten.

Dass eine Pride die Möglichkeit ist, sich zu zeigen, in der ganzen Vielfältigkeit und für seine LGBT-Interessen einzustehen, egal wie verschieden diese sind, das war für ganze Teile dieser „Community“ scheinbar nicht relevant. Sich in der Sache einig sein, auch wenn man ein anderes Konzept bevorzugen würde? Nein, das konnte die Community, die ich vorgängig an die Pride Ouest wahrnahm, nicht. Dass es eine einmalige Chance ist, eine Pride auf dem Bundesplatz, vor dem Parlamentsgebäude, abzuhalten, blieb den Kritikern scheinbar verborgen. Welch starkes Zeichen wir aussenden, wenn eine Bundesrätin an einer Pride eine Rede hält, bemerkten viele erst, als in den Medien gross darüber berichtet wurde.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Pride Ouest 2017
Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Pride Ouest 2017

Ich war erschüttert ob dieser Erkenntnis. Meine Vorstandskollegen, die schon länger Teil dieser zerrissenen Community sind und sich in verschiedenen Organisationen engagieren, nahmen es locker. „Das ist eben Power of Diversity!“, sagte unser Sicherheitsverantwortlicher („Power of Diversity“ war das Motto der Pride Ouest 201). Da sei viel Energie, die viel bewirken können, wenn man es schaffe, sie zu kanalisieren. Für sie war schon lange klar, dass sich die LGBTIs nicht einig sind und vertraten die Standpunkt, offen zu bleiben, auch wenn es Teile der Szene nicht sind. „Konstruktive Kritik bringt auch uns weiter“, war auch eine häufige Aussage. Als ich einmal bemerkte, dass die Kritik häufig in keiner Weise konstruktiv sei, sagte unser Sekretär: „Zumindest reden sie über die Pride und machen sie auch dort bekannt, wo bisher noch kaum jemand davon weiß“. Nun ja, damit hatte er grundsätzlich recht. So übte ich mich darin, Kritik an der Pride nicht als Kritik an den Menschen hinter der Pride zu sehen, was mir mal besser und mal weniger gut gelang.

Wofür es sich zu kämpfen lohnt(e)

Der Vorstand der Pride Ouest 2017 bestand (und besteht immer noch) aus sechs Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren teilweise ihre gesamte Freizeit in diese Pride investiert hatten. Die mit ganzem Herzen an den Erfolg glaubten und dafür schufteten. Die chaotisch und unkoordiniert handelten, die Termine nicht einhielten, Vorstandsentscheide zweimal revidierten und mich damit manchmal fast in den Wahnsinn trieben… Ich lernte meine Vorstandskollegen/-in in fünf Monaten wenig und doch unglaublich gut kennenlernte. Sie unterstützten mich, wenn ich zweifelte, die entlasteten mich, wenn ich mir zu viel aufhalste, sie hatten innovative Ideen und fanden immer irgendwo einen Weg , um das Unmögliche doch noch umzusetzen. Ihr unbändiger Optimismus gab mir die Power, bei diesem riesigen Projekt mitzuziehen. In fünf Monaten wurde aus fremden Menschen Freunde. Sie bereicherten mein Leben, öffneten mir Türen und fanden einen Platz in meinem Herzen. Das ist einer der Punkte, für die es sich zu kämpfen lohnte.

Das Organisationskomitee der Pride Ouest 2017
Der Vorstand der Pride Ouest 2017

Wir gingen durch Krisen, Verzweiflung, Euphorie und größtes Glück. Wir hielten zusammen für unser großes Ziel: nach 17 Jahren wieder eine Pride in Bern zu Gast zu haben. Eine Pride mit tausenden von BesucherInnen, eine, an der man einfach „Mensch“ sein kann und sich wohlfühlt. Als ich die Menschenmassen auf dem Bundesplatz sah, die leuchtenden und lachenden Gesichter, als ich den Applaus hörte und die Menschen zu späterer Stunde tanzen sah, da wusste ich: Auch dafür hatte es sich zu kämpfen gelohnt. Obwohl ich vor der Pride fast nur kritische Stimmen wahrnahm, stellte ich am Anlass selbst fest, dass es viel mehr Menschen gab, die sich bereits seit Wochen auf diese Pride gefreut hatten. Genau so wie ich. Diese Menschen machten unsere Hauptstadt für einen Tag zu einem Mekka der Regenbogencommunity und uns, die wir sonst in der Minderheit sind, zur Mehrheit . Auf einmal war sie wieder da, diese Community. Trotz allem Individualismus waren wir an diesem Tag irgendwie doch alle gleich. Gleich im Anderssein. Wie ein Regenbogen, der aus sechs Farben besteht, die erst zusammen ihre bezaubernde Wirkung entfalten. In diesem Moment wurde unser Motto  „The Power of Diversity fühlbar. Diese Energie kroch durch meinen Körper, löste Gänsehaut aus, liess einen Klumpen in meiner Kehle entstehen und löste unendliche Freude aus. Auch für dieses unbeschreibliche Gefühl, lohnte es sich zu kämpfen  und die Pride Ouest 2017 trotz Gegenwind auf die Beine zu stellen.

Pride Ouest 2017
Bern in Regenbogenfarben

Unsere ganze Arbeit hatte sich schlussendlich gelohnt. Jeder einzelne Handgriff und insbesondere auch das nicht Pride-typische Konzept führte dazu, dass die Pride Ouest 2017 ein riesen Erfolg wurde. Von 10‘000 bis 20‘000 BesucherInnen sprachen die Polizei und die Medien. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen tatsächlich an der Pride waren. Wir wissen aber, dass die zu Beginn beschriebenen, kritischen Grüppchen schlussendlich auch an der Pride teilnahmen – und sie genossen. Das Feedback, das wir an der Pride selbst und während den nächsten Tagen per Facebook erhielten, war durchwegs positiv. Auch die größten KritikerInnen in der Community sagten am Schluss, es sei ein toller Event gewesen. Es gab sogar welche, die über ihren Schatten springen konnten und zugaben, dass sie dem Konzept der Pride Ouest 2017 zu unrecht keine Erfolgschancen eingeräumt hatten. Die Pride Ouest 2017 stimmte Kritiker versöhnlich. Auch dafür hatte es sich zu kämpfen gelohnt.

Fazit

Was habe ich aus der Mitarbeit im Vorstand Pride Ouest 2017 gelernt? Ich habe gelernt, dass es überhaupt keine Rolle spielt, wer man ist, wie man ist oder was man tut: Es wird in unserer Gesellschaft – ganz egal ob innerhalb oder ausserhalb der LGBT-Community – immer Menschen geben, die nur Kritik übrig haben. Es gibt diese eine LGBT-Community nicht. Ich denke, es gab sie. Damals, in den 70er Jahren, als die ersten Pride-Bewegungen für die Rechte von Homosexuellen und Trans*menschen kämpften. Ich glaube, es gibt sie noch, in Ländern, in denen Nicht-Heterosexuelle schwersten Diskriminierungen ausgesetzt sind oder gar verfolgt werden. Ich glaube, dass es uns hier in der Schweiz schon viel zu gut geht und wir darum nicht mehr über unsere eigene Diversität hinwegsehen und trotz unterschiedlicher Ansichten zusammenzuarbeiten können. Eigentlich ist das irre und komplett unverständlich, wenn man bedenkt, dass wir alle das Selbe wollen: ein gleichberechtigtes Leben ohne Diskriminierung.

Gemeinsam weiterkommen: VertreterInnen von Dachorganisationen und PolitikerInnen im Podiumsgespräch
Gemeinsam weiterkommen: VertreterInnen von Dachorganisationen und PolitikerInnen im Podiumsgespräch

Was heißt das für mich und mein künftiges Engagement für „die Community“ oder „die Szene“? Ich versuchte kurz nach meinem Outing, der Lesben-Community anzugehören und stiess auf viel Argwohn. Ich schob es auf mein „heterosexuelles“ Aussehen (hockhakige Schuhe, Schminke im Gesicht, lange Haare). Heute weiss ich, dass ich ziemlich naiv war, zu glauben, es gäbe diese eine Szene, der ich angehören müsse, um als lesbische Frau anerkennt zu werden.

Die Menschen in dieser „Community“ sind nicht anders, als die Menschen ausserhalb. Auch die LGBTs, die sich in Gruppen organisieren, sind Individualisten. Das ist nicht nur schlecht, denn ich habe in diesem Gewusel an kleinen, teilweise auch etwas kleinkarierten Grüppchen gut gesinnte, initiative, offene und engagierte Menschen kennengelernt. Nach solchen Menschen werde ich weiterhin Ausschau halten. Denn ich will mich weiter für ein gleichberechtigtes Leben als Frau und Lesbe einsetzen. Und weil man gemeinsam mehr erreicht, als alleine, werde ich dort mitarbeiten, wo Menschen ihre Energie in die Verbesserung einer Situation investieren, anstatt mit den Händen im Hosensack zu nörgeln, zu kritisieren und aus dem Off zu urteilen.

Würde ich wieder bei der Organisation einer Pride oder einem LGBT-Festival mithelfen? Definitiv. Es war eine wahnsinns Erfahrung, Teil von sowas Grossem zu sein. Wann hat man sonst schon die Möglichkeit, im öffentlichen Raum einen Event dieser Tragweite mitzuorganisieren? Wo sonst hätte ich all diese Kontakte in so kurzer Zeit knüpfen können? Wie sonst hätte ich die Community in ihrer Vielfalt so intensiv und hautnah spüren können? Diese Pride hat mir Augen, Türen und Herzen geöffnet. Ich bin glücklich, ein Teil davon gewesen zu sein.

Wo ich Menschen kennenlernte, mit denen ich wieder zusammenarbeiten würde:
HAB (Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern)
Gayradio
Queersicht
Uncut
Queerbooks
GLSBe (Gay & Lesbian Sport Bern)
Gay Sport Zürich
Pride Ouest 2017
Zurich Pride Festival

Wo sich LGBTs in der Schweiz sonst noch organisieren und du sicher auch Menschen findest, die am gleichen Strang ziehen, wie du:
LOS (Lesbenorganisation Schweiz)
Pink Cross (Schweizerischer Dachverband der Schwulen)
Regenbogenfamilien (Schweizerischer Dachverband Regenbogenfamilien)
TGNS (Transgender Network Switzerland)
Milchjugend (Jugendorganisation für lesbische, schwule, bi, trans* und asexuelle Jugendliche und für alle dazwischen und ausserhalb)

Wo und für welche Projekte setzt ihr euch ein? Oder weshalb engagiert ihr euch bisher nicht? Gibt’s bei euch „die Community“? Eure Erfahrungen interessieren uns!

Impression der Pride Ouest 2017
Impression der Pride Ouest 2017
Impression der Pride Ouest 2017
Impression der Pride Ouest 2017
Impression der Pride Ouest 2017
Impression der Pride Ouest 2017
Impression der Pride Ouest 2017
Impression der Pride Ouest 2017

 

 

 



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1 Comment

  1. 6. September 2017 at 15:56

    Fürs Zurich Pride Festival :-) Gut geschrieben, Barbara!

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