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Unsere zukünftige Familie – Review „Future Families: Vielfalt ist Realität“

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Unsere zukünftige Familie

 

Anfang Februar fand im Treibhaus Luzern zum Thema „Future Families: Vielfalt ist Realität“ das Winterfest des Kulturvereins Queer Office statt. Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem Dachverband Regenbogenfamilien Schweiz organisiert. Wie leben heute Regenbogenfamilien? Wie können wir Gleichstellung erreichen? Diese und andere Fragen wurden an der Veranstaltung diskutiert.

Hier könnt ihr einen persönlichen Einblick in das Samstagprogramm der Wochenendveranstaltung erhalten und mehr zur momentanen Schweizer Rechtlage von Regenbogenfamilien erfahren.

 

Erster Eindruck, Erläuterung des Programms durch das Queer Office

 

Meine Freunde und ich treffen kurz vor Veranstaltungseröffnung im Treibhaus Luzern ein. Der Barbereich ist gefüllt mit TeilnehmerInnen, die gespannt auf die Eröffnung warten. Zu meiner Freude konstatiere ich ein deutliches Frauenmehr. Kinder sehe ich insgesamt nicht viele (sagt das vielleicht schon etwas über die heutige Situation von homosexuellen Paaren mit Kinderwunsch aus?). Für die Kinder, die anwesend sind, gibt es jedoch ein eigenes Kinderprogramm.

Ein Vorstandsmitglied von Queer Office begrüsst alle Anwesenden und präsentiert das Programm mit folgendem Ablauf:

  • Die ersten beiden Stunden werden für Workshops (Begegnungszonen) genutzt.
  • Danach gibt es eine kleine Pause für das Abendessen, Chili aus der Volksküche
  • Um 20:00 Uhr geht es weiter mit der Podiumsdiskussion zur CVP-Initiative „Abschaffung der Heiratsstrafe“
  • Abschliessend besteht die Möglichkeit, bei einem offerierten Apéro alle dringenden, offenen Fragen noch zu klären und sich mit den eingeladenen Fachleuten oder anderen Gästen zu unterhalten.

 

 

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Begegnungszonen

 

Die Begegnungszonen bezeichnen eine Art offene Gespräche zwischen den Fachleuten und den anderen TeilnehmerInnen. Es stehen drei verschiedene Themen zu Auswahl. Wir entscheiden uns für „Familienvielfalt“.

Geleitet wird die Begegnungszone durch vier Mitglieder aus dem Vorstand des Dachverbands Regenbogenfamilie; Maria von Känel, Martin della Valle, Eva Kaderli und Lucas Beck. Alle Mitglieder sind in der Schweiz mit ihrer persönlichen Familiensituation Pioniere. Familienbilder, die in Kanada bereits in der Gesellschaft verankert sind, spielen sich in der Schweiz noch immer ausserhalb vom Bewusstsein der Mehrheit der Bevölkerung ab.

 

Regenbogenfamilien – keine wie die andere

 

Einleitend berichten die vier Vorstandmitglieder aus ihren persönlichen Familienerfahrungen. Was ich sofort erkenne – und darum finde ich diese Einleitung super – Regenbogenfamilien entsprechen keineswegs nur dem Vier-Personen-Familenmodell, wie es in der heteronormen Welt vorherrscht. Sie gestalten sich unkonventioneller und umfassen aus der Perspektive der einzelnen Mitglieder meist mehr Leute als nur die biologischen Eltern oder Geschwister. Dabei sehen solche Familiensituationen von aussen oft viel komplizierter aus, als dass sie es eigentlich sind. Martin della Valle erzählt, seine Tochter und ihre beiden Brüder (die andere Erziehungspersonen haben) sähen die von Erwachsenen normalerweise als komplex verstandene Familiensituation als völlig normal an. Lucas Beck dagegen verblüfft mit der Aussage, er habe, als der Kinderwunsch in ihm reifte, nach einer Frau gesucht, die sich ebenfalls eine Familie wünschte. Nun sind die beiden bei der Umsetzung ihres gemeinsamen Traums. Mit im Boot ist auch die Partnerin der Frau und eventuell wird ein vierter Elternteil als Partner von Lucas dazu stossen.

 

Sind Homosexuelle in Bezug auf Familiengestaltung gleichgestellt?

 

Maria von Känel, Geschäftsführerin des Dachverbands Regenbogenfamilien, erläutert einige Fakten zur rechtlichen Lage von Regenbogenfamilien. Anders als in Deutschland, ist in der Schweiz die Stiefkindadoption bei eingetragenen Partnerschaften gesetzlich noch nicht verankert. Wollen zwei Frauen oder zwei Männer ein Kind zusammen erziehen, so müssen sie bei der KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden) oft viel Überzeugungsarbeit leisten, wenn das gemeinsame Kind nicht einen rechtlichen Beistand erhalten soll. Nur der biologische Elternteil wird als rechtsmäßiger Elternteil anerkannt. Der andere Elternteil verfügt über kein Sorgerecht für das Kind. Der Bundesrat hatte Ende 2014 einen Entwurf zum überarbeiteten Adoptionsrecht vorgelegt. Dieser sieht vor, die Stiefkindsadoption für eingetragene Partnerschaften zukünftig zu ermöglichen. Auch die Anerkennung von Kindern, die im Ausland gezeugt oder adoptiert wurden, soll in kommenden Jahren einfacher werden – vorausgesetzt, die Stimmen, die für gleiche Rechte plädieren, sind laut genug. Als erstes gilt es, die CVP-Initiative, die im Folgenden diskutiert wird, abzulehnen(!)

 

Wieso definiert die CVP die Ehe ausdrücklich als Verbindung zwischen Mann und Frau?

 

Der Saal ist voll. Einige Leute sind noch neu dazu gekommen. Wir sind sehr gespannt auf das bevorstehende Abendprogramm, durch welches niemand geringeres als SRF-Arena und –Rundschau Moderatorin Sonja Hasler führen wird. Zum Duell treten die beiden Nationalräte Gerhard Pfister (CVP), der sich in die Höhle des Löwen getraut und Dr. Roland Fischer (Grünliberale), der den Verbündeten gibt, an.

 

Was die Initiative will

 

Nadja Herz, Rechtsanwältin mit Verstand, legt den ausgeschriebenen Initiativtext vor, der im Wesentlichen drei Punkte umfasst.

  • Sie [die Ehe] darf gegenüber andern Lebensformen nicht benachteiligt werden, namentlich nicht bei den Steuern und den Sozialversicherungen.“
  • Sie [die Ehe] bildet in steuerlicher Hinsicht eine Wirtschaftsgemeinschaft“
  • Die Ehe ist die auf Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau.“

 

Die Initiative will vorgeblich, dass verheiratete Menschen steuertechnisch nicht benachteiligt werden. Wieso es aber eine Definition der Ehe im Initiativtext hat, ist unklar. Daher stossen sich Linke, Liberale und insbesondere alle, die eine andere Art von Lebensgemeinschaft bevorzugen, an diesem dritten Punkt. Es kommt hinzu, dass die heutige Schweizer Verfassung nirgendwo die Ehe als Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau definiert. Würde die Initiative jedoch angenommen, stände eben diese Definition der Ehe in der Verfassung und käme einer Diskriminierung gleich. Es gilt, den Gegenvorschlag des Nationalrats zu unterstützen. Dieser entsagt zwei der von der CVP geforderten Änderungen und lässt nur den ersten Punkt, „Sie [die Ehe] darf gegenüber andern Lebensformen nicht benachteiligt werden, namentlich nicht bei den Steuern und den Sozialversicherungen“, stehen. Der Gegenvorschlag verzichtet also sowohl auf eine Definition der Ehe, als auch auf die Abschaffung der Möglichkeit zur Individualbesteuerung und hat das eigentliche Ziel der Initiative im Auge.

 

Herr Pfister und die CVP

 

Dank Sonja Haslers frischem Humor trägt die Diskussion von Beginn weg einen lockeren und keinen feindseligen Charakter. Gerhard Pfister habe sich bereits nach den Notausgängen umgeschaut, scherzt sie gegenüber dem Publikum und alle lachen – auch Herr Pfister. Ihre Fragen sind allerdings genau so scharf wie immer, wenn sie in Polit-Debatten moderiert. „War es eine gemeine List der CVP, diese Definition von Ehe als eine Lebensgemeinschaft von Mann und Frau hinter einem Initiativtext, der eigentlich die Abschaffung der Heiratsstrafe zum Ziel hat, zu verstecken?“, richtet sie sich an Herrn Pfister. „Auf keinen Fall“, verteidigte sich dieser, „die Luzerner Hinterländler seien zu solchen strategischen Finten gar nicht fähig.“ Darauf Frau Hasler: „Wozu braucht es dann die Definition?“ Sie seien aufgefordert gewesen, eine  Definition zu finden, um den Text präzise zu formulieren. Rechtsanwälte wären zusätzlich hinzugezogen worden, erklärt Pfister. Frau Hasler wendet sich darauf an Roland Fischer von den Grünliberalen: „Ist Ihrer Meinung nach die Definition von Ehe im Initiativtext notwendig?“ Die sei überhaupt nicht notwendig, erwidert Herr Fischer, erstens, komme der Gegenvorschlag ohne die Definition aus, zweitens hätten viele Kantone die Heiratsstrafe bereits abgeschafft und dabei sei eine solche Definition nie nötig gewesen.

Die Diskussion wird im selben Stil weiter geführt. Herr Pfister wird zwar in die Knie gezwängt, aber er fällt nicht ganz hin. Grundsätzlich gibt er einen souveränen Auftritt.

Nach dem Duell hat das Publikum noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Alle werden an Herrn Pfister gerichtet. Ein Hinweis von einer Teilnehmerin lautet: „Der CVP würde es gar nicht schaden, die Initiative zurück zu ziehen, im Gegenteil, sie könnte durch das Eingestehen eines Fehlers auch ganz viele Sympathiepunkte gewinnen.“ Darauf geht erneut ein Grinsen durch den Saal. Gerhard Pfister erwidert, er sage nicht, dass das überhaupt keine Möglichkeit wäre, aber das könne ja nicht er allein entscheiden. Sonja Hasler strahlt ins Publikum und meint, so wie das sich anhöre, rufe Herr Pfister noch heute Nacht den Kollegen Darbellay an und fordert ihn auf, die Initiative über Bord zu werfen.

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Gerhard Pfister, Sonja Hasler, Roland Fischer

 

Fazit

 

Der Anlass wurde seinem Titel „Vielfalt ist Realität“ in jeder Hinsicht gerecht. Ich persönlich konnte meine Vorstellungen von Regenbogenfamilien erweitern, konkretisieren und auch besser in der Realität verankern. Gerade die CVP-Initiative zeigt, dass die Gleichberechtigung für Homosexuelle noch lange nicht erreicht ist und auch immer wieder angegriffen werden wird. Doch für uns gilt:

 

“Homosexualität und Heterosexualität sind zwei gleichwertige Varianten der Sexualität.“ Udo Rauchfleisch

 

Die Veranstaltung „Future Families: Vielfalt ist Realität“ wurde in Zusammenarbeit des Queer Office und des Dachverbands Regenbogenfamilien organisiert. Beide Vereine setzen sich intensiv für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen ein und tragen viel zur allgemeinen Verbesserung unserer gesellschaftlichen Positionierung bei. Motivierte HelferInnen sind bei ihnen jederzeit willkommen.



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