How to be Femme

Du bist doch gar nicht lesbisch?

Alle Lesben haben kurze Haare, breite Schultern und spielen Fußball.“ Dieses Klischee kann heute nicht
mehr bedient werden. Auch, dass lesbische Frauen sich nicht zu kleiden wissen, ist ein böses Vorurteil.
Die Lesben-Szene ist wie jede andere Szene, sie verändert sich im Wandel der Zeit. Doch es kommt sogar
vor, dass innerhalb der Szene Probleme mit der Akzeptanz auftreten. Vielleicht noch gebrandmarkt von der „Bürstenhaarschnitt-Generation“, werden feminine lesbische Frauen oft schief angeschaut. Ihr Aussehen
sei zu weiblich. Aber darf man das in der heutigen, so aufgeschlossenen Zeit sagen? Ist die Szene
in Deutschland noch etwas schüchtern, was Vielfalt angeht?


Ich selbst bezeichne mich als feminine Lesbe, auch wenn ich persönlich das Wort Lesbe
nicht allzu schön finde. Im Deutschen ausgesprochen, wirkt es irgendwie kurz und schmierig. Dagegen
klingt das englischen Wort lesbian durch den weiblichen Vokal viel freundlicher. Aber weil
man dem Wort nur zeitweise entkommen kann und es unglaublich langatmig wäre, es zu umschreiben, berichte
ich euch über meine Anfänge als Lesbe in der Szene.

© Tobias Lang

Das Thema beginnt auf dem Kopf
Jede „Langhaarlesbe“ hat bestimmt schon einmal darüber nachgedacht, sich die Haare abschneiden zu
lassen. Das ist eine wilde Behauptung, aber ich diene mal wieder als mein eigenes bestes Beispiel.
Als jugendliche Junglesbe schaute ich frustriert in den Spiegel. Ich war oft auf Partys unterwegs gewesen
und musste mir ungezählte Male anhören, dass ich „viel zu hetero für die Szene“ aussähe. Ziemlich
schmerzhaft für das Ego eines Teenagers. Kurzerhand griff ich zur Schere und schnipp-schnapp waren
meine Haare ab. Als meine Mutter das sah, schickte sie mich schimpfend zum Friseur, und kurz darauf hatte
ich eine freche Kurzhaarfrisur. Wie durch Zauberhand hörten die Hetero-Stichelein auf, und ich lernte
eifrig Mädchen kennen. Auch mein Kleidungsstil wurde angepasst: Von lässig bis sportlich glich sich
mein Look dem Trend in der Szene an. Mit meinem neuen Aussehen fuhr ich eine ganze Zeit lang ziemlich gut,
aber trotzdem blieb Etwas zurück. Wenn ich Frauen auf Werbeplakaten sah, schaute ich sehnsuchtsvoll
auf ihre langen Haare. Lief an mir ein Mädchen mit Locken vorbei, blickte ich ihr neidisch hinterher.
Mir gefielen Tanktops, Jeans und Hemden, aber Irgendwas sehnte sich nach figurbetonter, weiblicher Mode.
Meine Haare wurden wieder länger. Ich traute mich, Kleider zu tragen und hörte auf meinen Wunsch, mehr
ich selbst zu sein. Nach und nach wurde ich zur Femme. Ein paar Jahre sind seitdem vergangen, und dann
kam es zu einem denkwürdigen Partyabend.

Das Thema ist im Kopf
Ich stand vor dem Eingang einer Szeneparty und wartete auf eine gute Freundin. Ich war bester Laune und
hatte mich für den Abend besonders schick gemacht. Meine langen Haare trug ich offen und wild zerzaust
im Out-of-Bed-Look. Das schwarze, elegante Minikleid sollte der Eyecatcher sein. Vielleicht ein bisschen
zu mondän für einen normalen Partyabend, aber leider zu neu, um es im Schrank zu ignorieren. Ich trug
schwarze Lack-High-Heels, meine ständigen und treuen Begleiter in Partynächten. Abgerundet wurde der
Look durch katzenhafte Smokey Eyes und Lippen im Nude-Ton. An dem besagten Abend sah ich also ziemlich
heiß und bestimmt nur ein wenig übertrieben weiblich aus.
Ungeduldig tippte ich auf mein Smartphone ein, eine nervige Krankheit. Partymusik drang dumpf
aus den Kellerräumen des Clubs. Ich schaute unbewusst auf und bemerkte, dass sich eine Gruppe Mädchen
näherte. Sie blieben vor mir stehen, und eine von ihnen musterte mich ausgiebig. Als sie fertig war,
legte sie den Kopf schief und sagte: „Hey! Das hier ist eine Party für L E S B E N! Ich denke, DU hast
dich verlaufen!“
Der Abend begann echt gut.

Dieses Ereignis bringt mich bis heute zum Nachdenken, denn das Thema begegnet mir immer wieder.
Es wurde schon oft von Freunden heiß diskutiert und in Foren beschrieben. Wie werden Femmes in der
Szene gesehen? Warum stoßen sie in der Szene des Öfteren auf Ablehnung?
Von lesbischen Freundinnen und Bekannten, speziell denen mit langen Haaren, weiß ich, dass sie
sich denselben Situationen stellen müssen. Auch sie durften sich mehrfach anhören, dass sie
nicht „lesbisch genug“ aussähen. Woher kommt dieses Vorurteil, dass lesbische Mädchen und
Frauen kurze Haare haben oder männlich gekleidet sein müssen? Und wie kann es sein, dass sich
dieses Vorurteil selbst in unserer Szene hartnäckig hält? Ist es, weil Lesben Frauen lieben
und deshalb Männer imitieren müssen? Eher nicht.

© Camilla Storgaard

Kopf und Kragen
In den Anfangszeiten des öffentlichen Outings war es tatsächlich so, dass Lesben sich absichtlich
herb anzogen, um als diese erkannt zu werden. Das bedeutete, es wurden raue Kleidungsstücke für
Männer getragen, wie Lederjacken, Jeanswesten und schwere Stiefel. Der kurze Bürstenhaarschnitt
war ein typisches Erkennungsmerkmal zu dieser Zeit. Lesbische Frauen wollten sichtbar anders sein,
sich also von der Normfrau unterscheiden und damit betonen: Ich bin lesbisch, ich brauche keinen Mann.
Zudem war die männliche Art, sich zu kleiden, ein Mittel des gegenseitigen Erkennens, denn es gab
noch keine offenen Szenepartys als Treffpunkt und Quelle zum Kennenlernen. Leider wurden dadurch
weiblich aussehende Frauen oft ausgeschlossen oder schlicht nicht akzeptiert. Zu sehr erinnerte ihr
Stil an den des Hausweibchens, welches hinter dem Herd stand und auf ihren Ehegatten wartete.
Diese Differenzierung von Frauentypen ist heute nicht mehr in der Stärke anzutreffen. So wie sich
das Frauenbild erweiterte, vergrößerte sich auch die Toleranz gegenüber alternativen Lebensweisen.
Heutzutage geht die Gesellschaft lockerer mit dem Thema Sexualität und Gesinnung um, und zumindest
in Deutschland muss sich niemand für seine Orientierung schämen. Natürlich gibt es immer noch
Familien, in denen Homosexuelle verabscheut werden, doch in der Öffentlichkeit werden Lesben als
selbstverständlicher Teil der Gesellschaft angenommen.
Doch trotz der allgemein erlangten Freiheit fühlen sich Femmes in ihrer Szene immer noch nicht
akzeptiert. Das ist insofern zynisch, als dass die Szene an sich lange um eine Akzeptanz warb und
auf die Toleranz Andersdenkender angewiesen war und ist. Wie kommt es also, dass sich innerhalb
dieser Szene Vorurteile so sehr halten?

© Philippe Leroyer

Kopf hoch!
Die Lesben-Szene ist eine Szene wie viele andere auch: Gemeinsamkeiten verbinden unterschiedliche
Menschen. Unsere große Gemeinsamkeit ist aber etwas, das eigentlich sehr intim ist, nämlich: Wen
wir lieben. Eine Gruppe definiert sich jedoch immer auch über Äußerlichkeiten, die einen Zusammenhalt
vermitteln. In diesem Falle haben unsere „Ahninnen“ einen eher maskulinen Stil vorgegeben, und sie
hatten gute Gründe dafür. Nichtsdestotrotz sind wir eine moderne Generation von Frauen. Wir arbeiten
und tragen, was wir wollen; wir leben, wie wir wollen, und wir lieben, wen wir wollen. Dies vereint
uns – egal, ob wir uns als Butch oder Femme oder anderweitig bezeichnen. Solange wir uns in unserem
Körper wohlfühlen und das tragen, was uns gefällt, sind wir authentisch, und so sollten wir uns und
andere annehmen können.
Ich bin eine Femme und liebe es, so zu sein, wie ich bin.
Und ich bin eine Lesbe und liebe Frauen. Mit kurzen und mit langen Haaren.

 

florarobinonline@googlemail.com

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