Wer von euch sich als fleissige Leserin bezeichnen kann, hat sicher schon vom Märchen „Violetta und die Prinzessin“ vernommen, dessen Protagonistin, der Liebe wegen, eine Entscheidung hatte getroffen, die nicht wird sein ohne Folgen. Doch: hier und an dieser Stelle sei noch nicht zu viel verraten. Lest vielmehr die folgenden Zeilen, um das weitere Geschehen zu erfahren…

Violetta ward ausser sich vor Freude und Aufregung, als sie die Zeilen der Prinzessin hatte gelesen. Immer wieder ging sie Buchstabe für Buchstabe durch, konnte ihren Blick nicht von dem Blatt Papier wenden. Was sollte sie antworten? Was war angebracht in Anbetracht dessen, dass es sich bei ihrer grossen Liebe nicht um irgendwen, sondern gar um die Prinzessin handelte? Violetta nahm die Feder zur Hand, tunkte sie in purpurrote Tinte, und schrieb aus vollem Herzen nieder, was sie verspürte. Nie zuvor hatte sie verfasst solch wunderschöne Zeilen, nie zuvor waren ihre Worte so voller Liebe, Innbrunst und Überzeugung. Höchst zufrieden mit diesem Meisterwerk überliess sie dieses der Taube – in der Hoffnung, sie möge es so geschwind wie nur möglich durch die Lüfte und zu ihrer Prinzessin bringen. „Flieg, Taube, flieg! Überliefere der Prinzessin meine Worte der Liebe, und komm alsbald mit einer Nachricht zurück!“, rief ihr Violetta nach, und sah den Vogel schon bald in die Weiten des Himmels entschwinden.

Vier lange Tage waren seitdem vergangen. Vier lange Tage hatte Violetta nichts von der Prinzessin gehört. Hatte die Taube den Weg zu ihr nicht gefunden? Oder war es vielmehr so, dass die Angebetete ihre Meinung hatte geändert? Am Boden zerstört, und gähnende Leere in sich spürend, ward Violetta schon im Begriff, der Liebe abzuschwören. Warum hatte sie nur das vermaledeite Elixier getrunken? Ein Schalk ward es wohl gewesen, der sie zum Narren hatte gehalten, der noch heute über sie lacht. Anstatt diesen Schmerz zu verspüren, hätte sie sich doch für das kalte Herz aus Stein entscheiden sollen. Doch just in diesem Moment der unsäglichen und unendlichen Zweifel vernahm sie ein Flattern vor ihrem Fenster. Die Taube ward zurückgekehrt – und sie trug eine Botschaft um ihren Hals. Violettas Herz schlug ihr bis zum Hals. War das bereits der Anfang vom Ende? Waren ihre Zeilen doch nicht einer Prinzessin würdig? Hatte sie den Kampf um die einzig wahre Liebe verloren, bevor er überhaupt richtig hatte begonnen?

Mit zittrigen Händen nahm sie die Nachricht an sich – und konnte nicht glauben, was die Prinzessin hatte verfasst: Sie hatte sie nicht vergessen. Im Gegenteil. Gar ihrem Gemahl hatte sie von ihrer Begegnung erzählt, von ihr geschwärmt. Durch diese Offenheit fühle sie sich nun frei, mit Violetta ohne schlechtes Gewissen, ohne hindernde Gedanken, zu kommunizieren. Und dass sie hoffe auf eine baldige Antwort. Wenngleich, eine Bedingung ward noch formuliert: Aus Rücksicht auf den den Prinzen bat sie darum, ihr keine Nachricht nach Einbruch der Dunkelheit zuzustellen. Ein Zauber unsäglichen Glücks und unglaublicher Freude brach über Violetta herein. Die Einschränkung, der Prinzessin nur bei Tage ihre Botschaften zu übermitteln, erachtete sie als absolut akzeptierbar. Sie schöpfte nie zuvor da gewesenen Mut und unendliche Kraft aus der Entscheidung ihrer Holden und antwortete ihr umgehend und ausführlich. Diese Stunden markierten den Anfang von unendlich vielen gegenseitigen Komplimenten, Sympathiebekundungen und den süssesten Floskeln. Mehrmals täglich musste die arme Taube durch die Lüfte fliegen, so gierig waren die Beiden nach der anderen Worte. Und waren diese zu Beginn noch von weisser Unschuld geprägt, so zeigte sich doch alsbald das gegenseitige Verlangen. Die Inhalte wurden leidenschaftlicher, erotischer. Die Prinzessin schickte gar Gemälde von sich, die das arme Tier nur mit Mühen konnte transportieren. Jede Nacht schlief Violetta mit dem Gedanken ein, die Prinzessin zu küssen, zu berühren und zu spüren. Jede Nacht galt der letzte Blick diesem gottähnlichen Wesen, dessen Antlitz nun das ganze Gemach der Liebestrunkenen tapezierte. Jeden Morgen ward die Wunderschöne das erste, woran die Verlorene zu denken fähig war. Doch würde die Zeit reichen? Sechs Monate hatte ihr die Holde eingeräumt. In dieser Zeit musste sie sie für sich gewinnen können. Wann würde ihre Angebetete ihr erlauben, sie zu sehen?

Violetta setzte all ihre Verführungskünste ein. Zeigte sich charmant, aufmerksam, verständnisvoll, humorvoll, äusserst sympathisch, nur von ihrer besten Seite. Stets mit dem Ziel, die Prinzessin möge ihr endlich und in absehbarer Zeit eine Audienz gewähren. Und da sie ward geübt in solchem Unterfangen, dauerte es auch nur geschlagene vier Monate, bis die Prinzessin nicht mehr länger konnte widerstehen: Sie schlug vor, dass Violetta an ihr nachträgliches grosses Hochzeitsfest zu Hofe sollte kommen. Diese ward ab der Einladung aber doch etwas irritiert: Was sollte sie denn an diesem Ort, an dieser Stelle? Alles, was sie würde empfinden, wären Eifersucht, Wut, geballte Wut, sowie unsäglicher Neid gegenüber dem Prinzen, der, vom Glück gesegnet, eine solche Frau wusste an seiner Seite. Andererseits: es wäre eine Möglichkeit, ihre Liebe wieder zu sehen. Die negativen Aspekte wogen schlussendlich aber stärker – und sie sagte das Treffen ab. Risse machten sich in ihrem Herzen bemerkbar. Momente der Trauer und der Unsicherheit taten sich auf. Als der Tag des Festes anbrach, fühlte sich Violetta leer und ohne Hoffnung, dass ihr grösster Wunsch je würde in Erfüllung gehen. Sie vergoss bittere Tränen und in ihr drin war es so dunkel wie wenn schwarze Gewitterwolken den Horizont bedecken – bis überraschenderweise eine Nachricht der Prinzessin sie erreichte, und der Himmel sogleich wieder wurde von gleissenden Sonnenstrahlen erhellt: Die Angebetete war, so ihre Worte, den Tränen nahe, unglücklich, und in Gedanken nur bei ihrer Verehrerin. Ob dies richtig ward oder nicht, kümmerte die Liebestrunkene nicht im Geringsten. Denn dass die Holde gar an ihrer vermeintlich grossen Liebesfeier nur an sie dachte, erachtete sie als Beweis genug: sie ward auf dem richtigen Weg. Es würde nur sein eine Frage der Zeit, bis sie ihre Liebe für sich gewinnen würde. Und als sie kurz darauf die Bitte der Prinzessin erreichte, dass sie sich drei Sonnenaufgänge später fernab des Palastes, fernab des Gemahls und der königlichen Familie treffen sollten, wähnte sich Violetta bereits kurz vor dem Ziel. Der Riss in ihrem Herzen ward ab diesen Worten alsbald und vollständig geheilt.  Und so trat sie zum vereinbarten Zeitpunkt, freudig und gleichzeitig nervös wie nie zuvor, den Fussmarsch durch die scheinbar endlosen Wälder zum wunderschönen romantischen Fluss an, um ihrer Angebeteten, ihrer unendlich grossen Liebe endlich wieder gegenüberzustehen. Das heisse Blut pumpte bei jedem Schritt, bei jedem Atemzug, unaufhörlich durch ihr liebstolles Herz.

Fortsetzung folgt…

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1 comment

  1. L-girl says:

    Jul 10, 2011

    Ich kann die Fortsetzung kaum erwarten <3

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