Kommentar / Rezension / KolumnePolitik

Unser Aufschrei zum Aufschrei: Stellungnahme zur Pressemitteilung der LOS

Auf Anregung unserer Leserinnern und nach Aufforderung der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) haben wir uns im Anschluss an unseren Facebook-Post von Freitag, den 28. Oktober 2016, eingehender mit der Pressemitteilung der LOS, die uns zum Hashtag #gahtsna bewegt hat, auseinandergesetzt. Anbei unsere ausführliche Stellungnahme:

[ff/cg] Aus Sicht von Lesbian Chic beinhaltet der genannte Text, der kürzlich im 20 Minuten (siehe Titelbild) und in der Aargauer Zeitung (AZ) aufgegriffen und behandelt wurde, einige durchaus unterstützenswerte Forderungen. So zum Beispiel die vermehrte Platzierung von Anliegen lesbischer Frauen in den Medien oder die Sichtbarmachung respektive Betonung der Vielfalt innerhalb der LGBT+ Community. Auch der Redaktion von Lesbian Chic ist aufgefallen, dass der Begriff „homosexuell“ in der Schweizer Medienlandschaft häufig mit queeren Männern assoziiert wird. Das sollte in der heutigen aufgeklärten Welt nicht sein und bedarf deshalb zusätzlicher Aufklärungsarbeit.

Auf welcher Grundlage wurden die Forderungen erhoben?

Problematisch und befremdend erscheint hingegen das pauschale Bashing von schwulen Männern, denen die LOS Frauen- und Lesbenfeindlichkeit vorwirft. Insbesondere die Aussagen, dass sich Schwule „in Anwesenheit von Frauen vulgär ausdrücken und abfällige Kommentare zu weiblichen Genitalien und der Menstruation machen“, respektive „Frauen anfassen und den Mangel an Respekt vor der körperlichen Integrität relativieren und legitimieren mit der Tatsache, dass sie schwul seien und deshalb kein sexuelles Interesse dahinterstecke“ irritieren sehr. Wer solche Anschuldigungen erhebt, muss dies ausreichend begründen und mit Fakten untermauern. Deshalb: Auf welcher Grundlage erhebt die Lesbenorganisation Schweiz diese heftigen Vorwürfe? Wie viele Fälle von sexueller Belästigung von Lesben durch Schwule sind konkret bei der LOS eingegangen? Und was haben diese Anschuldigungen mit dem formulierten Anspruch nach mehr Sichtbarkeit inner- und ausserhalb der LGBT+ Community zu tun?

Lösungsvorschläge statt Schuldzuweisungen

Bei den weiteren in der Mitteilung behandelten Themen handelt es sich mehrheitlich um Klagen darüber, dass Frauen- und Lesbenthemen im Rahmen von Community-übergreifenden Veranstaltungen zu kurz kommen oder lesbische Projekte im Vergleich zu schwulen Pendants über weniger Geld verfügen. Als Beispiele werden das Gaywest Festival 2016, wo kaum weibliche Künstlerinnen engagiert wurden, oder auch die Zurich Pride, in deren Rahmen das „Frauenthema“ Politik zugunsten von Entertainment in den Hintergrund rücken müsse, genannt. Grundsätzlich stellt sich aus Sicht von lesbian chic die Frage, warum lesbische Themen innerhalb der LGBT+ Szene anscheinend zu wenig Gehör finden. Sind wir in den entsprechenden Gremien allenfalls unterrepräsentiert? Wenn ja, so wäre es wohl sinnvoller, Überlegungen darüber anzustellen, warum dem so ist und was dagegen unternommen werden kann, anstatt die Schuld dafür bei den anderen, namentlich den Schwulen, zu suchen. Gleiches gilt für die finanziellen Probleme. In Bezug auf die Zurich Pride sei zu erwähnen, dass im aktuellen Jahr 2016 insgesamt sechs politische Reden gehalten wurden (Kathrin Bertschy, Suzy LeVine, Anita Fetz, Gülsha, Flavia Kleiner, Martin Landolt und Denis Kläfiger) – womit die LOS aus Sicht von Lesbian Chic ihr Anliegen durchaus umsetzen konnte.

Das Image und wie man es zementieren oder aufbrechen kann

Die Lesbenorganisation Schweiz erwähnt ferner, dass sie sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, „sauer oder beleidigt zu sein“. Aus ihrer Sicht sei dies „nichts Neues“, da „Frauen, die selbstbewusst auftreten, die unangepasst und unbequem sind, […] als zickig, böse, hysterisch, oder gar als hässliche „Femi-Nazis“ oder „Birkenstockfaschos“ abgestempelt werden“. Man wolle sich aber nicht einschüchtern oder sich sprachlos machen lassen. Indem aber lediglich ausgeteilt und mit dem Finger auf die Schwulen gezeigt wird, wird leider genau dieses Image zementiert. Der Verdacht liegt nahe, dass der Hashtag #SchweizerAufschrei dazu missbraucht wurde, endlich jene mediale Aufmerksamkeit zu erlangen, die man bisher vermisst hat (wobei der Artikel im „bürgerlich-konservativen“ 20 Minuten von der LOS dann doch wieder nicht goutiert wird). Oder sollte die Mitteilung vielmehr als dringend nötige Initialzündung für Debatten zwischen den verschiedenen LGBT+ Vereinen zu verstehen sein? Auch in diesem Fall wäre die Organisation deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Unter einem „fairen und respektvollen Umgang nach innen und aussen“, wie im Leitbild formuliert, verstehen wir etwas anderes. Den geforderten Prozess der Selbstreflektion innerhalb der Community sollte sich die LOS deshalb zunächst einmal selber zu Herzen nehmen.

Schulter an Schulter kämpfen bringt uns weiter

Lesbian Chic ist der festen Überzeugung, dass die Anliegen von LGBT+ Menschen nur dann Gehör finden und erfolgreich umgesetzt werden können, wenn wir uns als Gemeinschaft dafür stark machen und gemeinsam dafür einstehen. Gerade weil wir in der Vergangenheit Schulter an Schulter gekämpft haben, sind wir heute da, wo wir jetzt sind. Die Lesbenorganisation Schweiz teilt unsere Haltung anscheinend nicht, wie folgender Auszug aus einem Facebook-Chat mit der LOS vom vergangenen Freitag, 28. Oktober, zeigt: „Wir [Anmerkung der Redaktion: gemeint ist die LGBT+ Szene] ziehen nicht an einem Strang und sitzen auch nicht im selben Boot. Wir hocken in unterschiedlichen Booten im selben Teich“. Dabei wäre der Zusammenhalt innerhalb unserer Community gerade jetzt, wo die Abstimmung zur EDU-Initiative „Schutz der Ehe“ im Kanton Zürich ansteht, besonders wichtig.

#gahtsna hat für uns weiterhin Gültigkeit

Wir möchten abschliessend festhalten, dass sich Lesbian Chic auch nach (oder gerade wegen) der eingehenderen Auseinandersetzung mit der Pressemitteilung der LOS davon distanziert – insbesondere, was die Anschuldigungen gegenüber unseren schwulen Community-Membern betrifft. Wir fühlen uns von der Lesbenorganisation Schweiz in dieser Sache nicht repräsentiert, weshalb der gestrige Hashtag #gahtsna? weiterhin Gültigkeit behält.

Die Redaktion von Lesbian Chic

PS: Wer die #iamhuman Sendung vom 09. Oktober gesehen hat, wird festgestellt haben, dass die Vertreterin der LOS in Bezug auf die Pressemitteilung und deren Inhalte von einem „Missverständnis“ spricht und man durchaus gerne mit den anderen Dachverbänden, unter anderem Pink Cross, zusammenarbeitet und auch weiterhin zusammenarbeiten möchte. Der Vertreter von Pink Cross hat versichert, die Anliegen der LOS ernst zu nehmen. Nach all den Vorwürfen gegen unsere schwulen Community-Member eine sehr noble Haltung, wie wir finden.



Previous post

Review Santa V @ Lexy

Next post

Eventguide November 2016

1 Comment

  1. Karin Grundboeck
    1. November 2016 at 19:00

    Gratulation zu dieser sehr guten und differenzierten Auseinandersetzung. Ich war von der LOS Medienmitteilung persönlich entsetzt, vor allem von den pauschalen Vorwürfen gegenüber Schwulen ohne jegliche Fakten. Der Text liest sich mehr wie eine private Abrechnung unter dem Deckmantel der Medienpräsenz. Ich bin leider momentan etwas ratlos betreffend der offiziellen Vertretung von Frauen und lesbischen Themen in der Öffentlichkeit von einer Organisation, die dermassen unprofessionell agiert. Darum war es eine Wohltat, Eure differenzierte Auseinandersetzung zu lesen.
    Liebe Grüsse, Karin

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *