Coming-Out

Safe Spaces – wann und wo fühlen wir uns sicher?

Ich wage zu behaupten, dass sich niemand zum Coming Out traut, wenn er/sie sich in ihrem Umfeld unsicher oder gar bedroht fühlt. Aber wie kreiert oder findet man ein solches Umfeld? Insbesondere dann, wenn vielleicht gar vom engstem Umfeld Ablehnung oder Gefahr für nicht-heterosexuelle ausgeht? „Safe Spaces“, sichere Räume, das war ein weiteres Hauptthema der European Lesbian*Conference. Denn, damit frauenliebende Frauen ihr Leben offen leben können, braucht es ein Umfeld, das sie in ihrer lebens- und liebensweise unterstützt.

An der European Lesbian*Conference sprachen wir viel über das geoutet sein. Wir waren uns einig, dass frauenliebende Frauen historisch, aber auch heute, oftmals zuwenig sichtbar sind. Dies, obwohl Sichtbarkeit elementar ist, um in der Gesellschaft den Wandel von frauenfeindlich und homophob (oder zumindest nicht unbedingt frauenfördernd und homo-begeistert) zu fair und gleichstellend zu bewirken.

Die Frauen, welche an der EL*C teilnahmen, erzählten alle von ähnlichen unguten Gefühlen,  Unsicherheit und der Frage „wie werden sie reagieren?“ die oftmals vor jedem Outing kurz aufflammt. Und so sammelten wir unsere Erfolgsmodelle, wie wir selbst eine sichere Umgebung schaffen, damit sich queere Menschen wohl fühlen und sich trauen, ihre Gefühle zu zeigen. Denn „Outing“ heisst nicht einfach, vor jemanden hinzustehen und „ich stehe (auch) auf Frauen“ zu sagen. Outing ist auch ganz selbstverständlich vom letzten Date oder der Beziehung zu erzählen, oder die Freundin zu einem Pärchenanlass mitzubringen.

Was sind Safe Spaces

Hätte man mich Anfang Oktober gefragt, was ich mir unter einem Safe Space (wörtlich übersetzt „sicherer Platz“) für frauenliebende Frauen vorstelle hätte ich Frauenräume, Prides, Frauenpartys und von LGBT-Organisationen veranstaltete Anlässe aufgezählt. Meine Freunde hätte ich vielleicht auch noch erwähnt. Bei ihnen fühle ich mich auch sicher.

An Pride-Veranstaltungen fühle ich mich sicher
An Pride-Veranstaltungen fühle ich mich sicher

Die Aufzählung meiner Safe Spaces ist ziemlich einseitig: Es sind Räume, in denen ich mich am Abend oder in der Freizeit bewege. Was aber ist mit der Arbeit, Schule oder Universität, Vereinen, meinem Zuhause? Dort braucht es doch auch ein sicheres Umfeld.

Oder was ist mit Menschen, die in homophoben Strukturen leben? Sie haben weder spezielle Räume noch Veranstaltungen für LGBTs. Aber auch dort gibt es Aktivistinnen und geoutete frauenliebende Frauen. Daher muss es noch etwas anderes geben, das diesen Menschen einen „Safe Space“ gibt. Oder zumindest genügend Kraft, um sich bewusst der Homophobie und Ablehnung entgegenzustellen

Safe Spaces dank Sichtbarkeit

Das sahen auch die Teilnehmerinnen der EL*C so. In den Workshops und Vorträgen ging es nur teilweise um LGBT-Veranstaltungen wie den Pride-Umzug oder Angebote von LGBT-Organisationen. Es ging hauptsächlich darum, wie man im Alltag ein sicheres Umfeld für sich und andere Menschen schaffen kann.

Es erstaunte mich nicht, dass wir gleich wieder bei der lesbischen* Sichtbarkeit landeten. Dem Thema widmete ich vor einigen Wochen einen Text (Jede Lesbe* zählt!). Es braucht geoutete und damit sichtbare frauenliebende Frauen, damit deren Bedürfnisse überhaupt gehört und ernstgenommen werden. Solange es (vermeintlich) keine queeren Menschen gibt, gibt es auch keine sicheren Räume für sie. Weshalb auch? Sie werden ja hier in dieser Firma, in dieser Stadt oder an dieser Schule vermeintlich gar nicht gebraucht. Was man nicht sieht, gibt es nicht. So funktioniert der Mensch nun mal sehr häufig.

Was wir nicht sehen, gibt es nicht.
Was wir nicht sehen, gibt es nicht.

 

Eine Vorgesetzte, die ihre Homosexualität offen lebe, sei etwas vom wirkungsvollsten, um ein sicheres Umfeld in einer Firma zu kreieren, hörte ich an der EL*C. Gleich funktioniere es auch an Schulen, Unis oder in Vereinen, ja gar in Dörfern oder Quartieren. Sobald jemand „out“ sei, kreiere das einen sicheren Raum für andere LGBTs. Frei nach dem Motto „ich bin nicht alleine“.

Ob ich im Umfeld meines Arbeitgebers durch mein offenes lesbisch-sein für andere etwas verbessere, kann ich nicht beurteilen. Bisher bin ich die einzige offen queere Mitarbeiterin und Vorgesetzte. Ich weiss aber, dass meine Arbeitskollegen/-innen durch mich für LGBT-Anliegen sensibilisiert wurden und Diskriminierung von LGBTs in den Pausengesprächen besprochen wird. Insbesondere in der Zeit, als in der Schweiz mehrere Abstimmungen zu diskriminierenden Gesetzen anstanden oder während dem Pride Monat. Ich glaube nicht, dass man sich in unserer Organisation über solche Themen Gedanken gemacht hätte, würde ich nicht offen über mein Leben als lesbische Frau sprechen und bloggen. Ja ich weiss, dass manche meiner Arbeitskolleginnen meine Blogs mit Interesse lesen. Gleich verhält es sich auch in allen weiteren meiner Lebensbereiche: Ich bin out und lebe meine lesbische Partnerschaft so selbstverständlich, wie ich früher in heterosexuellen Beziehungen gelebt habe. Mein hochgradig heterosexuelles Umfeld reagierte zu Beginn mit Neugier, manchmal auch Unsicherheit, die mit der Zeit aber immer der Offenheit wich.

Safe Spaces dank Solidarität

Damit kommen wir gleich zu einem weiteren Punkt, wie man einen Safe Space kreieren kann: Mit Solidarität.

Was mir unglaublich viel Sicherheit gibt, ist das Wissen, dass meine Arbeitskollegen/-innen, Freunde und Familie mit mir solidarisch sind. Auch wenn sie selbst heterosexuell und in keiner Weise von Diskriminierung betroffen sind, setzen sie sich für mich und die mir zustehenden Rechte ein. Sie blicken auf und reagieren, wenn frauenfeindliche oder homophobe Witze fallen. Sie sprechen sich gegen diskriminierende Gesetze und für gleichstellendes Recht aus. Und auch ich trage dazu bei, wenn ich gegen Schwule pöbelnde Jugendliche zur Rede stelle, daran erinnere, dass es auch genderneutrale Toiletten braucht oder die Adoption für homosexuelle Paare ermöglicht werden soll. Alles Themen, die mich selbst eigentlich nicht betreffen. Aber ich kenne jemanden, den es betrifft und ich setzte mich für ihn und für sie ein.

Solidarität heisst: Den Mund aufmachen und handeln, auch wenn es dich nicht direkt betrifft.
Solidarität heisst: Den Mund aufmachen und handeln, auch wenn es dich nicht direkt betrifft.

Safe Space dank Mut und Eigeninitiative

Was ist mit den Frauen, die sich in einem homophoben Umfeld outen? Die Frauen, die in ihrer Umgebung die ersten sind, die sich outen? Was ist ihr Safe Space oder ihr Rückhalt, damit sie den Schritt in die Sichtbarkeit wagen? Ich glaube, diese Frauen sind einfach sehr sehr mutig und haben irgendwo Unterstützer/-innen, auch wenn sich diese vielleicht nicht offen zeigen können. Ich denke, Netzwerke unter Frauen sind dort besonders wichtig. Und da wären wir eigentlich auch wieder bei der Solidarität. Alleine schafft es kaum eine. Aber im Wissen, dass es noch andere gibt, wird es leichter. Dank Internet und Whatsapp ist die Vernetzung heute einfacher denn je. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das Leben als Lesbe auf dem Land noch vor der Zeit des Internets war.

Es gibt auch Frauen, die Bedürfnisse wahrnehmen, die Initiative ergreifen und einen Safe Space schaffen. Beispielsweise in dem sie einen Treffpunkt für queere Frauen eröffnen, sich Frauen annehmen, denen Unrecht getan wurde, ein Frauennetzwerk gründen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen oder eine Revolution anzetteln. Und da wären wir wieder bei der Sichtbarkeit und beim Mut. All das funktioniert nur, wenn man klar Stellung bezieht.

Selbstreflexion – wo kreier(t)e ich einen Safe Space für mich und andere

Bei meinem Arbeitgeber bin ich der erste geoutete homosexuelle Mensch. Was gab mir die Kraft, mich zu outen? Es war eine Exfreundin, die mich terrorisierte und damit drohte, bei meinem Arbeitsplatz aufzutauchen und Krawall zu machen, weil ich ihr den Kontakt verweigerte. Ich wollte verhindern, dass meine Kollegen/-innen total unwissend sind, wenn es in meinem Büro zu einem Beziehungsdrama kommt. Ich habe mich geoutet, in dem ich von der Trennung und dem darauffolgenden Terror erzählte. Ich wusste, dass ich zu hundert Prozent auf den Rückhalt des Geschäftsführers und der Personalverantwortlichen zählen konnte. Das gab mir den Mut, über meine lesbische Liebe und auch die verbale Gewalt in dieser Beziehung zu sprechen. Ich zählte auch auf die Solidarität unserer mehrheitlich weiblichen Belegschaft. Ich wurde nicht enttäuscht. Es standen alle von Anfang an voll hinter mir.

Ich bin nicht allein. Sie stehen hinter mir. Das zu wissen, tat mir unendlich gut.
Ich bin nicht allein. Sie stehen hinter mir. Das zu wissen, tat mir unendlich gut.

Ich war nicht initiativ und auch nicht mutig. Ich wusste nicht mehr weiter und stand wegen meiner tobenden Ex unter enormem Druck. Ich arbeitete schon fast zwei Jahre dort und fand nie den passenden Zeitpunkt, mich zu outen. Dieses Erlebnis hat mich geprägt.

Seit dem bin ich überall geoutet, wo ich auftauche. Das heisst: Auf der Arbeit, in der Partei, an den Schulen, an denen ich mich weiterbilde(te), an allen Festen, Feiern und Anlässen, an denen ich mindestens einen halben Tag verbringe und mit anderen Gästen spreche. Im Internet bin ich dank dank Lesbian Chic und Pride Ouest 2017 für jedermann eine geoutete Lesbe.

Im März 2016 schrieb ich einen Blog über das Outing am Arbeitsplatz den ich mit den Worten „Vielleicht geht das ungute Gefühl beim Outing mal weg. Denn wie sagt man so schön? Übung macht den Meister.“ abschloss. Anschliessend einen Link zu „es wird besser“, in dem Menschen erzählen, was mit der Zeit alles besser und einfacher wird. Heute kann ich sagen: Ja, mit der Zeit wird es besser und einfacher, sich zu outen. Denn mit jedem Outing schaffte ich mir selbst einen weiteren Safe Space. In den vergangenen Jahren wuchsen diese kleinen Fetzen an sicherer Umgebung dank meinen eigenen Coming-outs und der vermehrten Sichtbarkeit von Homosexuellen in den Medien, so dass ich mich heute als Lesbe überall in der Schweiz sicher fühle.

Wenn es wirklich stimmt, dass das pure Vorhandensein einer lesbischen Frau eine sichere Umgebung für andere frauenliebende Frauen schafft, würde das bedeuten, dass ich schon ziemlich viel davon geschaffen habe. Ich hoffe, es stimmt. Es würde mich freuen, wenn nicht nur ich persönlich von meinen Outings profitiert habe, sondern auch andere.

Was ist mit euch? Wo fühlt ihr euch sicher? Wer oder was gibt euch Sicherheit?



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