Kommentar / Rezension / Kolumne

Kein Bock auf rosa, hellblau oder Karomuster

Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf ein Video, in dem Frauenzeitschriften buchstäblich auseinandergenommen werden. Jemand rupft aus Hochglanzmagazinen alle Seiten raus, die Produktewerbung darstellen. Übrig bleiben keine 20% des Inhalts. Kernaussage des Kurzfilms: Ihr zahlt für Werbung, die euch andauernd sagt, ihr wäret nicht hübsch, nicht intelligent, nicht erfolgreich und nicht liebenswert genug. Damit ihr so toll werdet wie die perfekt gefotoshopten Models, müsst ihr diese Produkte kaufen, jene Kleidung anziehen oder irgendwelche Ratschläge befolgen. Kaum ist das Video zu Ende, pocht in mir schon die Wut. Das Problem liegt nicht bei den Hochglanzmagazinen, die (jungen) Frauen das perfekte (surreale) Idealbild vermitteln. Das Problem liegt bei der ganzen Gesellschaft – bei jedem einzelnen von uns. Wären wir uns selbst nämlich gut genug, würden alle Hochglanzmagazine, Ratgeber und gut gemeinten aber unnützen Ratschläge ins Leere laufen. Aber so sind wir ja nun mal nicht. Wir wollen gefallen und passen uns bereitwillig an. Mädchen tragen rosa Schleifchen, Jungs blaue Mützen und Lesben Karohemden. Welch ein Bullshit!

 

„Fingernägel kauen schickt sich nicht als Mädchen. Das sieht nicht hübsch aus.“

„Du willst Motorrad fahren?! Aber das machen nur Mannsweiber!“

„Ih, du hast ja schmutzige Finger! Als Mädchen musst du auf deine Erscheinung achten, was sollen denn die Anderen denken?“

„Ach, du hast keinen Kinderwunsch? Das kommt noch. Jede junge Frau will irgendwann Kinder bekommen und heiraten.“

„Du bist so taff und traust dich, Vorgesetzten Paroli zu bieten! Das ist so untypisch für eine junge Frau!“

„Bist du sicher, dass du nur auf Frauen stehst? Du ziehst dich an, als möchtest du den Männern den Kopf verdrehen.“

Das ist nur eine kleine Auswahl an Dingen, die ich zwischen sechs und 26 Jahren gehört habe. Jahrelang versuchte ich den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden, damit ich meinen Platz in ihr finde. Ich las die „Mädchen“, „Cosmopolitan“, „Woman’s Health“, Knigge-Ratgeber, Sexguides und Selbsthilfebücher. Ich habe Vertrauenspersonen um Ratschläge gebeten. Ich habe Menschen beobachtet, die dort angekommen waren, wo ich hinwollte und versuchte das Geheimnis ihres Erfolgs zu ergründen. Ich verbog mich jahrelang mal hierhin und mal dorthin und versuchte, alles, was erfolgreich und liebenswert macht, unter einen Hut zu bringen. Welch ein Bullshit. Am Ende sagen dir doch alle „Sei einfach du selbst“ – der schlechteste Scherz schlechthin.

Sei einfach du selbst. Einfach? Wohl kaum.

„Sei du selbst“ oder „Hör auf dein Bauchgefühl“ ist auch oft einer meiner Ratschläge. Aber wie reagiert die Gesellschaft darauf, wenn eine Frau sie selbst ist und damit nicht in das Schema passt? In das Schema von rosa für Mädchen und hellblau für Jungs? Was ist, wenn ein Mädchen in eine Welt hineingeboren wird, der gesellschaftlicher Status mehr bedeutet als das, was es tatsächlich fähig ist, aus seinen Möglichkeiten zu machen? Was bedeutet es für das Selbstwertgefühl einer jungen Frau, wenn ihr von klein auf gesagt wurde, sie wäre zu dumm für dieses und zu schwach für jenes? Wie reagiert die Lesbenszene darauf, wenn eine Junglesbe im Kleid und mit föhnfrisierten Haaren an einer Frauenparty auftaucht? „Sei einfach du selbst“, wenn du dich damit exponierst, ist nicht gerade ein Zuckerschlecken. Wenn Frauen „Sei einfach du selbst“ gesagt wird, wird automatisch „Aber sei brav, lieb, zurückhaltend, hübsch, kinderlieb und sozial“ gleich mit gemeint. Heißt „Sei einfach du selbst“ für dich aber, „die Ellenbogen ausfahren und dich für deine Anliegen einsetzen“ wirst du garantiert irgendwann mit den Begriffen Emanze, Feministin, karrieregeile Tussi, Kampflesbe oder Ähnlichem konfrontiert werden. Stammst du aus weniger guten Verhältnissen und strebst nach anderem, als einer Neuauflage des vielleicht guten, aber für deine Ansprüche nicht befriedigenden Leben deiner Wurzeln, bist du schnell die arrogante Bitch, für die nichts gut genug ist. Bist du du selbst in der Frauenszene und passt damit nicht in das dort herrschende Bild, wirst du dich fühlen, wie ein ausgestoßener Marsmensch.

Es braucht verdammt viel Mut, man selbst zu sein, wenn man damit aus der Reihe tanzt. Denn unsere Gesellschaft und auch die queere Community ist nicht halb so tolerant wie sie tut. Sie ist nicht halb so emanzipiert, wie sie sich rühmt.

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Tue dies, sei das, aber immer schön authentisch bleiben. Ha! Ha! Ihr seid so witzig und eine echte Hilfe!

 

ECHTE Gleichstellung (zwischen ALLEN Menschen) wäre ein echter Schritt

Seit den frühen 1900er Jahren kämpfen die Frauen für Gleichstellung im Zivil- und Arbeitsrecht. Seit den 60er Jahren ist die Frauenbewegung Teil der Geschichte und hat Großes bewirkt. Aber ich finde, wir sollten noch größer denken! Ich spreche nicht nur von Gleichstellung von Mann und Frau oder Homo und Hetero. Ich finde, jede Person auf der Welt sollte machen können, was er/sie will und werden, was er/sie will, ohne schräge Blicke dafür zu ernten. Jeder sollte die selben Möglichkeiten haben, seine/ihre Träume zu verwirklichen. DAS wäre Gleichstellung. DAS wäre ein echter Schritt für die Menschheit. Ich bin nicht für Anarchie oder Amnestie für Straftaten. Aber solange ich mit meinem Tun und Sein niemandem schade, sollte ich mich doch ausleben dürfen, ohne mit schrägen Blicken, doofen Kommentaren oder Ausgrenzungen konfrontiert zu werden, oder nicht? Schliesslich soll ich ja mich selbst bleiben, oder etwa doch nicht?

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Reese Witherspoon als Elle Woods in „Legally Blonde“. Eine Klischee-Tussi par excellence aber sie bleibt sich treu

Frauenkämpfe, Männerkämpfe, Pride… und was tust du?

Frauengruppen haben uns in den vergangenen hundert Jahren die Unabhängigkeit von den (Ehe)Männern erkämpft. Sie haben für uns das Wahl- und Stimmrecht erkämpft. Sie haben für uns Bildung erkämpft. Für gleiche Löhne bei gleicher Arbeit von Männern und Frauen kämpfen sie noch.

LGBT*-Organisationen – insbesondere Schwulenvereinigungen -, erkämpften sich Respekt und Anerkennung unserer Lebensform. Homosexualität wird nicht mehr als Krankheit geführt. Homosexuelle werden hierzulande weder ins Gefängnis, noch in die Klapse gesteckt. Sie können heute sogar ihre Partnerschaft eintragen und das leibliche Kind ihrer/s Partner/-in adoptieren. Für die Gleichstellung von Homo- und Heteropartnerschaften kämpfen sie noch.

Und was machen du und ich? Tun wir mehr, als unser Profilbild auf Facebook anpassen, wenn „Internationaler XY-Tag“ ist? Sind unsere Aktionen größer, als Tweets von Ellen DeGeneres zu retweeten? Wir hängen während der Pride-Zeit eine Regenbogenflagge vor den Balkon und gehen eventuell abstimmen. Und sonst so?

 

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Und wenn wir uns einfach trauen würden?

Was wäre, wenn wir wirklich alle so sein würden, wie wir sein wollen? Wenn wir wirklich das tun würden, was wir von Herzen wollten? Ganz egal was die Cosmopolitan, L-Mag, Oma oder sonstwer uns rät? Was wäre, wenn wir unserem kleinen Patenmädchen zu Weihnachten einen ferngesteuerten Bagger schenken, weil sie immer an der Baustelle um die Ecke stehenbleibt und den Arbeitern zuschaut? Was wäre, wenn wir uns den Traumjob einfach zutrauen und uns bewerben? Was wäre, wenn uns völlig egal ist, was die Gesellschaft uns zutraut und was nicht? Was wäre, wenn wir Kleidung tragen, die uns gefällt und nicht die, die unsere „Problemzonen“ am besten kaschiert?  Was wäre, wenn wir einen großen Haufen auf die Erwartungen sch*** und einfach unser Ding machen?

Sei DU!

Ich glaube, wir würden zu Vorbildern werden. Ich wage nicht zu behaupten, dass dadurch die Hochglanzwerbung der Designer ihe Wirkung künftig komplett verfehlt. Aber neben den surrealen perfekt gefotoshopten Models gäbe es eben greifbare Vorbilder, die zeigen, dass man weder porentief reine Pfirsichhaut noch 90-60-90 braucht, um ein toller Mensch zu sein. Würden wir unser Ding einfach durchziehen, wären wir eine Inspiration für Andere, sich über ihre persönlichen Wünsche im Klaren zu werden. Wir würden sie ermutigen, in kleinen Schritten ihre Vorstellungen und Wünsche umzusetzen, anstelle denen der Gesellschaft zu folgen. Vielleicht würden wir sie auch ermutigen, einen Riesenschritt zu wagen.

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Wenn ich Hand in Hand mit meiner Freundin durch die Straßen gehe, wird sich vielleicht ein Mädchen bewusst, dass es für sie nicht nur die Option „Traummann“ gibt. Oder es ermutigt jemanden zum persönlichen Coming-Out. Kommunizierst du deine Karrierewünsche klar und gehst deinen Berufsweg, auch wenn er frauen-untypisch ist, bist du der lebende Beweis für die Schülerin, dass sie später jeden Beruf erlernen kann, den sie will. Du zeigst den Männern dort aber auch, dass es Frauen genau so gut machen. Gehen Femmes in Kleidern, engen Jeans und hohen Schuhen an eine Frauenparty, ermutigen sie vielleicht andere Frauen, beim nächsten Mal die Turnschuhe im Schrank zu lassen. Sie zeigen aber auch allen, dass die lesbische Gemeinschaft mehr zu bieten hat, als die Klischees Karohemd und Undercut.

Ich glaube, würden wir alle einfach unser Ding durchziehen, könnten wir die Welt zu einem besseren Ort machen. Genauso wie der kleine Trevor im Film „Das Glücksprinzip“. Menschen, die den Mut haben, sich von sturen Ansichten und Konventionen zu lösen, würden unsere Welt zu einem bunteren, vielfältigeren und offeneren Ort machen. Auf was warten wir eigentlich noch?! Bleiben wir einfach uns selbst!

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Trevor’s Theorie für die Erschaffung einer glücklichen Welt: Ich mache drei Menschen glücklich und diese drei machen wiederum drei andere Menschen glücklich. So gibt es schon neun glückliche Menschen, die alle wiederum je drei neue Menschen glücklich machen. Und so geht es immer weiter, bis alle Menschen dieser Welt glücklich sind. Rührender Film.


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