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Buchrezension: „Die Frau aus einem Guss“

Vor kurzem erreichte die Redaktion eine E-Mail von Martha Neuer, einer Schriftstellerin, die uns ihren neuen Roman „Die Frau aus einem Guss“ vorstellte. Da ich sämtliche Arten von Literatur liebe und es immer wieder spannend finde, neue Autoren und Geschichten zu entdecken, zögerte ich nicht lange und nahm das Buch zur Hand. Wie es mir gefallen hat, möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Ob es vielleicht auch etwas für eure Sammlung lesbischer Romane wäre, erfahrt ihr an dieser Stelle im Rahmen meiner Rezension.

Die Autorin

Martha Neuer, Jahrgang 1964, erlebte Anfang 2015 ein spätes Coming-Out. Wenn sie heute daran zurückdenkt, dann beschreibt sie es als ein Erlebnis voller Höhen und Tiefen und begreift die damit einhergehende Erkenntnis als großes Glück und tiefe Qual zugleich. Zudem weckte es ihre Kreativität und brachte sie zu dem Entschluss, ihrer eigenen Lebensgeschichte auf den Grund zu gehen und sie neu zu erleben. Die Idee zum teilweise autobiographischen Roman „Die Frau aus einem Guss“ war geboren. „Ich hoffe, es ist auch für Sie ein Geschenk, mit meiner Heldin Alwina zu lachen, zu weinen und ihren Zwiespalt zu spüren“, schreibt die Autorin auf ihrer Website.

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Die Autorin

Der Inhalt

„Die Frau aus einem Guss“ erschien am 1. September 2016 bei epubli und umfasst kompakte 156 Seiten. Im Mittelpunkt der Handlung steht Alwina, eine Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei. Man begleitet sie auf ihrem gesamten Lebensweg, lernt sie als Kleinkind kennen, erlebt ihre Schul- und Jugendzeit sowie das Studium mit und wird durch viele Jahre ihres Erwachsenenlebens geführt. Schließlich wird Alwina, mittlerweile etabliert im anwaltlichen Berufsleben, seit einiger Zeit von innerer Unruhe und körperlichen Schmerzen heimgesucht. Als sie sich einem Arzt anvertraut, erhält sie eine niederschmetternde Diagnose: Depressionen. Wie das sein kann, kann sie sich nicht erklären. Sie beschließt, ihre Lebenslust zu suchen und begibt sich auf eine lange Reise zu sich selbst, an deren Ende sie ihre Liebe zu Frauen entdeckt. Ihr Leben lang kämpft sie einen Kampf gegen Konventionen, innere wie gesellschaftliche Grenzen und Zwänge. Ob sie siegreich aus diesem Kampf hervorgeht und ihr persönliches Glück findet, müsst ihr selbst herausfinden.

Beim Lesen sind mir ein paar Fragen über und an die Autorin in den Sinn gekommen, die sie mir dankenswerterweise beantwortet hat:

Wie viel von Ihnen steckt in Alwina und wie viel von Alwina steckt in Ihnen?
Alwina ist eine Kunstfigur, die ich erfunden habe, um meiner Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen. Manches in dem Roman hat sich so oder so ähnlich ereignet. Mir ging es jedoch weniger um eine Autobiografie, sondern darum, zu beschreiben und zu verstehen, warum ich so lange meine Liebe zu Frauen nicht gelebt habe.

Wie würden Sie Alwina mit drei Worten beschreiben?
Sensibel, zwiespältig und mutig.

Was brachte Sie zu dem Entschluss, „Die Frau aus einem Guss“ zu schreiben?
Mein spätes Coming-Out und meine lang verdrängte Liebe zu Frauen. Ich musste einfach darüber schreiben.

Haben Sie privat Ihr Glück gefunden, so wie Alwina hoffentlich am Ende des Romans?
Ich lerne gerade eine tolle Frau kennen. Sie dürfen die Daumen drücken :)

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Mein Eindruck von „Die Frau aus einem Guss“

Ein Roman mit Stärken und Schwächen. Beleuchtet wird der gesamte Lebensweg Alwinas, vom Vorschul- bis hin ins Erwachsenenalter. Die Autorin stößt einen mitten hinein in einen Strudel aus unterschiedlichsten Zeitabschnitten und Erlebnissen. Ganz schön viel, was sich da abspielt auf diesen 156 Seiten. Dem limitierten Format ist es wohl geschuldet, dass die geschilderten Ereignisse, Begegnungen und Situationen stets nur Momentaufnahmen bleiben, eine atemlose Reise durch die Zeit. Das kann gefallen, muss aber nicht. Ich persönlich mag Romane mit großer Liebe zum Detail, in denen viel Raum für Beschreibungen geschaffen wird. Dies lässt „Die Frau aus einem Guss“ für meinen Geschmack etwas vermissen. In rasantem Tempo wird zwischen den Settings gewechselt, zu abrupt beginnen und enden die Dialoge. Dadurch wird man immer mal wieder etwas verwirrt zurückgelassen. Freunde und Liebschaften schießen nur so aus dem Boden und verschwinden wieder, ehe man die Möglichkeit hatte, sie näher kennenzulernen. Einzig an Alwinas Jugendfreundin und wohl auch erste große Schwärmerei, Gundi, erinnert man sich gerne und ohne langes Nachdenken.

Alwina, die Protagonistin, ist eine sehr zielstrebige und reflektierte Frau, die sich Zeit ihres Lebens mit sich selbst und ihren Gefühlen auseinandersetzt. Dennoch braucht sie viele Jahre, um sich ihrer Liebe zu Frauen bewusst zu werden. Ab und an will man sie schütteln, zeigt sie sich doch oft außerstande, ihre Gefühle und Erlebnisse in der so klar scheinenden Richtung zu deuten. Martha Neuer selbst sagt über ihr Buch: „Die Leserin soll mit meiner Heldin Alwina lachen, weinen, ihren Zwiespalt zu spüren und über ihre eigenen Erfahrungen nachdenken können“. Und das tut man. Alwina, die ab und an zwar allzu lenkbar und naiv erscheint, ist, mit all ihren Widersprüchlichkeiten und inneren Kämpfen, eine Romanheldin, die im Gedächtnis bleibt.

Fazit

„Die Frau aus einem Guss“ ist ein kurzweiliger Roman, der es schafft, die Leserin zum Reflektieren ihres eigenen Coming-Out-Prozesses zu bringen. Wer Interesse an den Lebenswegen und den Selbstfindungsprozessen anderer lesbischer Frauen hat, darüber hinaus aber Abstriche in Sachen Detailverliebtheit und Umfang machen kann, dem wird das Buch gefallen.

Interesse geweckt? „Die Frau aus einem Guss“ von Martha Neuer ist als Taschenbuch (9,99 €) und als eBook (3,49 €) erhältlich auf Amazon.

Weiterhin wird die Autorin während der Leipziger Buchmesse (23. – 26. März 2017) am Stand D 302/Halle 5 zu finden sein.  Zudem findet im Rahmen dessen am 24. März 2017 eine Lesung statt: 16:30 Uhr Leseinsel Autorengemeinschaftspräsentation: Halle 5, D430.



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