Lifestyle & Beauty

Androgynie: Ein anziehendes Wechselspiel

Spricht frau von einem androgynen Menschen, so lässt sich dessen Geschlecht auf den ersten Blick
nicht eindeutig zuordnen. Grund dafür kann das Aussehen, die Ausstrahlung oder der Kleidungsstil sein.
Dies kann zu Konflikten führen, aber auch zu einer ganz anderen Art der Wahrnehmung. In der heutigen Zeit
suchen vor allem junge Menschen nach ihrer Identität und streben danach, sich selbst zu verwirklichen.
Das Spiel mit der Androgynie kann uns helfen, unsere männlichen und weiblichen Facetten besser kennen
zu lernen und uns selbst neu zu entdecken. Ferner bleibt der Gedanke ob, der androgyne Lifestyle die
neue Freiheit des 21. Jahrhunderts ist oder ob er bereits zuvor eine relevante Rolle spielte.

© Andrea Sömmer

Der ultimative Mensch?
Eine Frau, die als androgyn bezeichnet wird, hat männliche oder auch maskuline Merkmale in ihrem Aussehen. Das kann zum Beispiel ein markantes oder grob konturiges Gesicht sein. Ihr Körperbau ist geradlinig. Frau spricht oft von einer „knabenhaften“ Erscheinung. Das mag auch daran liegen, dass die Brust meist flach ist. Wenn frau den Begriff ‚androgyn‘ oder ‚Androgynie‘ in die Internetsuchmaschine eingibt, dann werden oft Bilder und Videos über Transgender gezeigt. Es ist richtig, dass Transgender auch androgyne Merkmale aufweisen. Jedoch bedeutet Androgynie nicht, dass der Wunsch besteht, die morphologischen Geschlechtsmerkmale komplett ins Gegenteil zu verändern. Das Wort beschreibt die schwierige bis unmögliche Zuordnung zu dem typischen Erscheinungsbild einer Frau oder dem eines Mannes und ist daher geschlechtsneutral. In der Dokumentation Androgyn: Nicht Mann, nicht Frau?, welche auf SpiegelTV ausgestrahlt wurde, wird von einer Verschmelzung beider Geschlechtsmerkmale gesprochen. So gesehen, wäre ein androgyner Mensch, ein Wesen mit äußerlich Geschlechts-Merkmalen und für manche der ultimative Mensch, der je nach Lust und Laune in verschiedene gesellschaftliche Rollenbilder schlüpfen kann.

Androgynie ist anders
Auch wenn die heutige Gesellschaft von sich behauptet, offen und aufgeklärt zu sein, so gibt es trotzdem feste Schemata, was als „männlich“ und was als „weiblich“ angesehen wird. Ein Mensch, welchen frau als androgyn beschreibt, vereint weibliche und männliche Eigenschaften, zum Beispiel im Aussehen. Es gibt zwar auch Ausnahmen, aber meist werden Menschen anhand ihres äußerlichen Geschlechts von klein auf nach von ihren Eltern, aber auch von den Mitmenschen nach den kulturell gängigen „männlichen“ oder „weiblichen“ Rollenvorstellungen erzogen. Für die meisten Menschen sind erwachsene Frauen also generell als „weiblich“ anzusehen und Männer als „männlich“. Das hört sich jetzt ziemlich platt und simple an, aber so denken noch heute die meisten Menschen. Diese Denkmuster und der ständige Versuch einer zweigeteilten Zuordnung in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ wird bereits in frühster Kindheit geprägt. Rollenschemata werden uns von außen aufgezwungen, ohne dass wir uns zunächst dagegen wehren oder bewusst darüber nachdenken können. Erinnert ihr euch zum Beispiel noch an die Zeit im Sandkasten, als es darum ging, die Rollen beim Vater-Mutter-Kind-Spiel zu verteilen? Wenn ein Mädchen den Vater spielen wollte, dann zogen einige Spielkammeraden schon irritiert die Augenbraue hoch und quakten mit kindlicher Stimme „ Das geht gar nicht! Du musst die Mutter spielen!“ Oder auch, wenn es um Kleidung ging, wurden Mädchen, welche Klamotten für Jungen trugen oft von Gleichaltrigen schief angeschaut. Dabei kann ich nur aus eigener Erfahrung sprechen, dass es einfach praktischer und vor allem unfallfreier war, mit einer Hose durch den Wald zu rennen, als mit einem Kleid.

© Andrea Sömmer

Auch in und auch nach der Pubertät haben junge, androgyne Frauen mit dem Problem der klaren Zuordnung
zu kämpfen. Schon kurze Haare scheinen manchmal eine so starke Verwirrung auszulösen, dass es auf
öffentlichen Toiletten zu unangenehmen Szenen kommen kann. Eine Freundin, welche nicht einmal
eindeutig als androgyn beschrieben werden kann, war mit mir in einem schicken Club unterwegs.
Als sie mir ihren Drink in die Hand drückte, verließ sie mich mit den Worten „Ich geh mich mal kurz
frisch machen“. Nach zwanzig Minuten kam sie leicht errötet wieder. Sie erzählte mir, dass sie einige
junge Frauen partout nicht in die Damentoilette lassen wollten und eine Diskussion über ihr Aussehen
anfingen. Sie trug kaum Makeup und die kurzen Haare hatte sie nach hinten gegelt. Was allerdings wohl
eindeutig zum Verwirrspiel beitrug war ihr schwarzes Männerhemd und die enganliegende Jeans, welche
keine sofortige weibliche Klassifizierung zuließ. Kurzgesagt, sie sah zwar eigentlich verdammt gut aus,
aber wohl zu irritierend für die unbedarften Frauen in der Damentoilette. Nachdem sie sich beruhigt hatte,
witzelten wir, dass sie das nächste Mal vielleicht gleich ihr Hemd öffnen und ihnen einen Blick auf die unmissverständlichen, natürlichen Gegebenheiten gewähren sollte.

© Andrea Sömmer

Der androgyne Look
Auch ein Kleidungsstil kann als androgyn bezeichnet werden. In den 20er Jahren wurde der sogenannte
Garçonne-Look durch Frauen wie Coco Chanel berühmt. Das Wort garçon kommt aus dem Französischen
und bedeutet ‚Junge‘. Es wird allerdings mit einer femininen Endsilbe geschrieben. Damals stattete die Modedesignerin Frauen mit Männerhosen, Kostümen und Westen aus und verlieh Schauspielerinnen
wie Audrey Hepburn ihren weltbekannten androgynen Touch.
In der heutigen Modewelt kann frau den androgynen Look nicht mehr übersehen. Frauen mit kantigen
Gesichtern und kurzen Haaren, welche kess in Hosenanzügen und in Männerboxershorts auf dem Laufsteg
posieren sind keine Seltenheit mehr. Männer- und Frauen-Models, welche in ihrem Aussehen männliche
und weibliche Merkmale aufweisen, erobern die Modemagazine. Das besondere an dem Look ist, dass er
etwas Verwegenes und Unabhängiges aus strahlt. Die Frau steht gesellschaftlich vor allem in der
westlichen Kultur nicht mehr hinter dem Mann, sondern idealerweise neben ihm.
Eine androgyne Erscheinung in der Modewelt ist beispielsweise Jana Knauerová. Durch ihr kantiges
Gesicht, den buschigen Augenbrauen und der schmalen Figur macht sie nicht nur als Frau Eindruck.
Das tschechische Model wird von der Internetseite nymag.com als rising star betitelt
und viele bekannte Modelabels haben sie seit ihrer Entdeckung 2005 gebucht.

Das Wechselspiel zwischen männlich und weiblich wird folglich schon lange als anziehend in der Modewelt empfunden und hilft dabei, das gesellschaftlich noch immer vorherrschende dichotome Schubladen-Denken aufzulockern. Dabei müsste die selbstbewusste, Klischee-Frau von heute es doch einfach mal von einer ganz anderen Seite sehen: Die Auswahl Männer- oder Frauenkleidung zu tragen, mal dieses oder jenes Rollenbild zu leben bedeutet Vielfalt, Selbsterfahrung und Freiheit. Es bedeutet sich und andere neu zu erleben, andere Sichtweisen zu erfahren und somit neue Welten für sich zu entdecken.

 

 



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5 Comments

  1. 7. September 2014 at 23:34

    @ Katrin
    Such einfach mal nach Budapester/Brogues. Gibt es auch für Frauen, da 38 eher eine Sondergröße bei Männern ist, oder?

  2. Helene
    29. August 2014 at 8:20

    zt auch durch glücksgriffe bei g-star raw, oder zalando. dort findet man tatsächlich auch solche schuhe. oder navyboot. oder relfex shoes in basel.

  3. Maria
    28. August 2014 at 16:19

    Jil Sander hat solche auch in der Kollektion. Ach, selbst lesbisch und leitet das Unternehmen gar nicht mehr.

  4. Carla
    26. August 2014 at 15:41

    Schau doch mal bei Benci Brothers (zwar nicht ganz günstig), aber die haben viele Schuhe aktuell im ‚Herren‘-Style unter den Damenmodellen…

  5. Katrin
    25. August 2014 at 16:42

    Schon lange möchte ich mir Männerschuhe kaufen, so edle, glänzende Halbschuhe. In den Schuhläden beginnen die Männergrössen jedoch immer erst bei Grösse 40, ich brauche aber eine 38. Hat jemand einen Tipp, wo ich welche finden könnte?

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