Kommentar / Rezension / Kolumne

Alpenfrauen von Daniela Schenk – Rezension

Zugegeben, das Buch beginnt heftig. Beschrieben wird, wie bei einem Aufprall Hirnmasse aus einem Schädel austritt und wie eine junge Frau in der Jauchegrube erstickt. Nichts für schwache Nerven.

Alpenfrauen ist der zweite Kriminalroman von Daniela Schenk, in dem ihre Detektivin April Pallas (ja, der Name hat mich bei jedem Lesen an „Phallus“ erinnert und ich frage mich, ob die Autorin das absichtlich gemacht hat) einen Fall löst. Es wurde Anfang 2017 im Ulrike Helmer Verlag herausgegeben, lag nun sicher schon ein halbes Jahr bei mir im Bücherregal und wurde nun endlich, endlich gelesen.

 

Schon lange habe ich kein solches Buch mehr gelesen. Ein Buch, das sich anfühlt, als würde mir meine Mutter eine Gutenachtgeschichte erzählen. Nicht, dass die Geschichte etwas für Kinder und süsse Träume wäre. Nein, das möchte ich nicht behaupten. Es ist eher so, dass die Schweizerin Daniela Schenk schreibt, wie eine gute Geschichtenerzählerin Geschichten erzählt. Als Leserin erlebt man die Abenteuer von April Pallas, ihren Freundinnen, Komplizen und Kontrahenten wie durch ein Fenster. Die Autorin erklärt bereitwillig und mit viel Witz schweizerdeutsche Redewendungen und Brauchtum (beispielsweise dass „Schwinger“ und „Swinger“ nur enternt etwas gemeinsam haben), Gefühlslagen ihrer Protagonistinnen oder Hintergründe, die auf dem Vorgängerroman „Knarrenfrauen“ aufbauen.

Das sind Schwinger. Schwingen ist ein Sport, der dem Ringen ähnelt. Schweizer Brauchtum at it's finest.
Das sind Schwinger. Schwingen ist ein Sport, der dem Ringen ähnelt. Schweizer Brauchtum at it’s finest.

Die Story

Eins vorneweg: Ich werde nicht verraten, wer der/die Mörder/-in ist/sind oder ob die Todesfälle vielleicht einfach nur Unfälle waren. Das müsst ihr schon selber lesen.

April Pallas, Privatdetektivin, vergnügt sich am Anfang des Buches gerade mit ihrer Freundin. Die Meisterdiebin lernte sie bei ihrem letzten Fall (Buch „Knarrenfrauen“) kennen und begehren. Die zwei liebestollen Lesben vergnügen sich eigentlich dauernd miteinander… Zumindest solange, bis sich April Pallas, rein beruflich, mit einer gewissen Evi vergnügt. Dann ist es erstmal aus mit der heissen Liebesbeziehung zwischen Detektivin und Diebin. Aber der Reihe nach.

April Pallas fährt Motorrad, ist schusselig, schokoriegelsüchtig, hat einen unwiderstehlichen Charme ist ein Glückskind und Kung Fu Meisterin. Sie ist nachlässig und faul, wenn ihr nicht gerade jemand in den Hintern tritt oder sie an einem heissen Fall dran ist (oder an einem heissen Girl). Ohne Feingefühl und mit unmöglichen Manieren tritt sie ihrer neuen Auftraggeberin gegenüber, die sie bittet, die Todesfälle von vier Frauen aus einem Frauenverein im Berner Oberland aufzuklären. Missmutig und nur dank Arschtritt ihrer Freundin Lou (die liebestolle Meisterdiebin) nimmt sie den Auftrag an. Nicht ohne ein unverschämtes Honorar zu verlangen.

Da Aprils Freundin Rösli mit der im letzten Roman geretteten Consuela (ja echt, das sind die Namen der Protagonistinnen. Multikulti par excellence!) im Ort des Geschehens lebt, zieht April mit ihrer Buell (das ist eine Motorradmarke) kurzerhand dorthin. Sie tritt dem Frauenverein bei und lernt allerlei Gretis, Hedis, Marlises, Marinas, Evis und dergleichen kennen. Ja, auch das sind Namen. Zugegeben eher altertümliche. Ausser vielleicht Marina. Aber Marina stammt ursprünglich ja auch aus Bosnien und nicht aus dem Berner Oberland. Aber das ist ein anderer Teil der Geschichte. Wie dem auch sei: Um nicht aufzufallen, erzählt April den Frauenvereinsfrauen, sie würde ein Buch über Hexen und Kräuterkundige aus der Region schreiben. Diese Deckung konnte der Schussel nicht wirklich lange aufrecht erhalten.

Mit Hilfe von ihrer diebischen und computerknackenden Freundinnen, einem pensionierten Polizisten, ihrem unglaublichen Charme und Fingerfertigkeit im Bett sowie dem ein oder anderen glücklichen oder auch unglücklichen Zufall kommt April Pallas im Laufe der ersten 250 Seiten den verworrenen Beziehungen und Fehden im beschaulichen Berner Oberländer Dorf auf die Schliche. Als ihre Freundin April auf die Schliche kommt, dass sie mit einer anderen geschlafenf hat, ist die Mörderjagd nur noch ein Problem von mehreren. Denn nun versucht sie auch noch, ihre Beziehung mithilfe von reichlich Schnapps zu vergessen, dann zu retten und zu allem dazu, will sie auch noch die Mutter ihrer nun Exfreundin (die wuchs nämlich im Waisenhaus auf) ausfindig machen. Zu fast guter Letzt wird auch noch ein Mordanschlag auf April verübt und sie droht im kalten Fluss zu ertrinken.

Der Bahnhof Zweisimmen. Hier holt sich April Pallas während ihren Ermittlungen ihre tägliche Ration Schokoriegel.
Der Bahnhof Zweisimmen. Hier holt sich April Pallas während ihren Ermittlungen ihre tägliche Ration Schokoriegel.

Leseempfehlung

Wer Jackie Chan-Filme mag, wird auch dieses Buch gerne lesen. Tollpatschig und doch mit dem richtigen Riecher hangelt sich April Pallas durch die 300 Seiten und entwirrt Stück für Stück die Beziehungen und Intrigen im beschaulichen Zweisimmen. Als Schweizerin, Bernerin und Motorradfahrerin hat es mir besonders Spass gemacht, April durch die Geschichte zu folgen. Ich kannte alle Schauplätze, bin die Strecken selbst unzählige Male mit dem Motorrad gefahren und musste immer mal wieder schallend lachen, weil Daniela Schenk Alltagszenen von Lesben, Bikerinnen , SchweizerInnen, BerglerInnen und StädterInnen so typisch beschreibt. Beispielsweise kann man nur als Bikerin nachfühlen, wie es ist, im März mit dem Motorrad von Bern nach Zweisimmen zu fahren. Wenn Daniela Schenk beschreibt, wie die „Easyrider“ zu „eisigen Ridern werden und vor Röslis Bauernhaus wie Bretter von den Sätteln rutschten“ weiss ich genau, welches Bild steifgefrorene Motorradfahrer abgeben, die rumstaksen und vorallem auch, wie es sich anfühlt, mit gefrorenem Hintern und klammen Fingern vom Motorrad zu steigen!

Ich habe das Buch in drei Abenden gelesen und wurde dabei bestens Unterhalten. Es war spannend und kurzweilig; aber nicht zum Zerreissen spannend. Unterhaltsam. Das beschreibt das Buch am Besten. Daniela Schenk liebt Ironie und schwarzen Humor, das ist klar. Und darum muss April Pallas auch ins ein oder andere Fettnäpfchen treten. „Alpenfrauen“ verkürzt die langen dunklen Abende auf dem Sofa oder die Pendlerzeit im Zug zur Arbeit. Jeder, die gerne Krimis liest, dabei aber nicht nur auf die Folter gespannt, sondern auch regelmässig herzlich erheitert werden möchte, kann ich „Alpenfrauen“ empfehlen.

Daniela Schenk
Daniela Schenk

Die Autorin

(kopiert von ihrer Website)

Ich wurde geboren, da bin ich mir sicher, und wuchs eingeklemmt zwischen zwei Geschwistern als Salami auf.

Ich ging gerne in die Schule – erst im Gymnasium nicht mehr so. Und anstatt in Discos zu gehen, warf ich mich der Esoterik an die Brust. Nach der Matur Ausbildung zur astrologisch-psychogischen Beraterin. Mit meiner Deuterei stellte ich Freundschaften auf harte Proben.

Nachdem mir ein Bus über die Beine geholpert war, wurde ich unesoterisch wein-weib-und-gesanglich: Engagierte mich im Frauenraum der Reitschule Bern, legte Musik auf und Frauen flach (letzteres jedenfalls in meinen kühnsten Träumen).

Tolles Journalistikstudium und die Erkenntnis, dass ich zur Journalistin nicht tauge. Machte trotzdem einen Ausflug in ein Fernsehstudio, danach Texterin in Werbeagentur.

Nach Krankheit landete ich im Buchhandel und blieb dort elf Jahre – die ersten sechs Jahre in der Filiale im Kunstmuseum Bern. Heute unterrichte ich an der Buchhandelsschule Recherche und Bibliografieren und arbeite als Mädchen für vieles in einer sozialpädagogischen Stiftung.

Ich mag Blut- und Leberwürste – nur leider liegen sie mir mit zunehmendem Alter zunehmend schwerer auf.

Ich kann gut Ski fahren – nur wird es mir zunehmend schwindliger dabei (jedenfalls beim Carving).

Ich habe eine Katze – denn eine waschechte Lesbe hat eine Katze – oder einen Hund, eine Schildkröte, Spinnen in der Zimmerecke oder gar nichts. Ich habe mich für eine Katze entschieden, weil sie alleine spazieren geht, nicht so alt wie eine Schildkröte wird, kuscheliger als Spinnen und mehr als gar nichts ist.



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