Zunächst sei erwähnt: wäre es eine alltägliche, ständig präsente Situation, dann würde all meine Verliebtheit, all meine Zuneigung, all mein Verstand nicht dabei helfen, bei ihr zu bleiben. Als Nächstes sei erwähnt, dass nicht sie an diesen Situationen Schuld ist. Aber nun ohne weitere Entschuldigungen oder Vorwarnungen zu meiner Situation.

Zumeist wenn sie und ich mal grade nicht mit einander schreiben, sprechen oder bei einander sind, nutzt mein eigenartiges, inneres Monster die Chance, um meine mentale Bühne zu betreten. Es sieht mich an, mustert mich von Kopf bis Fuss, und sagt nur fünf Worte: „Als ob, Susanne, als ob.“ Was dahinter steht? Ein „Als ob du in der Lage wärst, sie glücklich zu machen“, ein „Als ob du sie nicht früher oder später völlig zerstören wirst“, ein „Als ob du überhaupt in der Lage wärst, dich einem Menschen zu öffnen“, ein „Als ob du lieben könntest“, ein „Als ob du Bindungen ertragen könntest“, ein „Als ob du das WIRKLICH wolltest“.

Am liebsten würde ich sofort schreiend im Kreis herumrennen, mich dezent alkoholisieren, dann feiern gehen, und alles anflirten, was rumläuft. Am liebsten würde ich mir beweisen, dass ich noch frei bin, dass ich nicht gebunden bin, dass ich nicht in einem goldenen Käfig stecke, dass ich noch immer die Kalte bin. Dass ich mich in meinen Eisblock eingefroren hab, um ja niemandem zu nah zu kommen. Dass die Emotionswelten Anderer vor mir sicher sind, und ich, zum Schutz Anderer, nicht frei-emotional „draussen“ rumlaufe.

Und dann sitze ich da, stelle fest und spreche zu mir selbst: „Susanne, du hast aber eben beschlossen, das Risiko einzugehen.“ Und dann wird es meistens noch schlimmer, weil ich mir selbst vorwerfe, dass ich das Glück meines Herzmädchens grobfahrlässig aufs Spiel setze. Und dann will ich gehen. Nach Alaska. Oder Grönland. Oder in die mongolischen Wüsten. Und dann liege ich auf meinem Bett, starre meine Raufasertapete an, und denke „wie zur Hölle komme ich da wieder raus?“. Meistens dreht sich das dann so sehr und so schnell im Kreis, dass ich auf wahnsinnige Ideen komme, die nirgendwo stehen sollten, da ich sonst auf dem schnellsten Wege ein weisses Jäckchen verpasst bekäme. Was tue ich also, anstatt in irgendeiner Form Amok zu laufen?

Ich betrachte ein Schnabeltierfoto. Okay, bevor jetzt die weissen Jäckchen doch gezückt werden, möchte ich mich erklären: Wie das alles zwischen ihr und mir anfing, aus einer losen „mit-Dir-kann-ich-gut-reden-Bekanntschaft“ heraus, wünschte sie mir eines Abends nach einem Chat „Gute Nacht“ und dann, dass ich was schönes träumen soll. Von Einhörnern oder so. Ich antwortete darauf nur, dass ich mehr so die Schnabeltier-Fraktion sei. Bin ich wirklich. Kein Witz. Warum, fragt Ihr euch? Hallo, sie haben Schnäbel, legen Eier und sind trotzdem Säugetiere! Sie sind die besten Beispiele von „eure Schubladen können mich mal kreuzweise!“.

Jedenfalls am nächsten Tag besuchte ich Facebook und fand auf meiner Pinnwand ein Foto vor. Es zeigte ein Babyschnabeltier, so klein, dass es genau in eine menschliche Handfläche passte. Rein optisch schon ein Overkill an Niedlichkeit. Aber sie hatte nicht nur wahrgenommen, dass ich Team Schnabeltier bin, sondern sich auch noch irgendwie die Mühe gemacht, mir dieses Bild zukommen zu lassen. Und es erinnert mich einfach daran, dass sie mir zuhört, egal, wie verrückt ich bin, und dann auch noch intuitiv aufnimmt, was ich mit meinem verwirrten Wortschwall eigentlich sagen will. Wer wäre ich, von einem Mädchen wegzugehen, das versteht, was ich sagen will, wenn mir die Worte fehlen, und ich trotzdem rede?