Dieses Wochenende kommt unsere CSD-Termin-Übersicht. Bis dahin habe ich schon mal in Erinnerungen an vergangene CSDs geschwelgt und festgestellt, dass es so ein paar stereotypische Besucherinnen gibt, denen ich mich im folgenden 5+1 widmen werde…

1. Die Dezente

So ist sie: Sie versteht sich als Frauenliebende und versteckt das auch nicht zwingend – aber wirklich erzählen, will sie es auch nicht. Das muss man doch sehen. Hallo, wozu hat Frau denn ein Gaydar? Im CSD-Gewimmel verzichtet sie darauf, sich besonders hervorzuheben. Sie schreit keine Parolen und wirft keine Bonbons. Überhaupt kann Frau hinterher nicht mit Sicherheit sagen, ob die Dezente überhaupt dabei war.

Ihr Vorteil: Sie ist nicht völlig betrunken, passt auf ihre Umgebung auf, und könnte zusammenhängende, sinnvolle Antworten auf Fragen zum CSD geben.

Ihr Nachteil: Sie wird im CSD-Trubel leicht für eine solidarische Hete gehalten.

Das trägt sie: Regenbogenschnürsenkel oder vielleicht ein Armband mit zwei Weiblichkeitsanhängern.

Ihr Satz: „Man kann‘s auch übertreiben…“

2. Die Fesche

So ist sie: Up-To-Date, ohne Frage! Stilsicher weiss die Fesche aktuelle Modetrends mit Szenehinweisen zu kombinieren, um so hübsch von einem Wägelchen zu winken. Denn, ohne Frage, CSD ist sehen und vor allem gesehen werden. Schliesslich ist sie Frau und muss zeigen, was für angesagte Sachen es mit Regenbogenmuster gibt! Sie wirft Bonbons, aber vorsichtig, denn die Fingernägel sind ein Kunstwerk.

Ihr Vorteil: Ihr schwuler BFF hat genug Sekt für einen tollen Tag dabei und sie wird ständig angesprochen, weil sie so weiblich, hübsch und stilvoll betrunken ist. Oh, und sie weiss, welche Farben die Regenbogenflagge hat.

Ihr Nachteil: Sie verlässt das Haus auf GAR KEINEN FALL, wenn sie einen Bad-Hair-Day hat. Oder wenn es regnet. Oder die Schuhe nicht zu ihrer Lidschattenfarbe passen. Oder ihre künstlichen Wimpern nicht richtig halten.

Das trägt sie: Dieses Jahr? Lippentattoos und Lidschatten im Rainbow-Style, dazu ein hübsches, einfarbiges Kleid (Fesche will ja auch nicht übertreiben) und Highheels.

Ihr Satz: „Du weisst schon, dass DAS DA dieses Jahr gar nicht geht?“

3. Die Individuelle

So ist sie: Individuell. Der totale Nicht-Mainstream. Wild wird alles kombiniert, was ihr gefällt, was ihre Gesinnung zeigt, aber nicht zu dämlich aussieht. Und wehe, jemand kombiniert ähnlich oder trägt gar das gleiche Kleidungsstück wie sie. Dann war‘s das mit CSD-Love und die Individuelle wird ganz schnell mal zur CSD-Gegnerin.

Ihr Vorteil: In der Menge glänzt sie durch ihre Indivudualität. Und jede fragt, wo sie bloss DIESES T-Shirt her hat.

Ihr Nachteil: Sie ist ein bisschen zu individuell, um sich mit jemand anderem zu beschäftigen, als ihrem individuellen Gefolge.

Das trägt sie: Jeans und T-Shirt mit Aufdruck (I‘m gay, you‘re gay, she‘s gay, he‘s gay, GAYGAYGAY!/ Gay in the Gay-Way/ Pussy tastes like nom). Und bloss nicht zu viel Regenbogenkram, das tragen ja alle.

Ihr Satz: „Und dann seh ich einfach, dass sie sich mein Shirt nachgekauft hat und wir sind längste Zeit Freundinnen gewesen!“

4. Die Übertreiberin

So ist sie: Dabei. Laut, meist ziemlich alkoholisiert, und sie lebt frei nach dem Motto „Viel hilft viel“. Manche haben auch schon behauptet, sie mit einem Kleiderständer aus einem Gay-Shop verwechselt zu haben. Oder mit einem der Paradewägen. Sie singt am aller inbrünstigsten Melissa Etheridges „Like the way I do“. Dabei springt sie rum und bemalt alle, die nicht schnell genug ausweichen können, mit ihrem Regenbogenschminkstift.

Ihr Vorteil: Sie fällt auf.

Ihr Nachteil: Aber nicht unbedingt angenehm.

Das trägt sie: Alles in Regenbogenfarben. Eine Flagge, einen Overall, eine Perücke, Tattoos, Halsketten etc.

Ihr Satz: „I‘m on se right track baby, I was born siiiiisss waaaaaaay!“

5. Die CSD-Gegnerin

So ist sie: Anti, Anti! Sie besucht den CSD nur, um sich über die ganzen Möchtegern-Homos aufzuregen. Sie motzt die ganze Zeit über und kritisiert jede und jeden, die / der auch nur ein Fünkchen Spass hat. CSD ist nicht lustig! Wir werden ununterbrochen diskriminiert und  überhaupt, DAS IST NICHT DIE LOVEPARADE!

Ihr Vorteil: Sie weiss sehr genau, was ein CSD politisch bedeutet. Sie vergisst nicht, dass wir noch weit von einer echten Gleichstellung entfernt sind.

Ihr Nachteil: Sie hat keine Ahnung, dass Zusammenhalt auch durch Feiern und Leben entsteht.

Das trägt sie: Irgendwas. Völlig egal, darum geht es nicht!

Ihr Satz: „Wenn ich diese ganzen Partyhomos sehe, wünsch‘ ich mir hetero zu sein!“

+1 die Demonstrantin

In jedem dieser Stereotype steckt, trotz aller Maskerade, die Demonstrantin. Bei ihr geht es nicht um Kleidung, Social Life oder Alkohol. Sie geht auf die Strasse, ob nun aktiv in CSD-Paraden oder passiv als Zuschauerin, um aufmerksam zu machen. Egal, ob da nun Glitzerwimpern oder Regenbögen im Gesicht kleben: die Demonstrantin ist es, die die gesamte Pride-Kultur am Leben erhält und nährt. Und ehrlicherweise steckt sie in jeder von uns. Gelegentlich muss man ihr einfach vor Augen führen, dass CSDs eigentlich vor allem eins sind: Eine Demonstrationen für uns, unsere Lebensweise, und unsere Rechte.