Derzeit spriessen Contra-Homophobiebewegungen wie Pilze aus dem Boden. Es vergeht für mich kaum ein Tag, an dem ich nicht eine neue Gruppierung entdecke, die sich dem Kampf gegen Homophobie verschrieben hat. Aber Homophobie gibt es nicht erst seit gestern, und sie macht Menschen das Leben auch nicht erst seit gestern schwer. Woher kommt also nun dieser Rutsch, und wird es dadurch wirklich besser?

Wenn eine Minderheit zum Thema wird

Wer ein wenig die Nachrichten verfolgt, wird schon festgestellt haben, dass „nicht normative“ Sexualität so stark thematisiert wird, wie lange nicht mehr. Gesetze aus Teilen Russlands, Gesetzesvorschläge für Ungarn, der gambische Präsident, der eher auf Entwicklungshilfe verzichten würde, als Homosexualität anzuerkennen –  die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Homophobie scheint dieser Tage präsenter, als je zuvor. Frau könnte meinen, das öffentliche „Übersehen“/ „Vergessen“ der Regenbogenszene wandle sich in pure Ablehnung. Verglichen mit der kindlichen Entwicklung erleben wir wahrscheinlich gerade die grosse Phase des „Aus Prinzip NEIN!-Sagens“.

Wie wir zum Thema wurden

Aus der eher subkulturell geprägten LGBT-Szene wurde in den letzten Jahren immer mehr eine zum Teil stark politisch motivierte Emanzipationsbewegung, die nicht nur bunt und eigensinnig ist. Sie ist stark. Sie fordert Rechte. Sie fordert nicht nur Anerkennung, sondern auch Akzeptanz und Gleichstellung. Radikal formuliert: Sie fordert die Aufhebung einer Schublade. Der grossen Schublade voll von „nicht normativer“ Sexualität. Eine Schublade, die in vielen (nicht nur heterosexuellen) Köpfen fest verschlossen ist. Nun bewirkt aber eine immer stärker werdende Bewegung (mit CSDs zum Beispiel), dass diese Schublade immer weiter aufgeht, auffällig wird und sich in den Fokus rückt.

Woher kommt diese Homophobie…?

Mein Papa sagt beispielsweise über meine Beziehung, sie sei „biologisch unsinnig“. Und, ganz hart und ehrlich gesagt: Unrecht hat er, in meinen Augen und rein evolutionsbiologisch betrachtet, nicht. Stur gesehen, ohne moderne Biologie etc., wäre die Fortpflanzung in meinem Falle doch wahrlich etwas schwierig. Nun denken ja aber nicht alle naturwissenschaftlich, und deshalb gilt es an dieser Stelle auch auf den Einfluss von Normen hinzuweisen: Normen prägen unser tägliches Leben und setzen sich unter Anderem aus anerzogenen und erlernten moralischen, gesellschaftlichen, kulturellen und allenfalls auch religiösen Werten zusammen. Die erwähnte Schublade wird uns somit von aussen regelrecht aufgedrückt. Dass, völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung, Liebe einfach Liebe und Glück schlicht Glück ist, kann aber auch ganz einfach im Dienste des eigenen Wohlbefindens ignoriert werden. Denn so eigenartig das klingt: Homophobie ist eine Phobie. Eine Angst. Die Angst davor, dass das eigene, so wundervoll funktionierende Schubladendenken auf den Kopf gestellt wird, sodass man sich innerlich neu strukturieren, oder möglicherweise gar anerkennen müsste, dass es nicht nur einen Weg gibt. Ich halte Homophobie gar nicht immer für böswillig oder bewusst. Häufig zeigt sie in meinen Augen einfach eine Angst vor Veränderungen. Und was Menschen an wirklich unsinnigen, unmenschlichen Sachen aus Angst tun, muss ich niemandem erzählen. Homophobie ist keine Entscheidung, nicht dagegen ankämpfen zu wollen hingegen schon.

Wird es besser?

Love doesn‘t have labels, straight but not narrow, the L project, wipeout homophobia on Facebook, ANDERSRUMportrait, it gets better. Das ist nur ein Bruchteil von Bewegungen, die sich mit dem Kampf gegen die Angst vor „nicht normativer“ Sexualität beschäftigen. Jedes Einzelne dieser Konzepte ist grossartig, gut durchdacht und eine schöne Idee. Doch wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass es diese Bewegungen sind, die dazu beitragen, dass Homophobie abnimmt. Sie sind vielmehr eine Reaktion auf die Reaktion einer Aktion. Sie deuten mit dem Finger darauf, dass es diese Angst gibt. Sie legen vielleicht den Finger in die Wunde, und schaffen ein Bewusstsein für dieses Problem. Doch ein Kind, das Angst hat, beruhigt sich mit Sicherheit nicht dadurch, dass man ihm erzählt, dass da ein Monster unter seinem Bett wohnt, und im Detail beschreibt, wie es aussieht. Ein Kind beruhigt sich dadurch, dass man sich zusammen mit ihm vor das Bett setzt, und darunter schaut. Dass man ihm Schritt für Schritt zeigt, dass es da kein Monster gibt. Und ihm, wenn es trotzdem noch verängstigt ist, erklärt, dass es ganz weiches Fell hat und einem gar nichts Böses will.

Was ich sagen will: All diese Aktionen und Bewegungen helfen denen, die sich mit dem Thema beschäftigen, nicht den Mut zu verlieren. Aber das blosse „liken“ einer Facebookseite wird Anfeindungen, unmenschliche Gesetze und den Hass gegen uns nicht stoppen. Ich glaube auch nicht, dass die Zeit allein es besser macht. Aber ich bin mir sicher, dass der natürliche Umgang mit Sexualität auf Dauer Besserung bringt. Indem wir aufzeigen, dass wir natürlich sind. Dass es eigentlich kein „Wir“ und „Ihr“ gibt. Dass es nicht „unsere Liebe“ und „eure Liebe“ ist. Denn (Liebes-)Glück ist biologisch nicht unsinnig.