Es war einmal eine junge Frau. Gerade erst hatte sie sich schweren Herzens von ihrer Allerliebsten getrennt. Und erschien ihr die neu erlangte Freiheit zunächst auch ach so verlockend, war sie doch noch immer voller Kummer. Um diesen aus ihren Gedanken zu verbannen, wollte sie sich wieder in die Höhlen von Sodomo stürzen – nach Jahren fast vollkommener Abstinenz. Sie wollte wieder leben und spüren und frohlocken. Also ging sie eines Abends ihres Weges, durch finstere Wälder und in klirrender Kälte, denn der Winter beherrschte das Land und hatte es mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Viele Leute, eine wahre Menschenschar, hatten sich vor den Toren Sodomos versammelt, läuteten dessen Vorsteher doch gerade in dieser Nacht eine neue Ära ein. Die junge Frau, nennen wir sie Violetta, reihte sich  in die Wartenden ein. Und während die Minuten nur wie Stunden zu verstreichen schienen, langsam Unrast in ihr aufkeimte, und der eisige Wind die Gliedmassen erstarren liess, durchzuckte sie plötzlich ein heisser Blitz. Ihr Blick hatte dieses wunderbare Wesen, deren Schönheit wie ein gleissender Lichtstrahl alles andere überstrahlte, erhascht. Ihre Sommersprossen leuchteten den Sternen am Himmel gleich, ihre dunklen Augen funkelten wie lodernde Flammen. Ihr Körper, wohlgeformt und einer Göttin gleich. Alle schienen sie zu kennen, alle Blicke hatte sie auf sich gezogen. Nur Violetta war sie gänzlich unbekannt.

Sie liess die Schöne nicht aus den Augen, was wegen des vielen Volkes kein einfaches Unterfangen war. Endlich in den Höhlen von Sodomo angelangt, wo der heisse Dampf schon von den Wänden tropfte und die Menschen all ihre Hemmungen abgelegt hatten, ward es ihr möglich, sich ihr anzunähern, und genauer zu betrachten. Von Neugier und Verlangen gepackt, entglitt ihr keine Geste ihrer Angebeteten, keine ihrer Bewegungen und keines ihrer vielen strahlenden Lächeln. Es war, als ob ein Zauber über Violetta läge, so fasziniert war sie von dieser Frau. Und das, obwohl noch kein Wort zwischen ihnen ward gesprochen. „Was soll ich bloss tun?“, fragte sich Violetta, und versuchte, sich zu entsinnen, wie sie früher, als sie noch allein und mit kaltem Herzen durch die Lande zog, vorgegangen war. Sie verliess sich auf ihren Instinkt, beobachtete die das Orchester leitenden Dirigenten, und übergab ihren Körper ganz der Musik. In deren Rhythmus näherte sie sich der Schönheit an, suchte ihre Augen – und erlangte alsbald ihre Aufmerksamkeit. Wie von Geisterhand angetrieben, steuerten sie aufeinander zu. Der Abstand zwischen ihren Körpern wurde indes immer kleiner. Und als kaum mehr eine Stecknadel ihre Lippen voneinander trennte, gesellte sich gar der Bote der Liebe ganz in rosa gekleidet und fröhlich tanzend zu den Beiden hinzu.

Violetta fühlte sich ermutigt, den nächsten Schritt zu wagen. Doch, ganz abrupt, und ohne dass es eine Vorwarnung gegeben, nahm das romantische Schauspiel ein jähes Ende. Die Schöne sprach: „Weisst du denn nicht, wer ich bin? Vor vier Wochen trat ich im Hause meines lieben Vaters, dem König, vor den Altar, und schwor meinem Gemahl ewige Treue.“ Violetta wollte etwas erwidern, doch spürte sie plötzlich einen starken Schmerz, einem Stich mit einem Messer gleich, in ihren Augen. Sie konnte nichts mehr sehen, alles war verschwommen, das Augenlicht von einem eigenenartigen Schleier bedeckt. Der Urheber: eine Elfe, deren güldener Staub die Unglückliche hatte inne halten lassen. Das Wesen sprach: „Vergiss sie, vergiss sie jetzt! Lass sie von dannen ziehen, oder du wirst für immer verflucht sein.“ Violetta blinzelte, versuchte etwas zu erkennen – doch die Prinzessin schien vom Erdboden verschluckt, wie weggezaubert, von dannen. War dies ebenfalls das Werk der Elfe? Noch immer volltrunken der vermeintlichen Liebe war sie im Begriff, alle Warnungen in den Wind zu stossen. Doch just in dem Moment, als sie sich auf die Suche nach der Holden machen wollte, nahm sie ein beunruhigendes Gefühl in ihrer Brust war. Das Blut hatte aufgehört, durch ihr Herz zu fliessen. Und mit jedem Tropfen, der es nicht mehr nährte, wurde es kälter und kälter – bis es irgendwann ganz aus Stein war. Das war der Fluch, von dem die Elfe hatte gesprochen. Das war die Strafe dafür, dass sie tun wollte, was ist verboten.

Violetta war in diesem Moment der unglücklichste Mensch im ganzen Königreich. Die Elfe, das einzige Wesen, das ihr in dieser Situation vielleicht hätte helfen können, hatte sie ihr doch den Fluch auferlegt, war weg. Aber, Moment, was war das? Hatte sie nicht eben wieder den Boten der Liebe gesehen? Er trug zwar ein anderes Kleid als noch zuvor, dunkelrot war’s nun, doch, ja, wahrlich, er war es! Tänzelnd und mit einem verheissungsvollen Lächeln auf den Lippen kam er auf Violetta zu und sprach: „Es ist noch nichts verloren. Du weisst, wer ich bin, und wofür ich stehe. Und ich weiss, dass es Dich nach Liebe dürstet.“ Er nahm ein Fläschchen hervor und fuhr fort: „Trink dieses süsse Elixier und du wirst deine Chance erhalten. Trink und durch dein Herz wird wieder Blut fliessen. Blut, so warm wie nie zuvor!“ Violetta spürte, dass ein Herz aus Stein keine wahre Freude zulassen würde, keine wahren Gefühle, und vor allem keine wahre Liebe. Also nahm sie den Trank an sich, und setzte ihn an ihre Lippen. Nur kurz hielt sie inne, um sich ein letztes Mal zu fragen, ob diese Entscheidung wohl richtig sei. Doch sie sollte die Bestätigung schon bald erhalten, denn mit dem ersten Tropfen, den sie schluckte, begann ihr Herz sogleich wieder zu pulsieren, wurde warm, wärmer, heiss und entledigte sich eilig dem Mantel aus kaltem grauen Stein. Alles um sie herum, die Farben, das Licht, die Hitze, die Menschen, hatte sie noch nie in dieser Form wahrgenommen. Es war so intensiv, dass ihre Sinne, ihr Geist und ihr Körper beinahe damit überfordert waren.

“Wo ist sie?“, fragte sie eilig den Boten. Der liess einen schwarzen Raben durch die Höhlen Sodomos kreisen, der, kaum in den Lüften, schon laute Rufe von sich gab. Er hatte die Prinzessin gefunden, hier, zwischen all den extatisch zuckenden Menschen.  Die vom Elixier Beflügelte rannte, so schnell sie konnte, an allen Tanzenden vorbei und zu ihr hin. Sie sprach: „Wann, sag mir, wann kann ich dich wieder sehn?“ Die Holde lächelte und setzte zu folgender Antwort an: „Ich werde dich finden, sorge dich nicht. Eine Nachricht wirst du erhalten, sie wird in deinen Gemächern auf dich warten. Lies meine Worte aufmerksam und entscheide weise deine nächsten Schritte. Doch eines ist stets Gebot: Du sollst in all deinen Handlungen Vorsicht walten lassen. Denn auch wenn ich hier und jetzt mit dir spreche, und dir mitnichten abgeneigt bin, so bleibe ich dennoch eine verheiratete Frau.“ Sie streichelte sanft Violettas Hand – und ging von dannen.

Violetta machte sich sogleich auf den Heimweg und streifte so schnell sie konnte durch die dunklen und verschneiten Wälder. Würde die Prinzessin ihr Wort halten? Doch alle Zweifel waren umsonst, denn vor dem Fenster ihrer Gemächer fand sie eine weisse Taube vor. Diese trug um den Hals die versprochene Botschaft: „Du weisst nun bereits um meine Zuneigung. Doch möchte ich auch nicht leugnen, dass ich zweifle, ob was ich tue wahrlich richtig ist. Denn vor Gott, meinem Gemahl und meiner Familie habe ich ewige Treue geschworen. Trotzdem sollst du deine Chance erhalten. Wenn du es schaffst, mich in den nächsten sechs Monaten für dich zu gewinnen, so werde ich dein sein. Zu Beginn sei dir aber nur erlaubt, schriftliche Worte an mich zu richten. Die Taube wird sie zu mir überbringen. Erwärmen diese mein Herz und entfachen sie auch meine Leidenschaft, so erlaube ich dir ein Treffen. Und wenn ich dann weder meine Hände noch meine Lippen von dir lassen kann, so gehöre ich dir.“ Und während Violetta diese Zeilen las, pumpte das heisse Blut unaufhörlich durch ihren Körper hindurch.

Fortsetzung folgt…